Neu-Europa wackelt

Ex-Präsident Walesa drängt zum Rückzug aus dem Irak Nicht länger mit polnischem Blut für amerikanische Fehler bezahlen

Andrzej Andrzejczak kann sein Unglück nur schwer in Worte fassen: "Die Armee ist nicht schuld... Aber die Regierung. Sie hat die Jungs in diesen Krieg geschickt. Was für ein Krieg ist das? Hat denn jemand Polen angegriffen?" - Immer wieder wischt sich Andrzejczak die Tränen aus dem Gesicht. Am 21. August ist sein Sohn Krystian als zehnter polnischer Soldat im Irak ums Leben gekommen. 17 Polen starben inzwischen zwischen Euphrat und Tigris: 13 Soldaten, zwei Angehörige der Sondereinheit Grom, die Bodyguards für eine US-Firma stellt, und zwei TV-Journalisten.

Mit jedem Toten hat sich die Stimmung geändert - gaben zu Beginn der polnischen Irak-Präsenz die Befürworter den Ton an, während die Mehrheit schwieg, ist es nun fast umgekehrt. Selbst das Warschauer Establishment, das bislang vorbehaltlos hinter den USA stand, denkt an Rückzug oder ein eingefrorenes Kontingent. Am weitesten vorgewagt hat sich bislang die Bauernpartei (PSL/s. Übersicht unten), deren Vorsitzender Janusz Wojciechowski mit Millionen Unterschriften gegen die kniefällige Amerika-Politik von Präsident Kwasniewski protestieren will. Kein unrealistisches Ziel: Laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts CBOS waren Ende August 73 Prozent der Polen gegen das Irak-Abenteuer. Janusz Wojciechowski kann für sich beanspruchen, als einer der ersten öffentlich gesagt zu haben, was die Mehrheit denkt: "Das ist ein schmutziger Krieg, ein Krieg ohne moralische Berechtigung. Besatzer zu sein - das widerspricht unserer nationalen Tradition."

In der Warschauer Innenstadt, keine Hochburg der Bauernpartei, fällt deren Unterschriftenaktion am vergangenen Wochenende auf überraschend fruchtbaren Boden. Mancher Passant setzt neben seinen Namen einen zusätzlichen Kommentar. "Schluss mit dem Mord an polnischen Jungs", "Das ist nicht unser Krieg", "Schluss mit der Unterwürfigkeit". Selbst in der regierenden Linkskoalition von Marek Belka sind die Stimmen für einen Rückzug unüberhörbar. Am weitesten vorgewagt hat sich Izabela Jaruga-Nowacka von der kleinen Union der Arbeit (UP), immerhin ist sie Vizepremier: "Ich finde, dass die Kampagne der Bauernpartei eine gute Aktion ist. Wir waren von Beginn an gegen diesen Krieg."

Solche Erklärungen scheinen in diesem Herbst ein modisches Credo unter Polens Politikern zu werden: Mich hat in Sachen Irak keiner gefragt, ich war immer schon dagegen. So lässt sich auch Parlamentspräsident Jozef Oleksy (SLD) vernehmen: "Der Entschluss für den Irak-Einsatz wurde von der Regierung gefasst - nicht von der Partei!"

Verteidigungsminister Jerzy Szmajdzinski, dem das Irak-Kontingent untersteht, kündigt unisono mit Präsident Kwasniewski eine "bedeutende Reduktion des polnischen Kontingents" ab 2005 an, um im gleichen Atemzug anzufügen: "Bündnisverpflichtungen, die wir eingingen, haben wir zu erfüllen."

Tatsächlich scheint sich die Linkskoalition, die für die Truppenentsendung in den Irak verantwortlich ist, mit ihrem beflissenen Gehorsam gegenüber den USA in eine wenig komfortable Lage manövriert zu haben: Ein "Durchbruch" im Irak ist ebenso ausgeblieben wie das blühende Geschäft, auf das Polens Wirtschaft am Euphrat spekulierte. Trotz seines proamerikanischen Engagements hat es Polen nicht geschafft, für die USA mehr zu sein als ein Alliierter unter vielen. Weder beim Streit um die polnische Visa-Pflicht bei Einreisen in die USA noch bei der versprochenen Umrüstung der Armee mit schwerem Militärgerät zeigten sich die Amerikaner bislang generös - nur zugeben will das in Warschau niemand. Bis einem Mann der Kragen platzte, der zwar längst im politischen Ausgedinge ist, aber noch nie um kernige Formulierungen verlegen war: "Mit Amerikanern muss man amerikanisch reden", gab jüngst Ex-Präsident Lech Walesa zu Protokoll. "Man muss ihnen Rechnungen ausstellen. Wir zahlen heute mit polnischem Blut die Zeche für die Fehler amerikanischer Politiker. Und sie behandeln uns im Gegenzug wie das fünfte Rad am Wagen. Die Amerikaner achten nur diejenigen, die reich, klug und stark sind. Polen ist aber immer noch ein komplexbeladenes dummes Gänschen."

Abgesehen von der SLD, die inzwischen zwar gern ihren Abschied aus der Irak-Mission nehmen möchte, ohne zu wissen, wie ihr das gelingen könnte, stehen heute nur noch zwei politische Parteien bedingungslos hinter dem Militäreinsatz: die rechte Bürgerplattform (PO) und die Law-an-Order-Partei PiS der Brüder Kaczynski.

Selbst die geschwätzigen Flaneure der Boulevard-Journalismus, die sich vor Jahrfrist noch in dramatischen Frontepen über "unsere Helden" ergingen, schreiben inzwischen missvergnügt pessimistische Betrachtungen - ein untrügliches Zeichen, wie die Stimmung kippt. Ende August titelte der Super Express, ein Flaggschiff der Yellow-Press: "Mit Gewalt in den Tod geschickt". Darunter stand die Geschichte eines im Irak getöteten polnischen Soldaten, der angeblich - um überhaupt einen Dienstvertrag in der Armee zu bekommen - seine Zustimmung zu Auslandseinsätzen geben musste, Irak und Afghanistan inklusive.


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Polen im Irak - eine Chronik

Schulterschluss
29. Januar 2003 - Polens Premier Leszek Miller unterzeichnet mit den Regierungschefs Spaniens, Portugals, Italiens, Großbritanniens, Ungarns und Dänemarks die Erklärung "Europa und Amerika müssen zusammenstehen", mit der die Irak-Kriegsvorbereitungen der USA unterstützt werden.

Mittlerer Süden
3. September 2003 - Beginn der polnischen Irak-Mission. Eine internationale Einheit unter polnischem Kommando übernimmt von US-Marines die Besatzungszone "Mittlerer Süden".

Entschuldigung bei Chirac
3. November 2003 - Nach Funden polnischer Suchtrupps beschuldigt Warschau die Regierung in Paris, das Waffenembargo gegen den Irak verletzt zu haben. Später stellt sich heraus, dass die entdeckten Raketen vor dem Beginn des Boykotts geliefert wurden. Verteidigungsminister Szmajdzinski muss sich bei Jacques Chirac entschuldigen.

Erste Tote
6. November 2003 - im Sejm wird erstmals die Forderung nach einem Rückzug des polnischen Korps erhoben, nachdem der erste polnische Soldat im Irak gefallen ist.

Eingekesselt
13. August 2004 - 70 polnische Soldaten werden gemeinsam mit irakischen Polizisten in der Stadt al Hilla von Kämpfern Muqtada al Sadrs eingekesselt. Am nächsten Tag gelingt ein Ausbruch ohne Verluste. Ende August steigt die Zahl der polnischen Opfer im Irak auf 14 - am 7. Mai war bei Bagdad der Starreporter Witold Milewicz ums Leben gekommen.

Botschaft im Visier
25.August 2004 - Die polnische Botschaft in Bagdad wird Ziel eines Anschlags. Drei Tage zuvor, nach dem Tod des zehnten polnischen Soldaten im Irak, erklärt die Bauernpartei (PSL), Unterschriften für einen Rückzug sammeln zu wollen. Ihr schließen sich an: die Partei Samoobrona, die katholisch-nationale Liga Polnischer Familien (LPRP) und Teile der regierenden SLD.

Keine Antwort
6. September 2004 - In einem Gespräch mit der New York Times kritisiert Präsident Kwasniewski erstmals die Supermacht-Politik der USA. Eine Antwort auf die Frage, ob er die Truppenentsendung in den Irak bereue, verweigert er jedoch.

Gefecht bei al Hilla
12. September 2004 - eine polnische Patrouille gerät bei al Hilla erneut in ein heftiges Gefecht mit Aufständischen, dabei werden drei Soldaten getötet.

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00:00 17.09.2004

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