Neue Blätter für jeden Tag

Zielgruppe Sonntagsleser Bei schrumpfenden Werbemärkten verschärft sich die Konkurrenz der Zeitungsverlage

Anfang der siebziger Jahre gab es im Ruhrgebiet einen Oberstudienrat Müller. Er trug einen Scheitel wie Manfred Kanther, doch er verehrte Willy Brandt. Seinen Schülern legte er immer wieder die Lektüre der Wochenzeitung Die Zeit nahe. Sie erscheint am Donnerstag und wird am Wochenende gelesen, in der Hoffnung, ihre Hintergrundberichte würden so lange aktuell bleiben. Herr Müller ist keine Erfindung, auch wenn es die Modernisierungsstrategen der Zeit ärgert, immer noch als »Zeitung der Studienräte« eingestuft zu werden. Die Empfehlung des Herrn Oberstudienrat verfing bei seinen Schülern aus Prinzip nicht. Die Zeit war ihnen zu dick und zu zahm. Daran hat sich bis heute trotz des Einsatzes von Farben und Fotos nichts geändert. Einige der Schüler bauten seinerzeit vielmehr eine eigene Bibliothek der Schülervertretung auf. Dort lernten sie neben vielen anderen Blättern, die es heute nicht mehr gibt, die Deutsche Volkszeitung, eine der beiden Vorläuferinnen des Freitag, kennen.

Im Ruhrgebiet sahen sich die Schüler damals wie heute der mächtigen Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (WAZ) ausgesetzt. Monopolblätter halten es aber nicht für nötig, über alles zu berichten. So wurde die Neue Gladbecker Zeitung gegründet. Drei oder vier Ausgaben erschienen, sie erregten viel Aufsehen, außer in der WAZ, doch die Zeitung war natürlich nicht kommerziell lebensfähig. Aus ähnlichen Antrieben ist aber immerhin Ende der siebziger Jahre die taz entstanden, die es heute noch gibt. Wie lange noch, wissen wir nicht und sie selbst auch nicht.

Im Ruhrgebiet, übrigens mit der Einwohnergröße von zwei Berlins, hat neben dieser jugendlichen Renitenz die Fußballbegeisterung immer eine wichtige massenkulturelle Rolle gespielt. Seinerzeit fanden noch alle wichtigen Spiele samstags statt. Die ARD-Sportschau durfte nur drei zeigen. Die wenigsten waren bereit, bis zur Montagsausgabe der WAZ zu hungern. Das war der Markt, auf dem sich Axel Springer seine goldene Nase verdienen durfte: der Platz für Bild- und Welt am Sonntag.

Es gehörte zum jahrzehntelangen Friedensabkommen der großen Verlegerfamilien, dass die Märkte klar aufgeteilt waren. Der WAZ gehörte das Ruhrgebiet, außer am Sonntag, da übernahm Springer. Linke Fußballfans waren damit immer unzufrieden. In der Politszene waren sie als kulturlose Prolls verschrien. Erst seit sich in den achtziger Jahren Neonazis in die Fanszene einschlichen, bekamen linke und antirassistische Fußballfans gesellschaftliche Anerkennung. Auf dieser Basis entstand in den achtziger Jahren die Idee einer sonntäglichen, von WAZ und Springer unabhängigen Revier-Rundschau. Wäre sie gefährlich geworden? Wir wissen es nicht. Der WAZ gelang es, Druckereien und mögliche Grosso-Partner ausreichend vor einer Kooperation mit dem neuen Blatt zu warnen; das Konzept war vielleicht auch nicht reif genug. Übrig geblieben ist immerhin die Revier-Sport ganz ohne Politikteil. Mit ihrer Konzentration auf die Reviervereine hat sie ihre Marktnische und Anerkennung in der Fanszene gefunden. Viele ihrer ehemaligen Mitarbeiter sind längst teuer bezahlte Mitarbeiter von Fernsehsendern geworden. Am Rhein von Düsseldorf bis Bonn wird der entsprechende Platz von Neven DuMonts Express besetzt gehalten. Immer noch fehlt aber im Westen Deutschlands eine Zeitung mit überregionaler Bedeutung. Und immer noch gibt es keine bundesweit politisch ernstzunehmende Sonntagszeitung, die nicht Springer gehört.

Der Oberstudienrat Müller fragt sich, wofür er die braucht. Er hat doch nicht nur die Zeit, sein damaliger Schüler den Freitag; beide haben auch die dicken Samstagsausgaben der Süddeutschen Zeitung, der Frankfurter Rundschau oder der Frankfurter Allgemeinen Zeitung auf dem Stapel »Lesen!« liegen und sich fest vorgenommen, den am Sonntag zu schaffen. Werden sie sich umgewöhnen? Wir werden es bald wissen.

Der Frieden zwischen den Verlegerfamilien wird nämlich aufgehoben. Viele der Familienpatriarchen sind tot. Die Verlage gehören ihren Erbengemeinschaften, die schwer zusammenzuhalten sind, allenfalls durch satte Profite. Bei einer der beiden WAZ-Familien (Funke) hat pikanterweise Helmut Kohls Anwalt Stephan Holthoff-Pförtner diese Aufgabe übernommen; die andere SPD-nahe Familie Brost lässt die Geschäfte von Kohl-Spender Erich Schumann führen. Bei Springer regiert die Witwe mit Kirch; in Köln bei Neven DuMont regiert noch der Patriarch und artikuliert in hektischen Briefwechseln mit dem NRW-Ministerpräsidenten Clement seine Nervosität. All diese vielfachen Millionäre sind schwer bedrückt über die Konjunkturkrise, die sich überproportional auf den Werbemarkt überträgt. Im Verlegerleben fließen die Geldströme nicht mehr von selbst. Wann hat es das zuletzt gegeben, dass die sich verringerten? Von der heutigen Verlegergeneration kann sich daran niemand zurückerinnern.

Nun bläst die Konkurrenz zum Angriff. Der Spiegel erwägt den Sonntag als Erscheinungstag. Dort gibt es Unruhe, weil die Mitarbeitergesellschaft mit der Profitsituation unzufrieden ist. Die Fernsehabenteuer von Chefredakteur Aust beeinträchtigen die Verlagserlöse. Doch diese Spiegel-Gerüchte dürften mehr Reaktion als Strategie sein und würden erst mal keine Veränderung der publizistischen Landschaft bedeuten.

Wichtiger sind dagegen die bundesweiten Sonntags-Pläne der FAZ, die am wenigsten familiär, sondern eher wie eine Mischung von modernem Konzern und Geheimloge geführt wird. Sie wird damit zu einer Gefahr für die Wochenblätter und für Springers Welt am Sonntag. Die FAZ investiert von allen am meisten ins journalistische Personal, hat das dichteste KorrespondentInnen-Netz und einen mit vielen Publizistikpreisen dekorierten Sportteil. Hartnäckig hat sie sich allen modernisierenden »Relaunches« verweigert. Wenn sie ihr Kapital nicht in TV-Abenteuern verbrennt, hat sie gute Marktchancen, weniger bei den Fans, mehr bei den Studienräten. Das Ruhrgebiet im Westen, das sei hier eingefügt, hat mittlerweile die höchste Hochschul- und Akademikerdichte von allen deutschen Regionen.

Letzteres begründet den Verdacht der Süddeutschen, dass die Westdeutschen auf sie warten. Die beste deutsche Tageszeitung mit der größten Meinungsbreite hat, wie die FAZ, der Wochenpresse mit Qualität einiges Wasser abgegraben. Sie drohte nun nach den kostspieligen vergeblichen Wettrennen in Berlin ihre regionale Kompetenz im Westen zu erhöhen, mit 10-15 zum Teil journalistisch ausgezeichneten MitarbeiterInnen. Nachdem die alten Regionalfürsten zunächst Gleichgültigkeit und Souveränität vorspiegelten, haben sie seit einigen Wochen das Kriegsbeil ausgegraben. Die Süddeutsche wird aus den regionalen Vertriebsnetzen rausgeworfen. Sie muss ein eigenes aufbauen. Das kostet viel Zeit und viel Geld und wird, so hoffen die Barone im Westen, für neuen Streit zwischen den vier SZ-Verlegerfamilien sorgen. Die WAZ soll schon angeboten haben, die Erbengemeinschaften auszuzahlen. Bei der Süddeutschen müssen aber alle vier einverstanden sein. Das sind sie (noch?) nicht.

So wartet der Leser am Sonntag und der Leser im Westen weiter darauf, dass die Marktwirtschaft ihn endlich mit publizistischer Qualitätsware versorgt. Viele gut ausgebildete JournalistInnen leiden unter den Pressemonopolen. Sie leiden inhaltlich, weil nicht wenige in Konflikte mit der Hauslinie geraten und durch mangelhafte Konkurrenz von Aufträgen abgeschnitten werden. Sie leiden ökonomisch, weil sehr viele Arbeitsplätze in Redaktionen wegrationalisiert werden konnten. Sie leiden unter den Hierarchien, die in Monopolhäusern kaum bekämpfbar, publizistische Innovationen so kaum durchsetzbar sind. Zu Recht müssen die meisten Blätter deswegen feststellen, dass sie von Jugendlichen immer weniger gelesen werden. Sie sind nicht spannend. Viele junge JournalistInnen würden sich freuen, wenn sie bei mehr inhaltlicher Vielfalt mithelfen dürften und wenn der eine oder andere sichere Arbeitsplatz dabei herauskäme. Heißt es nicht immer, wir müssten »mehr arbeiten«? Für die deutsche Tagespresse ist das sicher richtig.

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00:00 03.08.2001

Ausgabe 42/2021

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