Neue Demut

Literatur Der Mensch nimmt eine Sonderstellung in der Natur ein. Wie lässt die sich bestimmen, ohne in Größenwahn zurückzufallen? Ein Sammelband will’s wissen

Der Klimawandel, das sind wir. Die Pandemie auch. Das Artensterben sowieso. Bleibt zu wissen, wer dieses Wir ist. Um den Schlamassel aus Katastrophen und Deutungen positionieren zu können, hat sich der Begriff „Anthropozän“ durchgesetzt. Ursprünglich die Benennung eines neuen Erdzeitalters (über dessen Relevanz die Geologen noch uneins sind), ist das Wort inzwischen zur allgemeinen Chiffre in Kultur, Politik und Alltag avanciert. Allerdings stellt der Einzug des Menschen in die Naturwissenschaft die Geisteswissenschaft vor eine besondere Herausforderung: In den letzten Jahrzehnten wurde die Geisteswissenschaft nie müde, ihn aus dem eigenen Gedankengebäude hinauszuwerfen. Als Erkenntnisgegenstand konnte „der Mensch“ nur essenzialistisch, normativ, kolonialistisch und sexistisch sein, darum musste er „wie am Meeresufer ein Gesicht im Sand“ (Michel Foucault) verschwinden. Nun gebietet seine unerwartete Rückkehr eine gründliche Revision. Einen anregenden Anlauf dafür liefert der von dem Philosophen und Schriftsteller Hannes Bajohr gerade herausgegebene Sammelband Der Anthropos im Anthropozän. Die Wiederkehr des Menschen im Moment seiner vermeintlich endgültigen Verabschiedung. Die Beiträge stammen von einer gleichnamigen Tagung, die 2019 am Zentrum für Literaturforschung (ZfL) in Berlin stattfand.

Eine höchst paradoxe Gestalt ist er in der Tat, dieser Anthropos. Dass er überall so unbeabsichtigt wie unvorsichtig seine Fußabdrücke hinterlassen hat, kommt von seiner fatalen Illusion, Herrscher und Besitzer der Natur zu sein. Notgedrungen muss er nun einsehen, dass er durch und durch in einem Interdependenzverhältnis zu seiner Mitwelt steht. Nur fällt diese neugewonnene Demut mit der Feststellung zusammen, dass kein anderes Lebewesen als er eine solch destruktive Macht entwickeln konnte. Insofern besitzt er wohl eine Sonderstellung in der Biosphäre. Aber wie lässt sich diese bestimmen, ohne ins alte anthropozentrierte Bild zurückzufallen? Keine rein akademische Frage: Die Suche nach einer „Rückwendung ohne Rückkehr“ (Bajohr) hat durchaus praktische Implikationen. Denn selbstverständlich will die Anthropozän-These nicht nur das neue Zeitalter des Menschen beschreiben, sie will seine mögliche Selbstauslöschung abwenden. Hierzu spricht der niederländische Meteorologe Paul J. Crutzen, ein Miterfinder des Begriffs „Anthropozän“, von einer Revolte „gegen eine Supermacht namens Natur“. Wir müssten die ökologisch-wirtschaftliche Steuerung der Erde übernehmen, notfalls mit Geo-Engineering, meint Crutzen. Kaum hat Prometheus die ungewollten Folgen seines Tuns entdeckt, macht er sich wieder an die Arbeit, nur diesmal bewusst und konstruktiv. Zwar plädieren andere wiederum für Enthaltsamkeit und Vorsorge, doch ebenfalls mit der Begründung, dem Menschen obliege nun die Aufgabe, die Welt zu retten. So schlägt die gelebte Ohnmacht in ein Machtprojekt um, die anthropozentrische Kränkung in mehr Anthropozentrismus.

Überbetonung des Humanen

Dagegen wird in Hannes Bajohrs Sammelband eine interessante These wiederbelebt, die der Philosoph und Anthropologe Helmuth Plessner (1892 – 1985) in den 1920er Jahren aufgestellt hat. Die Sonderstellung des Menschen läge nämlich an seiner „exzentrischen Positionalität“ im organischen Ganzen. Naturphänomenen gegenüber sei er „Eckensteher“ und „Neinsager“ zugleich. Bei diesem Versuch, Biologie und Soziologie zusammenzudenken, bleibt ganz altmodisch die Differenz zwischen Natur und Kultur aufrechterhalten. Ein günstiger Standpunkt, um die „Überdehnungen“ gegenwärtiger Diskurse skeptisch zu betrachten: die konstruktivistische Leugnung der Natur wie den Vitalismus der Gaia-Lehre von James Lovelock und Lynn Margulis, wonach die Erde und ihre Biosphäre ein lebendiger Organismus sind, die Überbetonung des Humanen in der Anthropozän-Theorie (viele Naturereignisse sind doch nichtmenschlichen Ursprungs) wie die Undifferenziertheit der antihumanistischen Kritik (schließlich sind es eben Menschen, die anderen Lebewesen Grundrechte zusprechen).

Das Dilemma lässt sich so formulieren: Wie kann man vermeiden, in die Falle des Weltgestaltungsgrößenwahns zu tappen, ohne dem Menschen jegliche politische und ethische Verantwortung abzustreiten? Der Kernvorschlag im Sammelband heißt: negative Anthropologie. Demnach lässt sich der Anthropos nur über das definieren, was er nicht ist. Selbstverständlich gibt es kein kollektiv denkendes und handelndes Subjekt namens „Mensch“. Der Kollektivsingular ist nur in Anbetracht der Gefahr zulässig, die allen gemeinsam droht. Negativ ist die Bestimmung, indem sie aus der Zukunftslosigkeit hergeleitet wird, die es abzuwenden gilt. Die Ansicht stammt von Günther Anders (1902 – 1992), und es ist ein Verdienst des Buches, diesem heute so vergessenen wie unentbehrlichen Denker gebührend Platz einzuräumen.

Günther Anders pflegte sich übrigens über den Hang der Akademiker zu mokieren, den Schriften der Kollegen mehr Aufmerksamkeit zu schenken als dem eigentlichen Forschungsgegenstand. Bei der Lektüre des Anthropos im Anthropozän schleicht sich zuweilen der Eindruck ein, dass die Zukunft der Theorien mehr Platz einnimmt als die der Menschen. Mit der wiederentdeckten negativen Anthropologie wird offenbar versucht, eine Brücke zwischen Neo- und Posthumanisten zu schlagen, und die ökumenische Absicht lässt einiges an kritischer Schärfe vermissen. Bemerkenswert ist jedenfalls, wie sich die nicht gerade erfreuliche Kunde des Klimawandels, einmal von der posthumanistischen Deutungsmaschine verarbeitet, in Diskursrausch umwandelt. Vielleicht können die „spekulativen Fabulationen“ der amerikanischen Wissenschaftshistorikerin Donna Haraway oder die metaphernschwangeren Narrative von Bruno Latour, dem französischen Erfinder der soziologischen Akteur-Netzwerk-Theorie, zur – wie an einer Stelle angenommen – „notwendigen Filterung der Komplexität“ beitragen, wahrscheinlicher ist aber, dass sie sich – wie an einer anderen Stelle eingeräumt – in „Wunschdenken“ auflösen.

Die Abschaffung der Mensch-Tier-Differenz wird gefeiert, dabei gerät der Befund aus dem Blick, der doch ganz am Anfang der Anthropozän-These stand, nämlich das Überhandnehmen des Mülls in der Welt, von Mikroplastik über Chemikalien bis hin zu CO2-Ausstößen. Von einer anorganischen Masse also, die den Weiterbestand von Lebewesen zunehmend gefährdet, ganz gleich ob menschlich oder nichtmenschlich. Über diesen nicht assimilierbaren, destabilisierenden Faktor kann die ältere Anthropologie keine Auskunft geben. Zeitgemäß wäre eine Theorie, in deren Zentrum der Müll stünde.

Da wären wir bei einem auffällig, nicht versehentlich abwesenden Thema im Sammelband. In der Einleitung kündigt Bajohr an, Phänomene untersuchen zu wollen, „die sich nicht, oder nicht allein, aus kapitalistischen Dynamiken erklären lassen“. Mit dieser Ausklammerung soll eine „Reduktion an Erklärungskraft“ gemieden werden. Stattdessen öffnet sie die Tür für dubiose Einlassungen, zumindest in den Beiträgen, die sich auf den Star der Subaltern Studies, den indischen Historiker Dipesh Chakrabarty, beziehen. Da wird der Kapitalismus nicht beiseitegelassen, sondern vollkommen exkulpiert. Nicht die ökonomische Ungleichheit sei Ursache des Anthropozäns, es sei „nicht durch bewusste Entscheidungen“ entstanden, sondern „durch nicht intendierte Folgen von Handlungen“. Aber erfolgten diese Handlungen nicht aufgrund von Entscheidungen, die, wie es etliche historische Studien belegen, alles andere als demokratisch und mit dem primären Ziel der Kapitalvermehrung getroffen wurden? Egal, welcher Bruchteil der Erdbevölkerung die ursprüngliche Verantwortung trägt, meint Chakrabarty, von den Konsequenzen seien wir doch alle betroffen, es gebe ja „kein Rettungsboot für die Reichen“. Das mag in Anbetracht einer hypothetischen Apokalypse stimmen, einstweilen verfügen die Vermögenden sehr wohl über Jachten und sonstige Zufluchtsorte, um sich vor Umweltkatastrophen oder Pandemien zu retten, indes die überwiegende Mehrheit, die an den Ursachen am geringsten teilhatte, sich den Auswirkungen am wenigsten entziehen kann. In einem weiteren Beitrag wird „Konsum“ zum entscheidenden Faktor erklärt, jedoch um alsbald mit der „Selbsterhaltung von Menschen“ gleichgestellt zu werden. Haben Nestlé, Monsanto oder Exxon wirklich keinen anderen Anteil am Anthropozän, als dem Konsumdurst der „hedonistischen Massengesellschaft“ treu entgegenzukommen? Wer bei einem Thema, das mit Fossilwirtschaft und industrieller Ausbeutung so eng zusammenhängt, von kapitalistischen Dynamiken nicht reden will, fällt zwangsläufig in ein ahistorisches, verallgemeinerndes Ökonomieverständnis zurück.

Zu Recht wird im Sammelband der Anthropozän-Begriff für seine Vernaturalisierung menschlicher Zusammenhänge kritisiert. Ebenso anfechtbar ist allerdings die Anthropologisierung von wirtschaftlichen und sozialen Verhältnissen. Das ist umso bedauerlicher, als Profitfixiertheit und Warenwerdung nicht nur entscheidend zum jetzigen desolaten Weltzustand beigetragen haben, sie stellen zudem das größte Hindernis bei dessen möglicher Überwindung dar. Die Covid-19-Pandemie zeigt einmal wieder, wie die sakrosankten Marktgesetze außer Kraft gesetzt werden müssen, sobald es ernst wird. Sicherlich wäre es töricht, von einer philosophischen Untersuchung „Lösungsansätze“ zu verlangen. Doch dürfte uns, warnte Anders, die Perspektivlosigkeit nicht von der Praxis abhalten: „Als moralisch Aktive haben wir dümmer zu sein, als wir sind.“

Guillaume Paoli, 1959 in Frankreich geboren, lebt in Berlin. Zwischen 2008 und 2013 war er Hausphilosoph am Leipziger Theater. 2019 erschien Soziale Gelbsucht, sein Buch über die Proteste der Gilets Jaunes in Frankreich bei Matthes & Seitz.

Info

Der Anthropos im Anthropozän. Die Wiederkehr des Menschen im Moment seiner vermeintlich endgültigen Verabschiedung Hannes Bajohr (Hg.), De Gruyter 2020, 250 S., 89,95 €

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06:00 26.05.2020

Ausgabe 44/2020

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