Neue Energie für den Gemeinsinn

Genossenschaften Überall im Land greifen inzwischen Bürgerinitiativen nach Stromnetzen und Ökokraftwerken. Sie wollen mehr saubere Energieversorgung

Das Vorhaben ist ehrgeizig. Einige nennen es utopisch. In seiner Dimension ist es einmalig in Deutschland. Denn dreistellige Millionenbeträge sind im Spiel, vielleicht sogar ein paar Milliarden – willkommen in der Energiewirtschaft. Es ist das Spielfeld von Marktmacht und Rendite. Den Männern und Frauen, die seit Ende April für ihr ambitioniertes Projekt werben, geht es aber um mehr: um gelebte Demokratie, um Gemeinsinn, um Bürgerbeteiligung bei der Energiewende.

Mit ihrer neu gegründeten Genossenschaft Bürger Energie Berlin (BEB) fordern sie den Vattenfall-Konzern heraus. Sie wollen ihm das Berliner Stromnetz abkaufen. Ende 2014 läuft der Konzessionsvertrag des Landes Berlin mit dem Energieriesen über den Netzbetrieb aus. In den nächsten Monaten wird deshalb neu ausgeschrieben, wer künftig Herr sein soll über das knapp 40.000 Kilometer lange Stromnetz der Stadt und seinen lukrativen Betrieb für zwei Millionen Kunden.

Die BEB ist in dem Rennen ein exotischer Bewerber. Mit Genossenschaftsanteilen von mindestens 500 Euro, so der Plan, sollen die Hauptstädter selbst Eigner ihres Stromnetzes werden. Über die Rendite aus dem Netzbetrieb sollen sie Weichenstellungen in Richtung Energiewende beeinflussen können.

„Stromnetze gehören in Bürgerhand“, formuliert BEB-Vorständlerin Luise Neumann-Cosel die Grundidee der Energiegenossenschaft, die von Parteien unabhängig sein soll. „Wenn die Energiewende gelingen soll, braucht es echte Bürgerbeteiligung.“ Die Idee der BEB wird von Ökostromanbietern und Umweltorganisationen wie dem BUND unterstützt und kann auf deren juristisches und wirtschaftliches Know-how zählen.

Eine Menge Schotter

Wie viel Geld der Kauf des hauptstädtischen Stromnetzes kosten wird? Darüber schwanken die Angaben gewaltig. Summen zwischen 400 Millionen Euro und drei Milliarden sind im Gespräch. Die Vattenfall-Herausforderer selbst rechnen aber damit, dass sie mindestens einen dreistelligen Millionenbetrag über Genossenschaftsanteile aufbringen müssen – eine Menge Schotter also. In dieser Größenordnung wäre die Finanzierung über eine Genossenschaft ein Novum. Doch wenn der Zugriff auf das Berliner Stromnetz tatsächlich gelänge, da ist sich Neumann-Cosel sicher, „dann würde das eine ungeheure Strahlkraft haben“.

Tatsächlich könnte Berlin zum Leuchtturmprojekt einer Bewegung werden, die sich schon jetzt klein und fein quer durch die Republik zieht. Mehr als 300 Energiegenossenschaften sind in den letzten Jahren im Zuge der Debatte um Atomausstieg, Klimaschutz und Energiewende in Deutschland entstanden. „Und jede Woche kommen zwei, drei neue hinzu“, sagt Rainer Lange. Er ist Sprecher des Projekts „Energiewende jetzt“, mit dem die Evangelische Kirche in Deutschland Bürger-Genossenschaften berät und beim Umstieg auf saubere Energie und sparsamen Ressourcenverbrauch unterstützt.

Die Liste dieser Genossenschaften ist lang und skizziert eine Art Atlas des Atomausstiegs von unten: „Bürgersolar“ in 90763 Fürth, „Solix-Energie in Bürgerhand“ in 55286 Wörrstadt, „Volkswagenbelegschaftsgenossenschaft für regenerative Energien“ in 26703 Emden, „ELG Sonnenstrom“ in 04329 Leipzig. Von Süd nach Nord, von Ost nach West zieht sich das Netz. Einige sind Zusammenschlüsse von Produzenten, denen es in erster Linie um die lukrative Vermarktung ihres Stroms aus Wind- oder Solarparks geht. „Aber die Mehrheit der Genossenschaften ist von den Bürgern initiiert worden“, meint Junge. „Denn es gibt ein großes Bedürfnis, die Energiewende vor Ort selbst zu gestalten.“

Bislang haben die Genossenschaften vor allem in die Produktion von regenerativem Strom aus Wind, Wasser oder Sonnenkraft investiert. Doch immer öfter greifen sie auch nach den Netzen, über die die Energie geliefert wird. Denn nicht nur in Berlin läuft demnächst der Konzessionsvertrag mit dem bisherigen Netzbetreiber aus. Und nicht nur in der Hauptstadt versuchen Kommunen oder Bürger, sich den Zugriff aufs eigene Netz zu sichern.

Die inzwischen legendären „Stromrebellen“ der kleinen Schwarzwaldgemeinde Schönau haben es vorgemacht. Nach dem GAU von Tschernobyl 1986 entstand hier aus einer Bürgerinitiative ein von Gemeindebewohnern selbst gegründetes Elektrizitätswerk, das mittlerweile Zehntausende Haushalte mit grünem Strom versorgt. Nach heftigen Widerständen kauften die Schönauer Bürger schließlich auch gemeinschaftlich ihr Stromnetz.

Auch im Teutoburger Wald und in Nordhessen haben sich die Bürger kleiner Gemeinden ihr Energienetz von den Stromriesen zurückgeholt. Denn es geht um eine zentrale Schaltstelle im Versorgungssystem. Mit dem Betrieb der Netze kann man nicht nur Einfluss nehmen auf die klimaschonende, dezentrale Einspeisung und Nutzung von Strom. Man kann damit auch richtig Geld verdienen.

Netzanteile als Altersvorsorge

In Schleswig-Holstein, wo gerade der Konflikt um den wichtigen, aber auch umstrittenen Ausbau neuer Stromtrassen tobt, wirbt die Netzgesellschaft ARGE ebenfalls für das Modell sogenannter Bürgernetze. Das Kalkül: Es wird die Akzeptanz für die unliebsamen Hochspannungsmasten erhöhen, wenn sich die Bürger finanziell an den Stromleitungen beteiligen können. Dieses „Bürgernetz“ sei so lukrativ, dass es sogar zu einer vierten Säule der Altersversorgung werden könnte, heißt es. Nicht überall wird das allerdings reichen, um widerstreitende Interessen auszusöhnen.

Auch die Initiatoren der Bürger Energie Berlin wissen, dass der Zusammenschluss von Bürgern in einer Genossenschaft nicht Harmonie bedeutet, schon gar nicht in einem Mammutprojekt, wie es zum Kauf des haupstädtischen Stromnetzes nötig wäre. „Aber gelebte Demokratie“, sagt Vorständlerin Neumann-Cosel, „ist nun man mal anstrengend.“ Der Wunsch nach dieser Art gelebter Demokratie in Verbindung mit gemeinschaftlichem Wirtschaften wächst dennoch. Die Bürgerinitiativen im Energiesektor sind dabei nur der Motor eines Trends auf allen möglichen Feldern. In den vergangenen Jahren hat sich die Zahl der hier neu gegründeten Genossenschaft verzehnfacht. Softwareentwickler, Stadtführer, Ärzte, Landwirte, Mieter, angehende Senioren – alle möglichen Einzelkämpfer schließen sich zusammen, weil sie merken, dass sie gemeinsam besser und flexibler wirtschaften können oder nur so noch eine Chance auf bezahlbaren Wohnraum haben. Die Renaissance ist international. Nicht umsonst haben die Vereinten Nationen 2012 zum internationalen Jahr der Genossenschaften ausgerufen.

Meist sind es nicht nur ökonomische Interessen, die die Menschen zusammenbringen. „Es gibt ein starkes Bedürfnis, selber etwas zu tun“, beobachtet Andreas Wieg vom Deutschen Genossenschaftsverband. „Es ist das Wiederentdecken, dass man gemeinsam mehr erreichen kann.“ Die Rettung des Tante-Emma-Ladens etwa oder die der ländlichen Buslinie oder eines Freibads. Die Gestaltung eines urbanen Gemeinschaftsgartens oder den Klassenerhalt des örtlichen Fussballvereins durch genossenschaftliche Finanzspritzen und Arbeitseinsätze. Da bringt die Geldinvestition zwar keine Rendite. Aber sie bringt gesellschaftlichen Gewinn.

„Es gibt einen neuen gemeinschaftlichen Spirit“, weiß auch Luise Tremel von der Stiftung Futur 2, die nachhaltige gesellschaftliche Initiativen und Trends beobachtet. „In Zeiten der Finanzkrise und der erneuten Kritik am Kapitalismus gibt es vor allem bei den jungen Leuten ein Bedürfnis, Gemeinschaft neu zu gestalten.“ Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt auch ein Papier der Grünen-nahen Heinrich-Böll-Stiftung. Gemeingüter, jenseits von Markt und Staat, erlebten „angesichts der aktuellen Klima-, Finanz- und Ernährungskrise eine Renaissance“, heißt es darin.

Wie groß das Bedürfnis nach Gemeinschaft tatsächlich ist? Wie stark die Bereitschaft zur Finanz-Investition ohne satte Rendite-Erwartung? In Berlin könnte sich das jetzt am Beispiel von 40.000 Kilometern Stromnetz erweisen. Die erste Million Euro ist jedenfalls schon zusammen.

Vera Gaserow arbeitet als freie Journalistin in Berlin

11:24 14.05.2012

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