Vera Gaserow
14.05.2012 | 11:24 5

Neue Energie für den Gemeinsinn

Genossenschaften Überall im Land greifen inzwischen Bürgerinitiativen nach Stromnetzen und Ökokraftwerken. Sie wollen mehr saubere Energieversorgung

Das Vorhaben ist ehrgeizig. Einige nennen es utopisch. In seiner Dimension ist es einmalig in Deutschland. Denn dreistellige Millionenbeträge sind im Spiel, vielleicht sogar ein paar Milliarden – willkommen in der Energiewirtschaft. Es ist das Spielfeld von Marktmacht und Rendite. Den Männern und Frauen, die seit Ende April für ihr ambitioniertes Projekt werben, geht es aber um mehr: um gelebte Demokratie, um Gemeinsinn, um Bürgerbeteiligung bei der Energiewende.

Mit ihrer neu gegründeten Genossenschaft Bürger Energie Berlin (BEB) fordern sie den Vattenfall-Konzern heraus. Sie wollen ihm das Berliner Stromnetz abkaufen. Ende 2014 läuft der Konzessionsvertrag des Landes Berlin mit dem Energieriesen über den Netzbetrieb aus. In den nächsten Monaten wird deshalb neu ausgeschrieben, wer künftig Herr sein soll über das knapp 40.000 Kilometer lange Stromnetz der Stadt und seinen lukrativen Betrieb für zwei Millionen Kunden.

Die BEB ist in dem Rennen ein exotischer Bewerber. Mit Genossenschaftsanteilen von mindestens 500 Euro, so der Plan, sollen die Hauptstädter selbst Eigner ihres Stromnetzes werden. Über die Rendite aus dem Netzbetrieb sollen sie Weichenstellungen in Richtung Energiewende beeinflussen können.

„Stromnetze gehören in Bürgerhand“, formuliert BEB-Vorständlerin Luise Neumann-Cosel die Grundidee der Energiegenossenschaft, die von Parteien unabhängig sein soll. „Wenn die Energiewende gelingen soll, braucht es echte Bürgerbeteiligung.“ Die Idee der BEB wird von Ökostromanbietern und Umweltorganisationen wie dem BUND unterstützt und kann auf deren juristisches und wirtschaftliches Know-how zählen.

Eine Menge Schotter

Wie viel Geld der Kauf des hauptstädtischen Stromnetzes kosten wird? Darüber schwanken die Angaben gewaltig. Summen zwischen 400 Millionen Euro und drei Milliarden sind im Gespräch. Die Vattenfall-Herausforderer selbst rechnen aber damit, dass sie mindestens einen dreistelligen Millionenbetrag über Genossenschaftsanteile aufbringen müssen – eine Menge Schotter also. In dieser Größenordnung wäre die Finanzierung über eine Genossenschaft ein Novum. Doch wenn der Zugriff auf das Berliner Stromnetz tatsächlich gelänge, da ist sich Neumann-Cosel sicher, „dann würde das eine ungeheure Strahlkraft haben“.

Tatsächlich könnte Berlin zum Leuchtturmprojekt einer Bewegung werden, die sich schon jetzt klein und fein quer durch die Republik zieht. Mehr als 300 Energiegenossenschaften sind in den letzten Jahren im Zuge der Debatte um Atomausstieg, Klimaschutz und Energiewende in Deutschland entstanden. „Und jede Woche kommen zwei, drei neue hinzu“, sagt Rainer Lange. Er ist Sprecher des Projekts „Energiewende jetzt“, mit dem die Evangelische Kirche in Deutschland Bürger-Genossenschaften berät und beim Umstieg auf saubere Energie und sparsamen Ressourcenverbrauch unterstützt.

Die Liste dieser Genossenschaften ist lang und skizziert eine Art Atlas des Atomausstiegs von unten: „Bürgersolar“ in 90763 Fürth, „Solix-Energie in Bürgerhand“ in 55286 Wörrstadt, „Volkswagenbelegschaftsgenossenschaft für regenerative Energien“ in 26703 Emden, „ELG Sonnenstrom“ in 04329 Leipzig. Von Süd nach Nord, von Ost nach West zieht sich das Netz. Einige sind Zusammenschlüsse von Produzenten, denen es in erster Linie um die lukrative Vermarktung ihres Stroms aus Wind- oder Solarparks geht. „Aber die Mehrheit der Genossenschaften ist von den Bürgern initiiert worden“, meint Junge. „Denn es gibt ein großes Bedürfnis, die Energiewende vor Ort selbst zu gestalten.“

Bislang haben die Genossenschaften vor allem in die Produktion von regenerativem Strom aus Wind, Wasser oder Sonnenkraft investiert. Doch immer öfter greifen sie auch nach den Netzen, über die die Energie geliefert wird. Denn nicht nur in Berlin läuft demnächst der Konzessionsvertrag mit dem bisherigen Netzbetreiber aus. Und nicht nur in der Hauptstadt versuchen Kommunen oder Bürger, sich den Zugriff aufs eigene Netz zu sichern.

Die inzwischen legendären „Stromrebellen“ der kleinen Schwarzwaldgemeinde Schönau haben es vorgemacht. Nach dem GAU von Tschernobyl 1986 entstand hier aus einer Bürgerinitiative ein von Gemeindebewohnern selbst gegründetes Elektrizitätswerk, das mittlerweile Zehntausende Haushalte mit grünem Strom versorgt. Nach heftigen Widerständen kauften die Schönauer Bürger schließlich auch gemeinschaftlich ihr Stromnetz.

Auch im Teutoburger Wald und in Nordhessen haben sich die Bürger kleiner Gemeinden ihr Energienetz von den Stromriesen zurückgeholt. Denn es geht um eine zentrale Schaltstelle im Versorgungssystem. Mit dem Betrieb der Netze kann man nicht nur Einfluss nehmen auf die klimaschonende, dezentrale Einspeisung und Nutzung von Strom. Man kann damit auch richtig Geld verdienen.

Netzanteile als Altersvorsorge

In Schleswig-Holstein, wo gerade der Konflikt um den wichtigen, aber auch umstrittenen Ausbau neuer Stromtrassen tobt, wirbt die Netzgesellschaft ARGE ebenfalls für das Modell sogenannter Bürgernetze. Das Kalkül: Es wird die Akzeptanz für die unliebsamen Hochspannungsmasten erhöhen, wenn sich die Bürger finanziell an den Stromleitungen beteiligen können. Dieses „Bürgernetz“ sei so lukrativ, dass es sogar zu einer vierten Säule der Altersversorgung werden könnte, heißt es. Nicht überall wird das allerdings reichen, um widerstreitende Interessen auszusöhnen.

Auch die Initiatoren der Bürger Energie Berlin wissen, dass der Zusammenschluss von Bürgern in einer Genossenschaft nicht Harmonie bedeutet, schon gar nicht in einem Mammutprojekt, wie es zum Kauf des haupstädtischen Stromnetzes nötig wäre. „Aber gelebte Demokratie“, sagt Vorständlerin Neumann-Cosel, „ist nun man mal anstrengend.“ Der Wunsch nach dieser Art gelebter Demokratie in Verbindung mit gemeinschaftlichem Wirtschaften wächst dennoch. Die Bürgerinitiativen im Energiesektor sind dabei nur der Motor eines Trends auf allen möglichen Feldern. In den vergangenen Jahren hat sich die Zahl der hier neu gegründeten Genossenschaft verzehnfacht. Softwareentwickler, Stadtführer, Ärzte, Landwirte, Mieter, angehende Senioren – alle möglichen Einzelkämpfer schließen sich zusammen, weil sie merken, dass sie gemeinsam besser und flexibler wirtschaften können oder nur so noch eine Chance auf bezahlbaren Wohnraum haben. Die Renaissance ist international. Nicht umsonst haben die Vereinten Nationen 2012 zum internationalen Jahr der Genossenschaften ausgerufen.

Meist sind es nicht nur ökonomische Interessen, die die Menschen zusammenbringen. „Es gibt ein starkes Bedürfnis, selber etwas zu tun“, beobachtet Andreas Wieg vom Deutschen Genossenschaftsverband. „Es ist das Wiederentdecken, dass man gemeinsam mehr erreichen kann.“ Die Rettung des Tante-Emma-Ladens etwa oder die der ländlichen Buslinie oder eines Freibads. Die Gestaltung eines urbanen Gemeinschaftsgartens oder den Klassenerhalt des örtlichen Fussballvereins durch genossenschaftliche Finanzspritzen und Arbeitseinsätze. Da bringt die Geldinvestition zwar keine Rendite. Aber sie bringt gesellschaftlichen Gewinn.

„Es gibt einen neuen gemeinschaftlichen Spirit“, weiß auch Luise Tremel von der Stiftung Futur 2, die nachhaltige gesellschaftliche Initiativen und Trends beobachtet. „In Zeiten der Finanzkrise und der erneuten Kritik am Kapitalismus gibt es vor allem bei den jungen Leuten ein Bedürfnis, Gemeinschaft neu zu gestalten.“ Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt auch ein Papier der Grünen-nahen Heinrich-Böll-Stiftung. Gemeingüter, jenseits von Markt und Staat, erlebten „angesichts der aktuellen Klima-, Finanz- und Ernährungskrise eine Renaissance“, heißt es darin.

Wie groß das Bedürfnis nach Gemeinschaft tatsächlich ist? Wie stark die Bereitschaft zur Finanz-Investition ohne satte Rendite-Erwartung? In Berlin könnte sich das jetzt am Beispiel von 40.000 Kilometern Stromnetz erweisen. Die erste Million Euro ist jedenfalls schon zusammen.

Vera Gaserow arbeitet als freie Journalistin in Berlin

Kommentare (5)

Oberham 14.05.2012 | 14:18

Dürfen Niederbayern auch Genossenschaftsanteile zeichnen?

Ich versuche seit über 10 Jahren - nicht-geldrenditeorientierte Projekte über Genossenschaften zu iniziieren - gerade wenn man nur auf das Projekt an sich anspricht - ist es oft enorm schwer Mitglieder zu finden - jedenfalls ist das Berliner Projekt in der Tat ein Hoffnungsschimmer - wenn es gelingt - die Beteiligten nicht umkippen (der Reiz des Geldes...) - und Berlin über ein unabhängiges Netz verfügt - könnte es in der Tat eine Kettenreaktion auslösen!

Würde beispielsweise der Landrat in unserem Kreis kein CSU Püppchen sein, sondern ein gestandener und kluger Mensch, könnte unser Kreis binnen 10 Jahren energetisch autark sein -mit Biogar und Solar - sowie Blockheitzkraftwerken - vor allem in kleineren Dörfern - die dann sogar vom Netz gehen könnten und absolut Autark wären - überschüssige Energie könnte man durch kluge Speichermodelle dort perfekt vorhalten - ohne sie abgeben zu müssen.

Viele hässliche Überlandleitungen würden verschwinden - dafür könnte man gut einige Windkraftanlagen aufstellen - oder ein Drachenkraftwerk - so sich diese Technik marktreif präsentiert - aufstellen. Auch ist der Transportverlust in Leitungen viel höher als der Verlust in Speichern!

In etwa 20 Jahren wären sämtliche grauen Energiebilanzen auch unter konservativster (kritischster) Auslegung positiv!

Machbar wäre extrem vieles -nur leider zählt für die etablierten Kräfte die Zukunft nichts und der schnelle Provit für wenige alles!

Oberham 15.05.2012 | 10:36

Ups - man sollte das nicht in einen Topf werfen.

Im Übrigen wäre ein bundesweit anerkannter Prüfungsverband für ökologisch - nicht gewinnorientierte Genossenschaften - der keine horrenden Gebühren erhebt nötig.

Vorstände von solchen Genossenschaften sollten maximal 1% des Genossenschaftskapitals p.a. als Vergütung erhalten (in Summe - d.h. bei drei Vorständen 0,33 % p. Kopf!) - das maximal mögliche Einkommen sollte bei 40.000 Euro p.a. liegen!

Bei sehr vielen Anbietern wird der ökologische Gedanke missbraucht, um gnadenlos Subventionen abzuzocken und die Investoren mit teils fast schon betrügerischen, betriebswirtschaflichen Kalkulationen über den Tisch zu ziehen.

Derzeit kann eine gut kalkulierte Anlage nur bei minimalen Vertriebs- und Verwaltungskosten und inklusive staatlicher Subvention, ökologisch halbwegs verträglich hergestellte Solarmodule verbauen, die Entsorgungskosten zurückstellen, sowie die Abschreibung verdienen.
In sonnigen Gebieten wie Griechenland oder Spanien würde etwa eine Rendite von 2 % realistisch.

Wer sich mit der Materie beschäftigt, der kann schnell erkennen, das meist für Entsorgung nichts - für Abschreibung zu wenig - für Wartung und Reparatur - Versicherung (oben nicht erwähnt) - ebenfalls eher zu wenig kalkuliert wird.

Teilweise fallsen mehr als 10 % Vertriebskosten an (nicht nur Agios - auch in den Verwaltungskosten versteckt!).

Danach werden dann immer noch teils zweistellige Renditen versprochen - verbaut wird das günstigste Material - das ist die "Energiewende"!

Wer die Ökobiland von China produzierten Modulen genau betrachtet, den kann das Grausen überkommen.

Es zählt nichts als der Profit - Leute die wirklich was ehrliches anbieten, werden belächelt und dürfen ihre Unterlagen wieder mitnehmen - bis man ein Projekt zusammenbekommen hat - vergeht mehr als ein Jahr - auf ca. 50 Gespräche kommt ein Investor!

Ich fahre mit einem wackeligen Renaul Rapid vor - trage Hanfhosen und einen Wollpulli - bin sauber und gepflegt - aber nicht geschminkt und parfümiert - ich liebe die Natur und habe BWL studiert - war 10 Jahre bei einer Bank - davon 3 Jahre im A-Depot als Portfoliomanager - 3 Jahre wo ich den Irrsinn hautnah miterlebt habe - ich konnte mich entscheiden - fünfstelligen Funktionssklavenlohn oder Freiheit - ich hab mich für letzeres entschieden - wollte einfach - und will immer noch - was bewegen.

Seit nunmehr 10 Jahren bin ich selbstständig - verdient habe ich bis dato leider noch fast nichts - die Rücklagen aus der "guten" Zeit reichen aber noch einige Jahre.

Mein Ziel - pro Jahr ein Projekt im Volumen 10 Mio - mein Einkommen - netto etwa 12.000 Euro p. a. !

Ich werde einen Teufel tun mich nochmal zu verbiegen - lieber gebe ich Nachhilfestunden, oder Kurse in der VHS, so komme ich auch auf ein paar hundert Euro im Monat.

Derzeit sammle ich für einen Pol - Ziel - ein Drachenkraftwerk in Bayern - sofern ein Standort genehmigt wird - falls nicht - Alternativstandort - oder solarthermisches Kraftwerk in einem sonnenbegünstigten Land Europas.

Leute reflektiert mal was ihr macht! Für wen ihr arbeitet, bzw. was genau euer Output ist!

Wir müssen bei uns persönlich ansetzen - Arbeit, Verbrauch, Lebensweise - nur so haben unsere Nachkommen eine realistische Chance!

steffenw 15.05.2012 | 11:29

Können auch Niederbayern Anteile an der BürgerEnergie Berlin eG i.G. (in Gründung) zeichnen? Die Antwort: Aber natürlich!

Zwar wollen wir vorrangig die Berlinerinnen und Berliner aktivieren, sind jedoch auch offen für jede Beteiligung aus dem gesamten Bundesgebiet.

Der Genossenschaftsansatz erschien uns dafür am besten geeignet, da bei diesem Modell eben nicht primär die Gewinnerwirtschaftung im Vordergrund steht. Und als Netzbetreiber würden wir dann zwar den von der Bundesnetzagentur gesetzten Regularien unterliegen, haben aber in unserer Satzung explizit festgeschrieben, dass ein bestimmter Prozentsatz der Erlöse aus den Netzentgelten in die Förderung der Erneuerbaren Energien fließen soll. Das 110-kV-Stromverteilnetz des Stadtgebiets ist fitzumachen für die Aufnahme einer wachsenden Zahl dezentraler Anlagen, die Strom einspeisen (Stichworte Speicher, intelligente Verknüpfung zu "virtuellen Kraftwerken" etc.). Das Potential dafür - und für die dezentrale Erzeugung - ist in Berlin (und der Landespolitik) noch nicht einmal ansatzweise erkannt. Hier ist unser Ziel, als "aktiver" Netzbetreiber aufzutreten, statt wie bisher Vattenfall EE-Anlagen "passiv" hinzunehmen, weil es nicht mehr anders geht.