Labyrinth aus Büchern

Rätselhaft Fabio Stassis Detektiv hat einen seltsamen Beruf: Bibliotherapeut
Der italienische Krimiautor Fabio Stassi
Der italienische Krimiautor Fabio Stassi

Foto: Edition Converso

Am 29. Juni 2016 hatte Vince Corso von einem Schwarm Nachtfalter geträumt, der die Straßen Roms heimsucht. Ein an sich unwichtiges Detail, doch bleibt es ihm im Sinn, als er später die Ereignisse jenes Tages rekapituliert. Zum Feinkostmarkt am Bahnhof Termini war er ohne seinen Hund gegangen. Dass er bei seiner Rückkehr eine graue Pfote hinter dem Sofa hervorschauen sah, machte die Verwüstung der Wohnung zweitrangig. Djangos Maul voller Speichel, der Bauch gebläht, Blut lief ihm aus der Nase. Vergiftet. Fast zwei Wochen lang würde Vince Corso Stunde um Stunde in der Tierarztpraxis verbringen, wo Django im künstlichen Koma lag. Die übrige Zeit wird er irritierende Dinge erleben. Zum Beispiel sieht er einen abgetrennten Kopf über die Straße rollen. Ein teuflischer Unfall mit einer Straßenbahn – na, klingelt da was?

Die Hauptfigur ist der Leser

Dies ist kein Krimi von der klassisch britischen Art und auch keiner von der US-amerikanischen Hardboiled-Sorte, sondern einer voller wuchernder Rätsel, an denen Fabio Stassi selbst seine Freude hatte. Der Autor von über zehn Romanen ist hauptberuflich Direktor der Bibliothek für orientalische Studien in der Universität La Sapienza in Rom. Ein vielbelesener Mann, wobei ja gerade Viellesern Einzelheiten oft aus dem Gedächtnis fallen. Stassi aber lässt uns mit Vince Corso nicht nur in die quirlige Atmosphäre Roms eintauchen, sondern auch in das Gemüt eines Menschen, der detailversessen im Gelesenen lebt. Wie traumverloren in Gedanken und dann wieder hellwach für etwas, das andere übersehen – diese seltsam gespaltene Wahrnehmung kennt der Autor wohl selbst.

Sein Detektiv hat einen seltsamen Beruf: Vince Corso ist „Bibliotherapeut“. Er hilft Menschen mit ihren Problemen, indem er jedem die passende Lektüre empfiehlt. Doch braucht er nicht selber Hilfe? Wieso schreibt er Briefe an seinen Vater, von dem er nichts weiß? Warum lässt er Frauen nur kurzzeitig in sein Leben? Und ist er womöglich gar in die Morde involviert, die in seiner Nähe geschahen? Was für ein Glück, dass der Commissario ihn beschatten lässt …

Auf dem Buchumschlag ist indes ein Blinder abgebildet. Und der Text beginnt mit einem Epilog: Am 16. September 1959 sehen wir einen Jungen in ein Buch vertieft – Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde von Robert Louis Stevenson, wie wir später erfahren. Ein Knarren stört ihn auf. Aus dem Wohnzimmer kommt es nicht, die Schlafzimmertür ist verschlossen. Später wird der zurückkehrende Vater den Jungen im Flur mit ausgestochenen Augen finden ...

Was das mit Vince Corso zu tun hat, den wir ja minutiös bis zum 15. Juli 2016 begleiten? In der Tierarztpraxis hat ein Blinder ein Buch liegen lassen, und Corso läuft ihm hinterher. Mal scheint er den Mann im Straßengewirr entdeckt zu haben, dann wieder sieht er sich vielen Blinden gegenüber und gerät in die düsteren Gewölbe unter der Kirche Santa Maria Maggiore …

Ein spannendes Rätselspiel, bei dem man sich bis fast zum Schluss nicht vorstellen kann, wie der Autor es auflösen will. Dass Vince Corso seinen Hund zurückbekommt, wünscht man sich zumindest. „Dass die wahre Hauptfigur eines jeden Romans sein Leser ist“, stimmt es, was der Blinde sagt? Immerhin gibt der Autor Hilfestellung, indem er im Anhang einige der vielen literarischen Bezüge im Text entschlüsselt. Was für ein Bücheruniversum! Und mit Vince Corso geht es weiter. Fabio Stassi hat, verrät der Verlag, eine ganze Krimireihe geplant.

Info

Ich töte wen ich will Fabio Stassi Annette Kopetzki (Übers.), Edition Converso 2022, 320 S., 22 €

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