Neuer Tobak

A–Z Wer von Sucht spricht, muss Selbstbetrug ansprechen. Richtig runter vom Nikotin? Sie waren nie drauf? Wir klopfen die Pfeife für Sie aus, fast unmissionarisch
Neuer Tobak

Foto: George Rose/Getty Images

A

Alter Tobak Ost Wenn ich an meine kleine, drahtige und immer elegante Omi denke, dann sehe ich sie nach getaner Hausarbeit in ihrer Lieblingsküchenecke sitzen – die Beine übereinander geschlagen – und eine „Alte Juwel“ rauchen. Das war ihre Marke. Mit 2,50 Mark für eine Schachtel, eine der preiswertesten in der DDR erhältlichen Filterzigaretten. Es gab sie in einer klassisch schlichten Pappschachtel mit braun-grünem Streifendesign. Nachwende-Vermarktungsclou für die ostdeutsche Zielgruppe war: „Ich rauche Juwel, weil ich den Westen schon getestet hab.“ 2015 wurde die Produktion eingestellt, weil die größeren Abschreckhinweise nicht mehr drauf passten.

Sehr beliebt bei den Arbeitern in der DDR war die filterlose „Karo“. Nach der Wiedervereinigung übernahm Philip Morris die Marke und behielt in seinem Marketing-Konzept mit dem Slogan „Anschlag auf den Einheitsgeschmack“ das Image der Ost-Marke bei. Meine erste hieß „Club“. Cool, oder? Elke Allenstein

B

Bewegung Punk und Hardcore schließen traditionell Alkohol und Drogen mit ein. Der Punk, wie man ihn kennt, schert sich demonstrativ einen Dreck um den Leistungsethos. No future, also auch keine Rücksicht auf die eigene Gesundheit.

Tatsächlich aber gibt es ausgerechnet hier schon seit den frühen 1980ern eine „cleane Unterströmung“: Straight Edge. Ihre Mitglieder erkennen sich an einem schwarzen X, das ursprünglich minderjährigen Besuchern von Punkkonzerten auf den Handrücken gemalt wurde. Sie sehen aber ansonsten aus wie Punks und verhalten sich auch so. Straight Edger lehnen Alkohol und Drogen strikt ab, teilweise auch Koffein, vorehelichen Sex (Powerbank) und in späteren Bewegungen wie Hardline und Vegan Straight Edge auch tierische Produkte: Extrem kann offensichtlich auch extrem nüchtern heißen. Sophie Elmenthaler

D

Diskurs Richard Kleins 1995 erschienenes Buch Schöner blauer Dunst. Ein Lob der Zigarette muss man jedem ans Herz legen, dem an einem tiefer inhalierten Diskurs (➝ Alter Tobak Ost) zum Thema gelegen ist. Der amerikanische Literaturwissenschaftler findet mit Italo Svevos Roman Zenos Gewissen den Weg in ein Gedankengebäude, das sich ganz und gar mit der Zigarette als kulturelles Zeichen befasst. Beim Lesen löst sich jeder Zweifel alsbald in Luft auf.

„Zigaretten sind schlecht. Aus diesem Grund sind sie gut – nicht gesund, nicht schön, aber erhaben“, schreibt Klein. Er sieht im Rauchen die Behauptung eines Eigensinns, findet hier Ästhetik und Erotik und folgt damit Remarque, der geschrieben hat, Zigaretten seien das, was von der Zivilisation übrigbleibe, wenn der Krieg die letzten Spuren einer liberalen Erziehung ausgelöscht habe. Rauchende Gewährsmänner sind Sartre, Humphrey Bogart, Baudelaire, Jean Cocteau, Dylan Thomas und eben Zeno Cosini, der am Ende des Romans erkennt, dass es vor allem der vergebliche Kampf gegen das Rauchen war, der seinem Leben Halt gegeben hat. Marc Peschke

E

Ex-Raucher Lange schon habe ich mit dem Rauchen aufgehört. Manchmal, wenn ich in trauter Runde sitze und jemand sich eine Zigarette anzündet, befällt mich Wehmut. Der Rauch wirkt wie eine Madeleine, er setzt Erinnerungen frei. Spezifischer geschieht dies bei kaltem Rauch, der sich in den Bibliotheksbüchern ablagerte. Ich ziehe Benjamins Passagenwerk heraus und noch heute rieche ich den Rauch des Jahres 1992, sehe, wie ich damals qualmend über dem Text grübelte. Derrida schrieb in einem Text über Baudelaire zur Poetik des Tabaks (➝ Diskurs), dass er eine Lust sei, von der nichts bleibe. Das stimmt nicht. Sein Sediment findet sich in den Büchern der Raucher. Lars Hartmann

G

Gewissen, schlechtes Während einige nur gelegentlich kaufen, geben andere ihr gesamtes Taschengeld dafür aus. Die coolen Jungs haben schon in der fünften Klasse (➝ Bewegung) damit begonnen. Man findet sie in klobig, grau oder grell, casual oder crazy – und deshalb gibt es keinen jungen Menschen, der seinen Charakter nicht durch seine ganz persönlichen Sneaker zu unterstreichen wüsste. Auch das kribbelnde schlechte Gewissen begleitet einen Schritt und Tritt: Wo früher die eigene Gesundheit litt, wird jetzt, ganz im Stile des Outsourcing, der gleichaltrige Bengale bemitleidet, der die sündhaft teuren Treter für einen Hungerlohn zusammenflickt. Josa Zeitlinger

I

Intervallfasten – absolut hip und hilft auch, wenn Pfunde verschwinden sollen, die möglicherweise durch die Aufgabe des Rauchens draufgeschauftelt wurden. Auch das Ritual erinnert ans Rauchen. Beim Rauchen wie beim Intervallfasten geht es um die Frage: Wie lange halte ich aus ohne Nikotin- oder Nahrungsmittelzufuhr? Intervalle zwischen dem Zigarettenkonsum können sehr nervend sein, erinnere ich mich.

Intervallfasten kann in verschiedenen Formen gemacht werden: Ganztägig fasten, alle zwei Tage fasten oder – wie ich – im 8:16 Stil. Das bedeutet: 8 Stunden lang darf gegessen werden, dann ist 16 Stunden Pause. Klappt gut, vor allem weil die Nacht auch zur Fastenzeit zählt. Ich hab dadurch schon fast 10 Kilo runter. So unterschiedlich können Pausen wirken. Rauchfreie Zeiten – ins Unendliche verlängert – sind absolut gesund. Unendliche Nahrungsmittelpausen sind nicht zu empfehlen. Magda Geisler

K

Karussell Das Schöne am Nikotin ist, dass es immer gut tut. Ob gestresst oder unterspannt, ob allein oder nicht, ob glücklich oder im Loch, jede Dosis stimuliert und belohnt. Das Experiment, mit dem Rauchen aufzuhören, kam mir vor wie ein Sprung von einem Karussell. Dem Karussell, das immer neue Nachfragen und Bedürfnisse generiert. Die Zigarette ist wirkungsvoller Bestandteil dieses Modells. Es dauert nur etwa ein, zwei Stunden, bis das Bedürfnis aufkommt, die Nächste zu rauchen. Dazwischen verfestigt sich die seltsame Psycho-Doktrin, das eigene Rauchen sei ein wichtiger Teil der persönlichen Strahlkraft oder gar Identität. Ich rauche seit einiger Zeit nicht mehr und ich werde damit wohl erst in meinen 80ern wieder anfangen, falls es dazu kommt. Das Gefühl (➝ Gewissen, schlechtes) von wenigstens einem dieser unzähligen Karusselle abgesprungen zu sein, ist einfach zu gut. Auch der körperliche Entzug ist aus dieser Perspektive leichter durchzustehen, übrigens. Marc Ottiker

Kick Früher war Profifußball Rock n’ Roll. Da entstanden Bilder von Klaus Augenthaler – in der Kabine mit Zigarette (➝ Zigarre) und Schampusglas. Früher waren Mario Basler, Peter Neururer und natürlich Walter Frosch.

Heute ist das Savoir Vivre perdu. Als Carlo Ancelotti beim FC Bayern entlassen wurde, wurde unter anderem kritisiert, dass der Fitness-Trainer in der Kabine rauchte. Zum Glück gibt es Snus. Dieser portionierte Tabak, den man sich in kleinen Beuteln, gemischt mit Salz, Wasser und Aromastoffen für den schnellen Nikotin-Kick unter die Oberlippe klemmt, ist im Profisport schwer beliebt. So berichtete es das Magazin 11 Freunde. Die Vereine selbst sind wenig auskunftsfreudig. Snus bleibt im Großen und Ganzen ein unsichtbares Laster, ein heimlicher Kick, kompatibel mit dem Streben nach Vermarktbarkeit. Ist das denn wirklich besser? Wohl kaum, denkt man sich, und ... vermisst Klaus Augenthaler. Benjamin Knödler

P

Panschen Echt hot ist ja schon länger die E-Zigarette. Weil sie die Flüssigkeit (neudeutsch: Liquid) nur verdampft, statt verbrennt, gilt sie als weniger schädlich. Manche Apologeten verteidigen sie sogar als gesund. Ein Schmarrn, der sich hält, weil es noch keine Langzeitstudien gibt. Solange verpesten E-Ziggis optisch die Luft (Zigarre). Die wabernden Nebelschwaden lösen den Impuls aus, die Feuerwehr zu rufen, und nehmen auf Konzerten allen anderen die Sicht.

E-Ziggis sind albern und sie stinken nach allem möglichen aromatisiertem Quatsch. Weil man sich die Flüssigkeiten selbst mischen kann, ist wirklich alles Nasen-Unverträgliche dabei: Lebkuchen-Salbei und Mojito, Kokosnuss-Vanille und Latte Machiato, Haselnuss-Himbeere und Cola-Mango-Crumble. Tobias Prüwer

Powerbank Ich sitze in meiner Lieblingsbar und stecke mir eine Zigarette an, ich warte auf mein Date. Am Nebentisch rauchen sie auch. Er raucht Tabak, aber sie? Sie raucht anders (➝ Intervallfasten). Auf dem Marmortischchen vor ihr liegt eine rote Powerbank, daran hängt ein weißes USB-Kabel, an dem USB-Kabel hängt eine blaue E-Zigarette, an der E-Zigarette hängen ihre roten Lippen und aus ihren schwarzen Nasenlöchern kommt weißer Dampf.

Ich bin so froh, das zu sehen. Ich weiß jetzt, es gibt noch mehr auf der Welt, als mich und das Date, das sich verspätet. Es gibt mehr als alles, was ich dem Date erzählen könnte. Es gibt die Forschung, die Wissenschaft, die Außenwelt, Planeten, Sonnen, Galaxien, Protonen, Atome, Universen, Ewigkeiten. Vielleicht landet gleich ein Ufo, kurz bevor das Date kommt und nimmt mich mit, auf einen Planeten ohne Rauch und ohne Nacht und ohne Dates. Ruth Herzberg

S

Selberdrehen Lange Zeit galt es als Ausweis von Armut oder Geiz. Mitleidig wurde angeschaut, wer den Tabak hervorkramte, die Krumen auf dem Blättchen verteilte, Filter einsetzte, alles zusammenrollte. Nur zum Schnorren (Ex-raucher) waren sich die Fertigzigarettenraucher nie zu fein. „Drehst du mir eine, ich kann das nicht?“

Woher der Imagewandel kam, lässt sich schwer sagen. Waren es studentische Kreise, Hipster, irgendeine Subkultur, die Selberdrehen salonfähig machten? Jedenfalls hat die Industrie das Potenzial erkannt. Dünne Filter – die vorher erhältlichen machten Kippen zu klobigen Schloten – sind seit 20 Jahren erhältlich. Das Angebot auch an unparfürmierten Tabaken ist groß, Selberdreher entdecken, dass sie auf diese Weise ihre Dosis Tabak selbst besser variieren können und so ihr Rauchverhalten an den Alltag anpassen. Das können auch Pfeifenraucher, sie liegen wieder leise im Trend, Und ihre aromatisierten Tabake riechen weitaus besser als jener Dampf der E-Ziggi. Tobias Prüwer

Z

Zigarre Ja, ich tue es! Ich bin aber beileibe nicht affektiert! Zigarrerauchen macht man nicht spontan, einfach so (➝ Diskurs). Und wenn, dann ist es räudig. Bei mir war es mein väterlicher Freund Rainer aus dem mondänen München, der mir den Weg zu den Zigarren bahnte. Ich derweil versuchte mich vorher etwas kläglich an Zigarillos. R. zeigte mir nun den Weg durch die Anbaugebiete, brachte mir Anschneiden, Anzünden und vor allem das Rauchen bei – was keiner Zigarette gleicht. Trial and error bestimmen die Zigarre: Genuss und Kotzen liegen nah beieinander. R. brachte mir auch bei, welches Werkzeug ich brauche: Feuerzeug und Anschneider, teuer. Und Routine. Wir sitzen samstags zum „Zirkel“ zusammen, trinken Kaffee und genießen unsere Zigarren. Aus Freude, nicht aus Status. Gänzlich unborniert. Das geht, schauen Sie vorbei. Jan C. Behmann

06:00 31.05.2018

Ihnen gefällt der Artikel?

Dann lesen Sie noch mehr Beiträge und testen Sie die nächsten drei Ausgaben des Freitag kostenlos:

Abobreaker Startseite 3NOP plus Verl. ZU Baumwolltasche

Kommentare 19