Neues Gebrösel

Sportplatz Kolumne

Orientierungslosigkeit kann in gewissen Dosen positive Wirkungen zeigen. Beispielsweise im Urlaub, wenn die neue Umgebung Routinen außer Kraft setzt und ungewohnte Dinge das Leben aufregender gestalten. Dieselbe Erfahrung stellt sich alle Jahre wieder zu Beginn der Bundesligasaison ein: Ziemlich viel ist durcheinander geraten und muss erst mal sortiert werden. So gilt es, Freund und Feind neu zu bestimmen. Der geliebte Stürmer ist beim finanziell potenteren Gegner gelandet, während Spieler verhasster Rivalen nun im eigenen Kader ins Herz geschlossen werden müssen. Manche Wechsel werden begrüßt, andere abgelehnt, gewöhnungsbedürftig sind sie alle. So bieten Ernst und Kuranyi in Blau ein sonderbares Bild. Der Fan fremdelt am Saison-Start.

Der Auftakt der Bundesliga bietet mit der richtigen Menge Orientierungslosigkeit fast ebenso viel Spannung wie ihr Ende. Wie jeden August gibt es reichlich Stoff für Diskussionen. Verlängert Ballack seinen Vertrag über 2006 hinaus, und wie sehr verunsichern seine Verhandlungen mit Manchester United die Bayern? Kann Werders Stürmer-Gespann erster Klasse, Klose Klasnic, weiterhin vorne gut machen, was ihre Hintermannschaft ohne Ismael versiebt? Wird Trapattoni in Stuttgart die erwarteten Wunder wirken oder vor allem für unterhaltsame Pressekonferenzen sorgen? Allen Clubs stellt sich die bange Frage, ob sich die Neuzugänge gut integrieren und ob sie sich als lohnende Investitionen herausstellen. Dem HSV ist beispielsweise zu wünschen, dass van der Vaart Hamburg an die Tabellenspitze schießt und nicht bloß als eine Art Alster-Beckham für glamouröse Fotos sorgt. Für die Liga insgesamt lässt sich feststellen, dass der Start geglückt ist, der Verkauf von nahezu 400.000 Dauerkarten stellt einen Rekord auf und erklärt sich wohl durch WM-Vorfreude und die Anziehungskraft der schönen neuen Stadien. Die viel gelobte Allianz-Arena in München schaut allerdings im Dunkeln aus, als sei sie aus einer Haribo-Tüte gefallen.

Weitere Orientierungslosigkeit garantiert der Wirbel um die Abseitsregel. Das International Board der FIFA beschloss im Februar eine Änderung, die seit dem 1. Juli in den internationalen Ligen umgesetzt werden muss. Die FIFA will, dass die Fahne erst dann hoch geht, wenn der Spieler im Abseits den Ball berührt. Die UEFA wehrte sich allerdings gegen das Novum, und zahllose Debatten um Vor- und Nachteile des früheren oder späteren Pfiffs brachten keine Einigung. Der DFB fährt nun einen Schlingerkurs und informiert, dass in der Bundesliga schon gepfiffen werden soll, "wenn der Spieler zum Ball geht und damit ins Spiel eingreift." Das klingt verdächtig nach der alten Regel, jedoch wird versichert, diese Auslegung sei mit dem neuen FIFA-Regeltext vereinbar. Ebenfalls verwirrend liest sich die Regeländerung das Spielen ohne Schuhe betreffend, es ist nämlich weiterhin verboten, wird aber nicht länger mit der gelben Karte bestraft. Vor allem eitle und abergläubische Kicker dürfte irritieren, dass ab sofort gar kein Schmuck - kein Abkleben oder Kaschieren mehr - erlaubt ist.

Wenn, so im November, dann alle Regelfragen geklärt und alle Neuen integriert sind und die "Bundesliga as usual" einkehrt, weil die Liga trotz aller Aufregung nicht die WM ist, gibt es noch ein Mittel gegen den Fußballtrott. Der Fernsehsender Premiere verspricht jeden Samstag garantierte Orientierungslosigkeit, denn das Bezahlfernsehen bietet außer den einzelnen Spielen: die Konferenzschaltung. Hier werden kleinste Häppchen aller Partien geboten, das Auge hat nur ein paar Minuten Zeit, die Situation auf dem Rasen zu erkennen. Häufig geht der Switch ins nächste Stadion noch schneller, wenn denn ein Tor gefallen ist. Die Spiel-Atmosphäre, den Verlauf einer Partie oder gar die Verfassung der eigenen Mannschaft einzuschätzen, ist per Konferenzschaltung völlig unmöglich. Die Zuschauer sehen einen zusammenhanglosen Haufen Szenen garniert mit Toren, alles in allem ein Sammelsurium verwirrender Fußball-Brösel. Um festzustellen, wer wo gegen wen wie gespielt hat, muss der Fan, der sieben Spiele gleichzeitig gesehen hat, dann zusätzlich noch Premieres Zusammenfassung mit dem schönen Titel Alle Spiele - alle Tore über sich ergehen lassen. Für solche Orientierung reicht die Sportschau allerdings auch.


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00:00 12.08.2005

Ausgabe 38/2020

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