Neues vom Mythos

Memory Literatur zu Noten - neue Musikbücher von Wagner bis Karajan

Zuerst ist eine Großtat ist zu würdigen, ein Monumentalwerk anzuzeigen: Mit dem fünften Band, auf Seite 632, endet, ohne jeden Ausblicks-Final-Pomp, Ulrich Schreibers Opernführer für Fortgeschrittene. Vor 20 Jahren hat der Düsseldorfer Kritiker das obsessive Projekt unternommen, den Globus der Oper als Einhand-Segler zu umrunden, jetzt landet er in Japan, schreibt über eine Lear-Vertonung von Toshio Hosokawa und eine Kammeroper nach Yukio Mishima, und wieder fragt man sich, woher er das alles weiß.

Das Verlags-Label des "Opernführers" hat Ulrich Schreiber nie ganz behagt. Nicht um Nacherzählungen der in solcher "service"-orientierter Komprimierung meist ohnehin recht blödsinnig erscheinenden Top 100 des ewigen Repertoires geht es, sondern um Zusammenhänge, Vernetzung von Ideen- und Musikgeschichte, und Vergleiche: Worin sich etwa 1905 Janác?eks geniale Jenufa von Bohuslavs Foersters fünf Jahre älterer, gleichfalls auf einem mährischen Dorf-Drama von Kamila Preissová basierender Eva unterscheidet: In solchem Differenz-Verfahren erweist sich, worauf Schreiber zielt: Einordnung, vor allem: "ästhetische Würdigung". Das schließt, bei aller Nüchternheit, Strenge des Urteils nicht aus: Gegen das "abendfüllende Trallala" einer Meredith Monk und die Exzesse der Vereinfachung im ungebremsten Minimalismus kann er messerscharf formulieren, eben weil er eine Haltung hat. Und die ist jedenfalls nicht pop: Die Beatles, die ihr All you need is love mit einer Collage klassischer Musik enden lassen, werden in einem Nebensatz vernichtet, und hier erscheint uns der Meister einmal allzu streng.

Der fünfte Band, der dritte, der sich mit dem 20. Jahrhundert beschäftigt, verfolgt mit einer unfassbaren Informiertheit die Geschichten des Musiktheaters in Ost- und Nordeuropa, die Verbreitung der unmöglichen Kunstform Oper in Nord- und Südamerika, im Nahen und Fernen Osten, in Australien und bis nach Afrika. Was wussten wir, vor Schreiber, über die belorussische Partisanenoper, über das Musiktheater in Transkaukasien? Der fünfte Band ist überreich an ersten Nachrichten von fernen Klängen, prägnant gelingt auch die Beschreibung von nie gehörter Musik. Zwei große Einzelne bekommen Personalkapitel: Strawinsky, der nur eine einzige abendfüllende Oper vollendete, aber als Hauptanreger auch für das musikalische Theater der Moderne zu Recht hochgeschätzt wird. Und Leos Janácek, der die merkwürdige Sprachmelodien des Tschechischen der Musikgeschichte unverwechselbar eingeschrieben hat.

Nicht nur ihre enzyklopädische Beschlagenheit macht die Qualität von Schreibers Operngeschichte aus, sondern erst deren Verbindung mit der lebendigen Theatererfahrung des Musikkritikers. Unter den gegebenen Umständen des Medien- und Wissenschaftsbetriebs scheint so ein Spagat zwischen Praxis und Theorie, zwischen Journalismus und Gelehrsamkeit, kaum wiederholbar. Umso kostbarer das Ergebnis: eine Weltumseglung der Oper, auch jenseits der großen Dampfschifffahrtslinien der MS Mozart, Wagner, Verdi.

Über Wagner scheint alles gesagt, aber nicht von allen. Warum allerdings gerade dieses Jahr eine solche Fülle neuer Wagnerbücher anschwemmt, bleibt ein Rätsel. Von dem Hamburger Politologen Udo Bermbach hat man schon Prägnanteres zum Gegenstand gelesen als seine etwas eilige Biografie, die ein wenig wie aus der Perspektive des Bayreuther juste milieu geschrieben wirkt. Bermbach stellt uns Wagner als Genie der Vielseitigkeit wie der Widersprüche vor: hier das Faszinosum des musikalisch-theatralischen Komplexes - dort die Problematik des Verfassers fragwürdiger Schriften, des Kunstreligion-Stifters und Antisemiten. Wagners Judenthum in der Musik wird zur "schmalen Schrift" erklärt, "die in einem merkwürdigen Kontrast zu den sonstigen theoretischen Arbeiten jener Jahre steht"; gleichzeitig der Wagnersche Judenhass in den allgemeinen Antisemitismus eingeordnet, der "in jenen Jahren weit verbreitet war." Das klingt, so auf die Schnelle, mehr relativierend als differenzierend. Leichteren Herzens wird der Musikdramatiker gewürdigt, der "das Neue und Neuartige stetig von Werk zu Werk herausarbeitete und voranbrachte, um es am Ende mit triumphaler Geste auch durchzusetzen". So wird logischerweise Parsifal zum "musikalisch sicherlich anspruchsvollste[n] Werk" erklärt - worüber sich streiten ließe. Von Musik ist überhaupt kaum die Rede, Bermbachs Interesse gilt den äußeren Lebens-"Stationen" und naturgemäß vor allem der Geschichte des scheiternden Revolutionärs. Das alles ist fußnotenfrei und flüssig lesbar, dazu luxuriös illustriert.

Auch bei Dieter David Scholz geht es mehr ums Leben, weniger ums Werk. Seine europäische Biographie will die "typisch ›deutsche‹ Perspektive der Wagnerbiographik" korrigieren. Scholz nimmt sich mehr Raum, um Wagners Wandererleben zu beleuchten. Tatsächlich war der Mann ja dauernd unterwegs, und vielleicht hört man ja die Walküre-Musik anders, wenn man weiß, dass sie mit Blick auf die Schweizer Alpen geschrieben wurde. Bei aller Internationalität der Einflüsse und Erfahrungen geht das Bild eines "europäischen" Künstlers, der sich unter den Deutschen vor allem fremd fühlte, nicht recht auf, schon weil das Fremde und das Deutsche in einem Zusammenhang stehen: "Wagners lebenslange, extreme, europaweite Mobilität erklärt wohl sein permanentes Träumen von einer deutschen ›Heimat‹, die allerdings mit der realpolitischen deutschen Wirklichkeit nicht viel zu tun hatte." Der quellennahen, bisweilen arg redundanten Darstellung hätte man die eine oder andere Abkürzung gewünscht.

Das Deutsche treibt auch Axel Brüggemann um, vor allem Wagner als deutscher Mythos. Wagners Welt wirkt gegenüber den braven Biographen wie eine manchmal witzige, öfter bemühte Lockerungsübung, die von Hölzchen zu Stöckchen Einfälle und Anekdoten (auch Falschmeldungen) aneinander reiht, mit vagem Erkenntniswert. Vor allem der Schnellgang durchs Oeuvre treibt grelle Blüten: "Rechtswidriger, aufgeblasener und vertrackter als Wagners ›Ring des Nibelungen‹ kann Oper nicht sein", heißt es unter dem Vorzeichen "Kurz:" - aber so fix wie Brüggemann will, geht´s eben nicht. Schön, dass da einer die Gewissheiten der Bayreuther "Factory" aufmischen möchte und Wagners Welten zwischen Pop und Politik beleuchten: doch die schnittigen Parolen versprechen zuviel.

Frank Piontek hat seine überwiegend zuerst in den Bayreuther Festspielnachrichten publizierten Aufsätze zu Wagner-"Quellen, Folgen und Figuren" zu einem schweren Band gehäuft, dessen ausufernde Freude am Zusammenhangstiften den Leser auf ganz andere Art ratlos lässt: eine Art Zettelkasten-Memory aus Journalismus, Philosophie und Altgermanistik. Im Meer dieser vermischten Nachrichten aus Wagners Welt finden sich ein paar faszinierte Seiten über Schlingensiefs Bayreuther Parsifal; doch das Faszinosum zu erklären gelingt ihnen nicht. Das ist genau das Wagnerbuch, das noch zu schreiben wäre.

"Dies ist das erste größere Buch über Karajan, dessen Autor den Dirigenten nicht mehr kennen konnte", schreibt Peter Uehling, Jahrgang 1970, und wir nehmen das als einen Vorteil, denn bislang gibt es "nur Biographien von Freunden und Feinden". Nun gibt es also, drittens, Uehling, und zwischen den Fronten erweist der sich vor allem als überaus genauer Plattenhörer. Das scheint legitim, wo dieses Leben doch der Obsession folgte, Musik in Konserven zu bannen, so perfekt wie möglich. Also keine "Geschichten", kein Close-Up-Tratsch aus den Hinterzimmern der Macht und der Kunst. Hier wird erst einmal zugehört.

Manches ändert sich an Karajans Interpretationsstil in den fünfzig Jahren nach den ersten Aufnahmen; was bleibt, ist ein Hang zur Abstraktion. Es ist nicht das nie gehörte Detail, das diesen Dirigenten fesselt. Uehling macht plausibel, wie es ihm von Anfang an um eine Art panoramatischer Werkschau geht: ums Ganze, von außen betrachtet. Karajans Arbeit an der Groß-Struktur bei Beethoven, Brahms, Bruckner setzt dabei zunächst an der präzisen rhythmischen Gestaltung an. Spätestens aber, als er sich mit den Berliner Philharmonikern sein Ideal-"Instrument geschaffen" hatte, zielt er mehr und mehr um auf eine Ausleuchtung der Form durch Klang-Gestaltung. Dahinter steht eine überraschend schlichte Idee von Schönheit, von Vollkommenheit: der Traum, die Technik könne uns unvollkommene Menschen zur Perfektion erlösen, von Geschichte befreien.

Gerade aus der historischen Distanz lässt sich erkennen, wie Karajans Ästhetik dem technischen Fortschritt folgt - dessen musikalisch massenwirksamster Ausdruck sie zugleich war. Als die DUAL-Plattenspieler in den sechziger Jahren zum Wohlstandszeichen eines schöneren Lebens durch Unterhaltungselektronik wurden, da lieferte "HiFi-Karajan" den nötigen Soundstream, und fast spielte es keine Rolle, ob es Zarathustra war oder Beethovens durch oktavierte Bässe extra-grimmes Jatata-Taa, das durch die Boxen geschickt wurde.

Das Medium war die Botschaft. Peter Uehling erklärt die einzigartige Erfolgsgeschichte dieses Modells, indem er zeigen kann, wie Karajans Kunst sich nicht nur der technischen Entwicklung in immer längeren Verwertungsketten anpasst - von der Stereophonie und Langspielplatte über die Quadrophonie bis zu CD und "Laserdisc" - für die der greise Karajan in seinem Keller schon verbissen ein "HomeVideo" nach dem anderen produzierte, als sich das digitale Video noch längst nicht durchgesetzt hatte.

Hinter dem singulären Mediendirigenten aber steckt ein schwer kontaktscheuer Mann, der erst in der einsamen Perfektionierungsarbeit im Studio seine Erfüllung findet. Deren Ergebnisse wertet Uehling nachgerade als eine "Verweigerung von Kommunikation". Das sind harte Worte. Doch wenn dem unermüdlichen Plattenhörer Uehling am Ende auch die Lust vergeht, noch den allerletzten Beethoven-Zyklus zu analysieren: seine Bestimmung des "Interessanten an Karajan" bleibt bis zum Schluss offen auch für die Faszination, die "weltraumhafte Kälte", die von diesem Dirigenten ausging. Der Bruckners Achte Monate vor seinem Tod noch einmal neu versteht. Und der, als er sich endlich der Moderne widmete, Schönbergs eher spröden Orchestervariationen opus 31 nach einem Probenmarathon mit den Berliner Philharmonikern eine absolute Schönheit abgewann, die - dies eine Mal - sogar Adorno überragend fand.

Ulrich Schreiber: Opernführer für Fortgeschrittene. Die Geschichte des Musiktheaters. Das 20. Jahrhundert III: Ost- und Nordeuropa. Bärenreiter Verlag. 692 Seiten, 47,50 EUR

Udo Bermbach: Richard Wagner. Stationen eines unruhigen Lebens. Ellert Richter Verlag Hamburg 2006, 256 S., 29,95 EUR

Dieter David Scholz: Richard Wagner: Eine europäische Biographie. Parthas, Berlin 2006, 430 S., 38 EUR

Axel Brüggemann: Wagners Welt oder Wie Deutschland zur Oper wurde. Bärenreiter, Kassel 2006, 190 S., 19,95 EUR

Frank Piontek: Richard Wagner. Plädoyer für einen Zauberer. Dohr, Köln 2006, 671 S., 34,80 EUR

Peter Uehling: Karajan. Eine Biographie. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2006, 414 S., 24,90 EUR


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01:00 03.11.2006

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