Neues vom Rosenholz - Altes vom Hakenkreuz

Erinnerungskultur Daniela Dahn und die Verkehrstoten. Bernt Engelmann und die Stasi

Es stand vor einiger Zeit in der Welt und war gleichwohl korrekt, die "Anmerkung der Redaktion": "Frau Dahn hat recht". Gemeint war Daniela Dahn, deren Gegendarstellung das Blatt drucken musste: "Ich habe mich weder mündlich noch schriftlich mit Maueropfern im Zusammenhang mit der Zahl der Verkehrstoten befasst."

Das Blatt hatte zuvor eine Kampagne gegen die Verleihung des Börne-Preises (s. Freitag vom 11. Juni) an Daniela Dahn geführt, weil dem Blatt "bis heute nicht ganz klar ist, wann genau sie nun ihr Mitgliedsbuch der totalitären SED abgab". Und Welt-Autor Rolf Schneider machte aus der Börne-Preisträgerin eine Daniela Pinochet, indem er ihre "Einseitigkeit" rügte, die sie zu "grotesken Fehlurteilen" führe. Schneider: "Bekannt ist ihr Ausspruch, die Zahl der westdeutschen Verkehrstoten sei erheblich viel höher als jene der Maueropfer. So gesehen könnte auch Augusto Pinochet die unter seiner Herrschaft Ermordeten mit den Verkehrstoten von Chile verrechnen." Erfolg der Kampagne: Erstmals in der Geschichte des Börne-Preises wurde die Verleihung unter dem Vorwand zu hoher Kosten nicht im hessischen Fernsehen und bei Phoenix übertragen.

Auffällige Nähe zur Politik der DDR

Von wem aber ist "ihr Ausspruch", den Daniela Dahn nie getan hat? Schneider hat da - Pinochet, Chile, Honecker - einiges durcheinandergebracht. Am 14. Mai 1993 stand in der Zeit ein langer Aufsatz mit dem Titel Über die Verfassungswidrigkeit unserer Autos. Die Unterzeile informierte: "Von einem Grundrecht auf Mobilität steht im Grundgesetz nichts. Es gibt aber das Recht auf körperliche Unversehrtheit. Auf den Straßen kommt es täglich unter die Räder."

Der Zeit-Artikel endete mit einem Hinweis auf Erich Honecker, der wenige Monate zuvor noch wegen der 300 Toten an Mauer und Stacheldraht in Moabit vor Gericht stand, bevor er todkrank nach Chile entlassen wurde. In Moabit habe er, uneinsichtig, am 3. Dezember 1992 "wohl die beste Rede seines Lebens" gehalten, über die "Toten der Marktwirtschaft". Die Zeit zitierte ihn: "Selbst anscheinend so politisch neutrale Entscheidungen wie die Geschwindigkeitsbegrenzung auf Autobahnen sind Folgen einer Staatsverfassung, in der nicht die frei gewählten Politiker, sondern die nichtgewählten Wirtschaftsbosse das Sagen haben. Wenn die Abteilung Regierungskriminalität des Generalstaatsanwalts beim Kammergericht ihre Aufmerksamkeit einmal hierauf richten würde, hätte ich bald die Möglichkeit, den Repräsentanten der Bundesrepublik wieder wie früher die Hand zu schütteln - diesmal allerdings in Moabit."

Die Zeit unmittelbar nach diesem Zitat des Angeklagten: "Von Honecker lernen. Wo er recht hat, hat er recht. Denn in der Tat, die Verantwortlichen für Tausende und Abertausende von Toten und Verletzten sind in Bonn noch alle auf freiem Fuß." Daniela Dahn hatte diesen Zeit-Artikel nicht geschrieben, er stammte von dem angesehenen Westberliner Professor Uwe Wesel, der an der Freien Universität Rechtsgeschichte und Zivilrecht lehrte.

Ob die Welt nun inzwischen dahintergekommen war, wer wirklich Mauer- und Verkehrstote verglichen hat, jedenfalls ließ sie sich die unvermeidbare Gegendarstellung von Daniele Dahn sehr verdrießen. Das Blatt reaktivierte darum unverzüglich eine alte Kampagne gegen einen, der garantiert keine Gegendarstellungen schickt, weil er schon zehn Jahre tot ist: "Stasi führte Bernt Engelmann als IM Albers. Anwerbung erfolgte 1982 in Eichwalde bei Berlin auf "ideologischer Basis - Auffällige Nähe zur Politik der DDR-Führung." - Zeugen: wieder einmal der bekannte Stasi-Romancier Günter Bohnsack, der schon aus dem KZ-Baumeister Lübke und dem Marine-Hinrichter Filbinger unschuldige Stasi-Opfer gemacht hat. Und natürlich eine Rosenholz-Datei vom CIA, die Engelmann auf einem "Statistik-Bogen" führe. Hauptvorwurf jetzt: "So wies die Stasi an, dass Engelmann beim Grenzübertritt am 19. Juni 1988 am Bahnhof Friedrichstraße besonders bevorzugt und höflich abgefertigt werden sollte. Eine Kontrolle seiner Person und des Gepäcks sollten die Grenzer unterlassen." Das alles liefert der Welt, nunmehr "erstmals einen Beweis dafür, dass der 1994 verstorbene ehemalige Bundesvorsitzende des Schriftstellerverbandes in den Stasi-Akten als aktiver Mitarbeiter registriert war".

Engelmann hatte nie verschwiegen, dass er bei seinen Recherchen über die NS-Vergangenheit von bundesdeutschen Politikern und Wirtschaftsgrößen in östlichen Archiven forschte. Auch nicht, dass die Leute, mit denen er da zu tun hatte, möglicherweise dem MfS unterstanden. Aber darauf bestand er: sie arbeiteten für ihn und nicht er für sie.

Hachmeister und die "Räuberpistole"

Die Welt kommt mit ihren wiederaufgelegten Stasi-Vorwürfen, da andere dazu jetzt doch lieber den Mund halten. Vor einem Jahr hat Lutz Hachmeister mit seinem ARD-Film über Hanns Martin Schleyer heftige Stasi-Vorwürfe gegen Engelmann erhoben. Engelmann hatte mehrfach, zuletzt 1992, auf Indizien hingewiesen, die belegen könnten, dass Schleyer als letzter SS-Kampfkommandant von Prag am 6. Mai 1945 ein Massaker an 41 Frauen und Kindern veranstaltet habe. Indizien, wohlgemerkt, bei denen auch Engelmann vermerkte, dass sie allein noch kein Beweis seien.

Aber Engelmann hatte sehr genaue Angaben gemacht, die sich bei Recherchen in Prag leicht bestätigen oder widerlegen ließen. Hachmeister, der über eine ganze Gruppe von Rechercheuren verfügte, verrät nicht, ob er wenigstens die einfachsten Schritte unternommen hat, um Engelmanns Hinweise zu überprüfen. "Gab es in der Usboská-Straße 253 ein Schulgebäude, in dem die SS am 6. Mai ein Massaker an Zivilisten veranstaltete? Heißt die Usboská heute wirklich Straße des 6. Mai? Steht dort ein Denkmal für 41 von der SS ermordete Menschen?" Das fragte ich ihn an dieser Stelle schon vor einem Jahr (s. Freitag vom 29. 8. 2003)

Jetzt ist Hachmeisters umfangreiche Schleyer-Biografie erschienen (Schleyer. Eine deutsche Geschichte. C.H.Beck, München). Hat Hachmeister mit seinem großen Rechercheteam wenigstens für das Buch versucht, Zeugen ausfindig zu machen? Oder sind sie nicht aufzufinden? Wer war, wenn es das SS-Massaker gab, der Befehlshaber? Darüber gibt auch Hachmeisters Buch keine Auskunft. Von Stasi-Hintergrund ist im Buch allerdings keine Rede mehr, jetzt ist für Hachmeister alles nur Engelmanns "Räuberpistole".

Schleyer war eben schon einen Tag vorher geflohen. Hachmeisters einziger Beleg für Schleyers Flucht aus Prag vor dem 6. Mai 1945 kommt selbst von einem Täter: Friedrich Kuhn-Weiss. Dieser Kronzeuge gegen Engelmann war NSDAP-Mitglied, trug die schwarze Uniform der SS-Totenkopfverbände. Kuhn-Weiss beteiligte sich, während ihn Schleyer in Prag vertrat, in einem SD-Sonderkommando an der Judenvernichtung unter dem Chef der SS-Bandenbekämpfungsverbände, dem SS-Obergruppenführer Erich von dem Bach-Zelewski. Hachmeister selbst zitiert auf Seite 211, wie Kuhn-Weiss für seine "umsichtige und außerordentlich aktive Tätigkeit" beim Unternehmen "Draufgänger II" (680 Ermordete) vom Kommandeur des 2. SS-Polizeiregiments ausgezeichnet wurde.

Dieser Kuhn-Weiss hat Hachmeister in einem Gespräch am 2. November 2002 erzählt, dass er zusammen mit Schleyer am 5.Mai - einen Tag vor dem Massaker - aus Prag geflohen sei. Im Film vor einem Jahr konnte man das noch direkt aus dem Mund des Schleyer-SS-Kumpans hören und Überlegungen über seine Glaubwürdigkeit anstellen.

Jetzt im Buch ist alles ganz anders. Jetzt ist es nicht mehr die Wahrheit von Friedrich Kuhn-Weiss. Jetzt ist alles, was ihm der erzählt hat, Hachmeisters objektive Wahrheit geworden, ohne jede Distanz. Ein Trick hilft ihm dabei. 1998 in seinem Buch über den SS-Führer Six, der in der Heidelberger NS-Studentenführung Vorgänger Schleyers war, gab Hachmeister auf 44 Anmerkungsseiten penibel seine Einzelquellen an. Heute im Buch über den Six-Kollegen Schleyer, gibt es null Seiten - er wollte auf einen "ausufernden Fußnotenapparat" verzichten, gibt er an, "zugunsten einer kompakten Darstellung".

"Biografische Studien wie diese", meint Hachmeister in seiner Einleitung, "haben in Deutschland keine große Tradition." Das darf bezweifelt werden.

00:00 23.07.2004

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