Neuland unterm Bio-Pflug

Kuba Die Biofarm „Finca Marta“ zeigt, wie auf der Karibikinsel eine alternative Landwirtschaft funktionieren kann
Neuland unterm Bio-Pflug
Erfolgsgeschichte seit 2011: Fernando Funes-Monzote (rechts) und Mitarbeiter beim Imkern

foto: Sarah L. Voisin/The Washington Post/Getty Images

Bis auf den letzten Stuhl war der Saal Carlos Finlay, nach dem kubanischen Entdecker des Moskitos als Überträger des Gelbfiebers benannt, besetzt, als Russland Gastland der Internationalen Buchmesse in Havanna war. Die Festung San Carlos de la Cabaña wimmelte von Delegationen und Schriftstellern. Bei einer Buchpräsentation saßen Wissenschaftler auf dem Podium, es ging um genmanipuliertes Saatgut in der einheimischen Landwirtschaft und die Veröffentlichung Transgene. Was gewinnt man? Was verliert man? – verfasst von Fernando Funes-Monzote, Agroingenieur und Forscher an der Universität Matanzas, und Eduardo Freyre Roach, Professor für Agrarsoziologie und Bioethik in Havanna. „Immer mehr Studien belegen, wie sehr die Anwendung von genmanipuliertem Saatgut die menschliche Gesundheit, den Erhalt der Ökosysteme, die Lebensgrundlage der ländlichen Bevölkerung und die Nahrungssicherheit in Gefahr bringt“, so die These der engagierten Wissenschaftler. Ihnen saß der Vizedirektor des Zentrums für Genetik und Biotechnologie von der Universität Havanna gegenüber und meinte, die kubanische Variante FR-Bt1 mache den Mais gegen die gefährliche Maismotte resistenter, die ganze Ernten vernichte. Zwei Positionen, die in eine hitzige Debatte führten.

Das war im Februar 2010, die Kontroverse stand im Zeichen der verheerenden Schäden, zu denen Tropenstürme 2008 geführt hatten. Mittlerweile ist die Diskussion erneut entfacht. Lebensmittel sind auf der Karibikinsel so knapp wie zuletzt in den 1990er Jahren. Das von Donald Trump verschärfte Wirtschaftsembargo besteht weiter, die Pandemie trägt das Ihre bei. Die Antwort darauf ist der massive Einsatz kubanischer Transgene, per Dekret im Vorjahr auf den Weg gebracht. „Wir versuchen, die Produktion notgedrungen auf Trockenmais für Tierfutter umzustellen“, erklärte der Agrarforscher Mario Pablo Estrada Ende 2020.

Fernando Funes-Monzote, der 1971 geborene Agraringenieur, hat hingegen praktisch bewiesen, dass eine auf Biodiversität beruhende ökologische Landwirtschaft effizient produzieren kann. Selbst in Zeiten der Pandemie. Funes und seine Familie haben sich seit 2011 dem Aufbau einer ökologischen Farm verschrieben. Nicht nur die Beschaffenheit des Grundstücks in Caimito (Provinz Artemisa), das steinig und übersät war von dem kaktusähnlichen Marabú, verlangte Ausdauer und harte Arbeit, um den Boden nutzbar zu machen. Ein renovierungsbedürftiges Haus hatte zudem weder Strom noch fließendes Wasser. Auch hat eine Bürokratie, die „in jeder Modernisierung einen Feind sah“, so Funes, das Projekt oftmals ausgebremst.

Mit Hacke und Pickel

Mit hartnäckiger Leidenschaft gelang es, die bürokratischen Stolpersteine zu überwinden, dank eines mit Hacke und Pickel freigelegten Brunnens das Süßwasserproblem zu lösen und durch Biogas und Photovoltaik einen Teil der Finca zu versorgen. „Nach fast neun Jahren, während derer wir gezeigt haben, dass wir mit unserer Arbeit für das Gemeinwohl produzieren, erhielten wir das Zertifikat über das Eigentum an unentgeltlichen Nutzungsrechten für unsere neun Hektar, auf denen wir anbauen.“ Das „unentgeltliche Nutzungsrecht“ verhindert in Kuba, Boden ohne Nutzen für die Gesellschaft zu besitzen.

Die „Finca Marta“, nach Funes’ Mutter benannt, ebenfalls eine passionierte Agrarforscherin, folgt dem Prinzip, traditionelles Wissen mit moderner Wissenschaft zu verbinden. Juan Machado, der 80-jährige Brunnenbauer aus der Gemeinde Caimito, ist dabei unentbehrlich. „Ohne seine Kenntnisse, was sowohl die Natur betrifft als auch das soziale Leben des Ortes, hätte ich viele Dinge spät oder vielleicht gar nicht erfahren“, erzählt Funes auf einem Rundgang durch seine Finca. Er hatte nie vor, das Anwesen nur für den eigenen Nutzen zu unterhalten. Ökologische Nachhaltigkeit hieß für ihn auch, ein lokales Netz von Ökolandwirten und Kooperativen zu schaffen; sein Wissen mit Studenten und anderen Interessierten zu teilen, die ihn über das ganze Jahr besuchen können. Sein Vorhaben, so der Agraringenieur, habe nur einen Sinn, wenn es etwas für die Transformation der ländlichen Strukturen in Kuba bewirke.

Doch muss das Landleben für jüngere Generationen attraktiver werden. Zu viele Studenten der Agrarwissenschaft zieht es nach ihrem Abschluss in die Hauptstadt, was einem allgemeinen Trend entspricht, da heute 85 Prozent der Kubaner in urbaner Umgebung leben. Mit seinem Konzept der Partizipation will Funes dem begegnen. Seine inzwischen mehr als 20 Angestellten identifizieren sich mit der Finca und können das bei regelmäßigen Arbeitstreffen zeigen. „Wir glauben nicht, dass man mit Geld alles erreichen kann, aber wir bemühen uns auch, dass so viel wie möglich umverteilt wird, gemäß dem Aufwand und den Fähigkeiten der beteiligten Personen“, erläutert Funes in seinem gerade erschienenen Buch Die Metapher des Brunnens.

Sein Betrieb beliefert private Restaurants, lokale Märkte und Sozialeinrichtungen. Letzteren wird nicht selten ein Teil geschenkt. Es handelt sich um Eier, Milch, gut 30 Gemüsesorten und Honig, den er in einer eigenen Imkerei produziert. Die nunmehr mögliche Vermarktung von Agrarerzeugnissen, im Mai von der Regierung mit dem Dekret 35/2021 auf den Weg gebracht, erleichtert es dem Biolandwirt aus Caimito, seine Produkte zu verkaufen. Der Staat hält sich heraus, bei den Preisen wie der Verteilung.

Dabei gibt es nicht nur die Erfolgsgeschichte der „Finca Marta“, die es wert ist, erzählt zu werden. Gleiches trifft auf andere Biofarmen wie die „Finca Perla“ in Santiago de Cuba, „La Victoria“ in Ciego de Ávila, „San Juan“ in Cienfuegos oder die „Finca Arboleda“ in Matanzas zu, um nur einige der über die Insel verteilten, teils staatlichen, teils privaten (Familien-)Betriebe zu nennen. Es lägen keine absolut verbindlichen Zahlen über Ökofarmen vor, so Funes. Es gebe aber etwa 100.000 Familien in der beim Nationalen Verband der Kleinbauern (ANAP) angesiedelten Bewegung „Campesino a Campesino“. Darüber hinaus existierten gut 50.000 urbaner Parzellen der „Organopónicos“, ein in den 1990er Jahren auf Kuba geprägter Begriff für nachhaltige Stadtgärten.

Dokumentarfilme wie Tierralísimo (Regie Alejandro Ramírez Anderson, 2014) oder Kuba: Alles Bio (arte, 2020) berichten von den Erfolgen des urbanen wie ländlichen Bioanbaus. TV-Serrana ist in Kuba dafür bekannt, die Geschichten der Campesinos in der Sierra Maestra filmisch einzufangen. Luis Guevara, Koordinator und Kameramann, bekräftigt, dass es unter den Kleinbauern der Region einen Trend zum Öko-Anbau gibt, unterstützt durch die Praxis der lokalen Regierung, ihnen für Bio-Kaffee oder -Honig mehr als den Erzeugern zu zahlen, die Chemikalien einsetzen.

Bekanntlich führte das Verschwinden der Sowjetunion und des sozialistischen Blocks in Osteuropa 1990/91 dazu, dass der kubanischen Ökonomie ein Kollaps drohte. Bis dahin waren mit diesen Partnern 85 Prozent des Außenhandels abgewickelt worden. „Das Angebot an Futtermitteln sowie Dünger, Herbiziden und Pestiziden wurde drastisch reduziert. Weil es an Treibstoff mangelte, standen zudem Maschinen still“, schreibt Funes in seinem Buch Die Metapher des Brunnens. An den Hochschulen wie überall im Land sei nach Alternativen gesucht worden, um der Lage Herr zu werden. „So kam es zur Gründung der Steuerungsgruppe des kubanischen Verbandes für ökologischen Landbau (ACAO) im Jahr 1991, in der ich fast ein Jahrzehnt lang aktives Mitglied war.“ 1999 erhielt die Gruppe den schwedischen Right Livelihood Award, am anzuerkennen, was sie bis dahin geleistet hatte. Schließlich wurden die Weichen für den Öko-Anbau inmitten einer zermürbenden Wirtschaftskrise gestellt.

Heute ist die Bevölkerung geteilter Meinung, ob der massive Einsatz von Transgenen nachhaltig sein kann und nicht zur Monokultur führt. Immerhin rief Präsident Miguel Díaz-Canel im März die Biofarmer zu einem Treffen nach Havanna, wo der Gründer von „Finca Marta“ zu den Hauptrednern gehörte. Sein Credo: Reformen sind dringend notwendig! Kuba brauche ein Gesetz, das die vorhandenen Formen von Landbesitz und Landnutzung anerkennt. Es sei eine Agrarstruktur nötig, die einen direkten Zugang zu Gütern, Dienstleistungen, Material und Ausrüstung garantiert, um die ländlichen Regionen zu modernisieren. Ob es dazu kommt, ist entscheidend für die Zukunft der kubanischen Wirtschaft.

Ute Evers hat die „Finca Marta“ seit deren Anfängen mehrfach besucht

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06:00 14.09.2021

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