Neun Buchstaben

Kinderspiel Otto Nebels wundersame Fugen-Dichtung "UNFEIG. Eine Neun-Runen-Fuge, zur Unzeit gegeigt"

Was kitzelt einen, jedenfalls einen "Unfeigen" an Wortfolgen wie "in Regierungen gerinnen Neuerungen" oder "Gegner retten nur Getue. Tintenfritzen triefen gerne"? Was um Himmels Willen soll eine "Neun-Runen-Fuge" sein?

Ihr Schöpfer Otto Nebel wurde 1892 in Berlin geboren, floh als "entarteter" Dichter vor den Nazis nach Bern und lebte dort bis zu seinem Tod 1973. Er gehört zur literarischen Avantgarde am Anfang des 20. Jahrhunderts, und in seinem Umfeld, dem "Sturm"-Kreis um Herwarth Walden, war man weniger daran interessiert, Inhalte mittels Sprache darzustellen; vielmehr versuchte man, Inhalte durch Sprache überhaupt erst zu gewinnen.

Nebel erklärte, dass ihm der Satz "einer zeigt eine Runen-Fuge" quasi zu-fiel, und diesen sonderbaren Satz belauschte er. Er fand neun Buchstaben oder Runen = Geheimnisse. Wobei Nebel wegen des Wortes "Rune" keinesfalls in eine restaurative, tümelnde Ecke gehört, im Gegenteil: Seine Dichtung Zuginsfeld von 1918/19 ist ein präzise aggressives antimilitaristisches Meisterwerk, und mit seinem späteren Interesse an der Mystik, speziell den Schriften Emanuel Swedenborgs steht er nicht allein; die Bewegung politisch wie ästhetisch revolutionärer Künstler in Richtung Mystik ist ein rätselhaftes Phänomen, das eine eigene Untersuchung verlangte.

Nebel findet also sechs Konsonanten und drei Vokale. Seine Runen-Fugen-Poetik folgt den Regeln der anagrammatischen Dichtung. Schlichter gesagt, handelt es sich hier um das arbeitsame Kinderspiel "gefüllte Gänsebrust". Aus vorgegebenen Buchstabenfolgen oder Wörtern werden andere Wörter, dabei entstehen immer auch Neologismen. Neun Buchstaben werden zu einem neuen Alphabet, zum Schlüssel für eine Welt, die die Rezensentin als beglückend erlebt. Aber: "Feige nennen Fugen: Unfug". Wie gut, dass es in Nebels wundersam bestrickenden Text eine Art Subjekt gibt, Herrn oder Frau "Unfeig". An Unfeigs Hand wird man staunend verrückt; es gibt zwar noch Bedeutungen, Behauptungen und "Sinn", aber er dominiert nicht mehr. Lautmalerische, rhythmische Elemente spielen eine gleichberechtigte Rolle in diesem Text. Wie bei der musikalischen Fuge wird ein zentrales Thema, werden die neun Runen umspielt. Die Kunst der Kombinatorik und der Permutation setzt eine Eigendynamik frei, bei der so ziemlich alle Stricke reißen. Wörter und Wortfolgen, mit denen man gurgeln und dann feuerspeien möchte. "Ein Tiefer fing Feuer tief innen". "Nie geizt ein Feuerzeuger... Teifi Teifi/ Zeiger irrt nie/ Zigeuner reiten Ziegen fertig/ Euterziegen/ Tittenziegen/ Nutten / gern greinen reizige Zierziegen/ Tiere/ Tiere greinen nie/ Zeterziege/ Zitzentier zurzeit/ Ritter zeigen Eifer/ Ritter neigen zur Treue/ Ziegen zertreten Enteneier/ zur Ziegenreue Ritter geigen fein". Ist das vielleicht keine Welt voll dramatischer Begebenheiten? Gehen einem da nicht Augen und Ohren auf?

Man macht hier eine ganz eigenartige Lese- und Hörerfahrung - dem Buch liegt eine CD bei, gelesen von Nebel selbst. Eigentlich könnte man doch vermuten, dass die Reduktion von 26 auf nur neun Buchstaben einen Autor fesselt, seine Sprache ausdünnt. Statt dessen hat man es mit Auf- und Ausbruch zu tun. Als erlaube erst die Einschränkung so etwas wie Freiheit und Exzess. "Nun tritt Regine Tietze ein / eine gute Nutte zur Unzeit / trifft rein nie einen guten Nutter unter Ziegenreitern." Otto Nebels Runenfuge umkreist verschiedene Inhalte: Koch- und andere Rezepte, Zurufe, Zaubersprüche, den Auftritt von fünfzig Irren, Polemik gegen Regierungen und Zeitungen, und immer wieder die Besinnung auf das Runenmaterial selbst.

Nebel setzt seinen Lesern kein fertiges Ergebnis vor, sondern lässt sie teilnehmen am Prozess des Suchens und überraschenden Findens. So findet, beziehungsweise schafft der beglückte Unfeig schließlich auch noch die "Unter-Rune" ü: "UNFEIGEN genügt eine einzige ü-Rune, grüne Fernen zu treffen / RÜGEN in einiger Ferne zu erinnern". Die Runen-Fuge entstand 1923/24; eine letzte Reinschrift des Autors im Jahr 1956 brachte kleine Änderungen, die Nebel selbst mit einem "gärtnerischen Betreuen" verglich. Es sagt etwas über den Literaturbetrieb, dass es auch hier wieder ein kleiner Verlag ist, der den Mut aufbringt, nein, der die Lust hat, Lesern Lust auf Sprache zu machen. "UNFEIG entreitet zu neuen Ernten. / Neue Runen er rettet. Einen RING NEUER FUGEN er rettet für innige Freie./ Neue Zeiten reifen für Ernter!"

Otto Nebel: UNFEIG. Eine Neun-Runen-Fuge, zur Unzeit gegeigt. Herausgegeben von Daniel Berner und Andreas Mauz, mit einem Nachwort von Oskar Pastior. Edition Urs Engeler, Basel 2006, Vier Leporellos und eine Audio CD. 96 S., 73 Minuten, 24 EUR


00:00 09.03.2007

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