Neusprech

A–Z „Massencornern“? Wortneuschöpfungen können Phänomene erfassen, politisch manipulieren oder darüber entscheiden, ob man jung genug für Jugendsprache ist
Redaktion | Ausgabe 29/2017 2
Neusprech

Foto: Bettmann/Getty Images

A

Alternative Fakten „Die Wirklichkeit ist eine Konstruktion“, lautet ein Diktum des Soziologen Siegfried Kracauer. Wie wahr dieser Satz ist, zeigt sich seit Donald Trumps Amtsantritt als US-Präsident fast täglich. Gleich seine Inauguration bot den ersten Anlass. Da erklärte Trumps Pressesprecher Sean Spicer: „Das war das größte Publikum, das jemals bei einer Vereidigung dabei war, sowohl vor Ort als auch weltweit. Punkt.“ Verglich man die Besucherzahlen mit denen von Barack Obamas Amtseinführung und zog auch Luftaufnahmen zu Rate, war Spicers Behauptung nicht haltbar. Denkt man. In der Politik-Talksendung Meet The Press erklärte Trumps Beraterin Kellyanne Conway, dass der Pressesprecher „alternative Fakten“ zur Besucherzahl vorgelegt hätte. Darauf Moderator Chuck Todd: „Alternative Fakten sind keine Fakten. Es sind Unwahrheiten.“ Behrang Samsami

B

Beziehungstalk Vermutlich kennen Sie die wunderbaren niederländischen Kupplerinnenbilder aus dem 17. Jahrhundert? Meist verschachert eine alte Vettel ein junges Ding. Aber das ist nichts gegen Tinder, diese Beziehungsanbahnungsapp der Selbstverschacherung, die nur halb so schlimm wäre, gäbe es da nicht Ghosting, Benching, Haunting oder Tuning. Ich sehe Ihre Fragezeichen. Beim Ghosting verschwindet der gedatete Mensch einfach so, antwortet nicht mehr auf Nachrichten. Und das, obwohl das Date doch so toll lief! Mancher Geist sucht auch heim: Das ist dann Haunting. Er folgt dem geghosteten Date in sozialen Netzwerken, reagiert eventuell auf Beiträge, redet aber nicht mehr. Beim Benching hält man sich ein potenzielles Date warm. Man wirft gerade so viele Brotkrumen wie nötig. Hauptsache, der andere springt nicht ab. Sehr subtil ist das Tuning: Jemand schreibt unverfänglich (➝ Sexting). Eine Beziehung kann oder will dieser jemand nicht eingehen. Sprachlos? Wen wundert’s! Marlen Hobrack

C

Cornern Protestform, die: erfunden während des G20-Gipfels, um bierselig an Straßenkreuzungen das Nichteinverstandensein mit der kapitalistischen Weltordnung zu demonstrieren? Mitnichten. Mag sein, dass man in Berlin beim Späti abhängt, in Köln am Büdchen vor sich hindümpelt und in Frankfurt vor der Trinkhalle lungert: In Hamburg nennt man das schon seit Jahren Cornern. Voraussetzung ist ein Kiosk in Laufweite, dann kann jede Straßenkreuzung, jede Hofeinfahrt, jeder noch so kleine Pinkel-Park zur Corner werden.

Einer der schönsten Orte zum Cornern befindet sich direkt unter der Sternbrücke: Oben brettern Züge durch, unten jagen Autos über die Kreuzung und auf den Gehwegen strömt das Partyvolk in die angrenzenden vier Clubs. Wem das zu laut und gesundheitsschädlich vorkommt, der muss wissen: Cornern ist ein urbaner Sport, kein Picknick. Der Begriff soll erstmals 1943 in einer Studie über italienische Immigranten in New York aufgetaucht sein, etabliert hat er sich in den 1980ern in der Bronx (➝ Zarbi). Bis zum G20-Wochenende in Hamburg gab es nur gegen das Cornern Proteste: Von Anwohnern, wenn an der Kreuzung beim Grünen Jäger mal wieder 400 Leute abhingen. Christine Käppeler

F

Facebook I bims vong Inhalt her: Was das soll und was das für 1 Bedeutung hat? Zur wahren Virenschleuder spaßigen Sprachbefalls hat sich die Facebook-Seite „Nachdenkliche Sprüche mit Bilder“ entwickelt. Die dort bewusst gesetzten Fehler in Ausdruck, Rechtschreibung und Grammatik sind so bescheuert wie eingängig, dass sie längst das Netz verlassen haben. I bims („ich bins“) gibt’s als T-Shirt und Tassenmotiv. „Vong“ geht wohl auf den Rapper Moneyboy zurück. Bekannt machte die Phrase aber erst besagte Facebookseite mit ihren mehr als 350.000 Fans, die sie zur überflüssigen Klammerpräposition gestaltete: „ein lustiger Witz vong Lachen her“. Der Ausdruck trollt Web und Alltag. Neben einem Bild von Bill Kaulitz der Band Tokio Hotel steht: „Du muss durch dem Momsun … bis an Ende vong Zeit bis 1 Vohang zerfellt.“ Gefällt vong Inhalt her? Tobias Prüwer

G

Gaslighting Das Wort bezeichnet eine Form von psychischem Missbrauch, benannt nach dem Stück Gaslighting von 1938. Der Protagonist manipuliert seine Ehefrau. Er behauptet, Dinge nicht zu sehen, die sie wahrnimmt; etwa das Licht einer flackernden Gaslaterne. Im realen Leben umfasst Gaslighting Taktiken wie zu behaupten, man habe bestimmte Dinge nicht gesagt oder getan oder die Gefühle des Gegenübers seien unberechtigt. Die Folge sind schwere Depressionen, psychosomatische und andere Störungen (➝ Triggern). Sophie Elmenthaler

M

Mansplaining Das Phänomen ist so alt wie die Vorstellung, dass Frauen auf die Sprünge geholfen werden muss. Mansplaining ist ein Kofferwort aus den englischen Wörtern für „Mann“ und „erklären“; es geht also um Herrklärungen. Ziel der Erklärungswut ist die Frau, die er widerlegt oder unterbricht (Manterrupting). Karriere machte das Wort nach der Veröffentlichung von Rebecca Solnits Text: Wenn Männer mir die Welt erklären . Entgegen der Annahme vieler Meninisten (Männerrechtler) wird die Klage gegen das Mansplaining nie heulsusig, sondern eher amüsiert vorgetragen. Jede Frau hat schöne Beispiele: Nerds, die einer Informatikprofessorin Computer erklären, ein kinderloser Mann, der Tipps für Geburten gibt, you name it! Marlen Hobrack

N

Nadsat Righty right, Dewotschkas und Malchicks. So ganz starrig bin ich noch nicht, oder? Aber für so ’nen Tschelluffjek oder ’ne Babuschka über 40 ist es oft ziemlich unverständlich, was ihr so quorietscht, wenn ihr mit eurer Schaika vor der Butike steht (➝ Cornern). Da muss man schon gut sluschen. Also selbst, wenn man sich für einen Uhmni hält, fühlt man sich manchmal wie ein Glupjek, wenn die ganze Grupa schmitzt, weil man kein Slowo versteht. Ihr findet das wahrscheinlich Horrorshow. Aber Droogies, mal ehrlich, was sagen denn Pe und Em dazu? Denen gehen die Wörter, die ihr so benutzt, doch auch nicht über die Jastik, oder? Sind aber wahrscheinlich den ganzen Tag rabotten und kriegen gar nichts mit, richtig? Man muss ja nicht gleich wie ein Charlie quorietschen, schon klar. Dass man mit Nadsat andere Wörter benutzt als ’ne Gina oder ein erwachsener Feck, war ja schon immer so. Trotzdem tut mir manchmal der Gulliver weh, wenn ich euch zuhöre. Ich werd wohl doch starrig. Mladen Gladić

O

Orwell Das Miniwahr arbeitet am Delstop, um den Ingsoc in den Köpfen der Gutdenker zu verankern – damit sie nicht vaporisiert werden. Wie, Sie können kein Neusprech? Zum Glück nicht (➝ Facebook). Diese Kurzsprache erfinden die Herrscher in George Orwells „1984“, um kritisches Denken zu verunmöglichen. Marxistische Terminologie lässt sich so wunderbar abkürzen: Die Prodmitt müssen den Proles gehören, damit die Diktprol endlich zur Weltrev führen kann. Zufall? Natürlich nicht. Orwell musste im Spanischen Bürgerkrieg vor den massiven politischen Säuberungen durch die Kommunisten fliehen. Später gab er zu Protokoll, dass er seitdem „jede ernsthafte Zeile“ gegen den Totalitarismus geschrieben hat. Gewiss, 1984 war also ein antistalinistisches Buch – aber kein antikommunistisches. Orwell blieb Sozialist. Wie stalinistischer Neusprech die Sprache zertrümmerte, um den „Sozialismus“ aufzubauen, lässt sich übrigens eindrücklich im vor kurzem in neuer Übersetzung erschienenen Roman Die Baugrube von Andrej Platonow nachlesen. Leander F. Badura

S

Sexting Eltern von Kindern im Schulalter können ein Lied davon singen, alle paar Monate liest auch der Rest der Republik mal wieder etwas darüber in der Zeitung oder im Netz. Sexting bezeichnet die Praxis, sich gegenseitig erotische, anzügliche oder schlicht pornografische Nachrichten über Chat zu schicken, zum Flirten oder zur gegenseitigen Erregung. Kann Spaß machen. Großen Ärger kann es geben, wenn der Sextingpartner die für den Privatgebrauch gedachten Bilder aus Rachegründen nach erloschener Zuneigung, oder einfach weil er oder sie ein Arschloch ist (➝ Gaslighting), öffentlich ins Netz stellt.

Nun können Arbeitgeber, Großeltern, Fremde das Opfer schlimmstenfalls splitternackt sehen. Bei Erwachsenen ist das ärgerlich, bei Minderjährigen obendrein strafbar, weil Kinderpornografie, und zwar nicht nur für die Minderjährigen, sondern auch deren haftende Eltern. Kein Wunder also, dass sich Scharen von Medienpädagogen um Aufklärung bemühen – leider nicht immer erfolgreich. Eine weitere Form von sexueller Belästigung sind pornografische Bilder, die der Adressat gar nicht haben wollte, zum Beispiel die berühmten Dickpics – also Penisbilder –, die Frauen auf Tinder oder anderen Dating-Apps oft schon nach der ersten Nachrichtenzeile bekommen. Vielleicht sollte mal jemand den Versendern erklären, das Penisse kein guter Anmachspruch sind. Sophie Elmenthaler

T

Triggern Taufrisch ist triggern nicht. Das Wort kennt sogar der Duden – seit 2004. Dort meint es „einen Schaltvorgang aktivieren oder etwas auslösen“, wie eine bestimmte Musik zum Beispiel schöne Erinnerungen triggern kann. Trigger können aber auch Angst und Panik hervorrufen. Hat eine Person etwa sexuellen Missbrauch erfahren, kann die Schilderung eines Übergriffes sie in die Situation zurückversetzen. Ähnlich können Rassismuserfahrungen getriggert werden.

Besonders im Internet gibt es immer wieder Triggerwarnungen: So wird davor gewarnt, dass ein Text oder Video Trigger enthalten könnte. Die Triggervorsorge hat sich inzwischen verselbstständigt. Weil alles irgendetwas auslösen könnte, wird vorsorglich gestrichen. Auf dem Theatertreffen im Mai in Berlin wurde die Leipziger 89/90-Inszenierung wegen Triggerverdachts zensiert. Der Natur der Sache nach treten im Stück auch Nazis auf. Einer äußert sich rassistisch – was auf Verlangen der Festivalleitung mit einem „Beep“ übertönt wurde (➝ Orwell). Wenn man auf einer Bühne keinen Nazi mehr darstellen kann, wird’s eng. Tobias Prüwer

Z

Zarbi Im französischen Verlan werden die Silben umgekehrt: Aus bizarre wird zarbi. Den Slang entwickelten nach dem Zweiten Weltkrieg Gauner, um die Polizei zu verwirren. Heute gilt Verlan als Sprache der Jugendlichen in den Pariser Banlieues. Verlan ist keine fertige Sprache (➝ Nadsat), sondern ein Spiel der Verfremdung. Über die Vororte hinaus bekannt wurde Verlan, als 1977 der Song Laisse béton von Renaud erschien. Laisse béton statt laisse tomber, lass gut sein. Bei manchen Worte im Verlan werden die Silben auch ein zweites Mal verdreht. Nur wer die erste Version kennt, kann die zweite verstehen. Bizarr kommt übrigens aus dem Italienischen und meint „von absonderlicher Form“. Johanna Montanari

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06:00 09.08.2017

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