Neustart auf Zeit

Jordanien Im größten Flüchtlingscamp im Nahen Osten haben sich alle mit den Zuständen abgefunden. Es gibt sogar ein bisschen Luxus
Bartholomäus von Laffert | Ausgabe 38/2016 4

„Treten Sie ein und lassen Sie sich überraschen!“ Muhanad grinst fröhlich, als er hinaus auf die staubigen Champs-Élysées tritt, um eine junge Frau mit geblümten Kopftuch und ihren künftigen Ehemann in seine kleine Braut-Boutique zu bitten. Drinnen ist es stickig und heiß, die nach hinten gegelten Haare kleben verschwitzt in Muhanads Nacken. Im Zelt sind Schaufensterpuppen aufgestellt, die Brautkleider mit langen weißen Schleppen und silbernen Ornamenten auf dem Dekolleté tragen. Dazu hat Muhanad Kleider in Orange, Grün und Violett ausgestellt. „Die syrische Braut braucht immer zwei Kleider: eines für die offizielle Zeremonie, eines für die Party danach“, erklärt er. Er verleihe auch Einzelstücke aus seiner Kollektion ab 15 Dollar pro Tag aufwärts. „Absolut in Mode, die neuesten Angebote aus Amman, die größte Auswahl in Zaatari“, versichert er seiner Kundin stolz.

Die Champs-Élysées liegen nicht in Paris, sondern im jordanischen Flüchtlingscamp Zaatari. Dass Muhanad als einstiger Landwirt einmal für die Modebranche arbeiten würde, daran hatte er im Traum nicht gedacht. Genauso wenig wie daran, sesshaft zu werden in Zaatari, dem größten Lager seiner Art im Nahen Osten. Eigentlich hätte keiner der 80.000 Menschen aus der Region Daraa im Süden Syriens, die in Zaatari gestrandet sind, länger als ein paar Tage, bestenfalls einige Wochen bleiben sollen. Inzwischen sind für die meisten Jahre vergangen, in denen sich dieses Refugium natürlich verändert hat: vom Chaos-Camp mit einst über 200.000 Bewohnern, das die jordanische Regierung 2011 mit Unterstützung des Flüchtlingshilfswerks UNHCR in kurzer Zeit als Provisorium aus dem Wüstenboden gestampft hatte, zu einer Kleinstadt. Als der Bürgerkrieg in Syrien endlos zu werden schien und eine Rückkehr der Vertriebenen immer undenkbarer, haben die Flüchtlinge Klein-Daraa in der jordanischen Wüste nachgebaut; 50 Kilometer südlich der alten syrischen Heimat. Den Straßen wurden Namen gegeben, den Containern Hausnummern, Innenhöfe mit Tomatenstauden bepflanzt und Straßenläden eröffnet. Heute gibt es zehn Hochzeitsausstatter, dazu Parfümerien und gut gefüllte Internetcafés. Es duftet nach frisch frittiertem Falafel und gebrannten Mandeln. Laut klingelnd kurven jugendliche Kuriere vom Pizza-Lieferservice im Slalom durch die Menge.

Etwas entfernt von Zaataris Shoppingmeile sitzt Gavin White im Basiscamp des Flüchtlingshilfswerks UNHCR. Die Klimaanlage im Bürocontainer kämpft gegen die unerbittliche Hitze. Als stellvertretender Camp-Manager ist White so etwas wie der Vize-Bürgermeister des Lagers. „Die Eigeninitiative und die Erwartungen der Syrer haben uns dazu gezwungen, das Konzept hier auf die Bedürfnisse privater Haushalte umzustellen. So arbeiten wir, was etwa die Wasserversorgung und Elektrizität angeht, weit oberhalb der humanitären Standards des UNHCR.“ Was das an Organisation bedeutet, wird einem bei einem Blick auf den Lageplan klar, der in Whites Büro hängt. Eine Karte, die eher an die Topografie einer Kleinstadt in den USA als an ein Flüchtlingscamp erinnert. Schnurgerade Straßen, die das Terrain in zwölf Distrikte unterteilen, dazu zwei Hospitäler, in denen pro Woche im Schnitt 80 Kinder geboren werden, neun Schulen mit über 20.000 Schülern und mittendurch die 1,8 Kilometer der Champs-Élysées.

Rückkehr zur Normalität

In Zaatari ist eine eigene Subökonomie entstanden, gefüttert von den Geldern einer syrischen Diaspora und den zwei Millionen Euro, die das Welternährungsprogramm jeden Monat in Form von Wertbons ausschüttet. Davon profitieren nicht nur die Flüchtlinge, sondern ebenso jordanische Händler. Jeden Morgen ziehen die Karawanen der Lastwagen hin zum Camp. An den Zugängen werden dann Obstkisten entladen, Textilien gehandelt und Küchengeräte auf Eselskarren verfrachtet. „Schon vor dem Krieg haben die Menschen aus Daraa mit den Jordaniern gehandelt“, erklärt White. Was davon wieder auflebe, bedeute Rückkehr zur Normalität.

So hat es Jordanien trotz einer überlasteten Infrastruktur, der wachsenden Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt und notorischem Wassermangel in den zurückliegenden fünf Jahren geschafft, den Zustrom aus dem Nachbarland aufzufangen, ohne dass es zu größeren Protesten der heimischen Bevölkerung kam. 650.000 syrische Flüchtlinge sind beim UNHCR registriert, doch schätzt die Regierung in Amman die reale Zahl auf 1,4 Millionen. Es gibt eine in der Vergangenheit erworbene Expertise beim Umgang mit Flüchtlingsströmen: Fast ein Drittel der sieben Millionen Menschen zählenden Gesamtbevölkerung besteht aus Palästinensern, die seit den späten 40er Jahren in Jordanien strandeten. Hinzu kommen Tausende Iraker, die ihrem Land zu entfliehen suchten.

Jordanien liegt zwischen den Bürgerkriegsstaaten Syrien und Irak sowie dem saudischen Königreich und Israel, mit dem es enge wirtschaftliche Beziehungen unterhält. „Wird Jordanien destabilisiert, droht die ganze Region in ein Chaos zu stürzen“, warnt der französische Migrationsforscher Kamel Doraï , der in Amman lebt. „Jordanien ist derzeit das einzige Land im nahöstlichen Krisenbogen, in dem internationale Hilfsorganisationen humanitäre Hilfe bereitstellen können und das gleichzeitig selbst einen großen Beitrag zur Krisenbewältigung leistet.“

Die Europäische Union hat großes Interesse, dass es so bleibt und will vermeiden, dass sich wie vor einem Jahr, als das Welternährungsprogramm die Unterstützung für Flüchtlinge kürzte, Zehntausende auf den Weg nach Europa machen. Deshalb hat sich die EU im Frühjahr mit König Abdullah geeinigt, dass jordanische Unternehmen günstige Kredite und einen erleichterten Zugang zum europäischen Binnenmarkt erhalten, im Gegenzug sollte die jordanische Regierung 50.000 Syrern eine Arbeitserlaubnis erteilen.

Denn noch immer ist die Lage für syrische Flüchtlinge in Jordanien äußerst prekär: Offiziell arbeiten darf bislang kaum jemand. Das Gros der Geflüchteten – man schätzt, dass es etwa 80 Prozent sind – lebt außerhalb der Camps und muss sich in der Illegalität durchschlagen. Miete und Lebensmittel lassen sich kaum bezahlen von den umgerechnet 25 Euro, die ein Flüchtling vom Welternährungsprogramm im Monat erhält. Wer lieber im Lager ausharrt, tauscht Freiheit gegen Sicherheit ein.

Die freundliche Fassade der Champs-Élysées täuscht. Hinter den kleinen Geschäften verläuft ein drei Meter hoher Maschendrahtzaun, den niemand überwinden kann. Jordanische Sicherheitskräfte kontrollieren an den Ausgängen, dass niemand ohne polizeiliche Genehmigung das Camp verlässt. Für viele ist diese Zuflucht deshalb mehr ein Freiluftgefängnis als eine Kleinstadt.

Ungeachtet dessen haben es 60 Prozent aller Erwachsenen in Zaatari geschafft, Arbeit zu finden, besonders in den Cash-for-work-Programmen der UN-Flüchtlingshilfe oder auf den Feldern rund ums Camp; hinzu kommen über 3.000 arbeitende Kinder. Eines von ihnen ist Sheima. Gegen 16 Uhr am Nachmittag lässt sich die 13-Jährige erschöpft auf eine abgewetzte Matratze in einem von der Sonne aufgeheizten Wohncontainer fallen. Ein verschwitztes weißes Kopftuch klebt an der Stirn, an der Wand hängen Fotos: Sheima lachend beim Seilspringen mit Freundinnen; Sheima, die stolz eine Fußballmedaille in die Luft hält, die langen braunen Haare zum Pferdeschwanz zusammengebunden. Das war einmal – in Syrien, im „Paradies“, wie sie es nennt. Zaatari ist kein Paradies und Sheima schon kein Kind mehr. Angst und Not, Krieg, Flucht und dann Zaatari haben ihrer Kindheit ein jähes Ende gesetzt.

Ein hässliches Muster aus Schnitten und Schlieren zeichnet ihre kleinen Hände, der Rücken schmerzt. „Wir müssen schon um fünf Uhr aufstehen, um den Bus nicht zu verpassen, der uns auf die Kartoffelfelder bringt“, sagt sie. Acht Stunden arbeite sie auf den Feldern, acht Dollar würden ihr dafür gezahlt. Sheima zuckt mit den Schultern: „Entweder ich gehe arbeiten oder meine Familie muss im Winter frieren.“

Eine Braut von 14 Jahren

Sheimas Vater, der mit seinen zwei Frauen und sieben Kindern nach Zaatari geflohen ist, wirkt hilflos bei seinem Versuch, sich zu rechtfertigen. „Entweder ich schicke meine Tochter arbeiten oder ich muss sie verheiraten, wie viele andere Väter es tun – was würdest du machen?“ Seit Jahren gibt es Gerüchte, dass reiche Unternehmer aus den Golfstaaten in syrischen Flüchtlingscamps auf Brautschau gehen, dass verzweifelte Eltern ihre Kinder für ein paar hundert Dollar verkaufen. „Wir haben allerdings keine Beweise dafür“, erklärt Sewar Sawalha von der NGO Save the Children. Ein viel größers Problem seien die Ehen, die innerhalb des Camps geschlossen werden. „Da werden junge Mädchen mit Cousins oder Nachbarn verheiratet – viele sind gerade 13 oder 14 Jahre alt“, sagt Sawalha.

Brautkleid-Verkäufer Muhanad kennt seine Kundinnen gut und weiß Bescheid: „Das ist haram! Kinderehe ist keine syrische Tradition, sondern nur ein Symptom unserer Ausweglosigkeit. In Syrien würde so etwas nicht passieren!“

Letztlich haben alle Bewohner in Zaatari nur einen Traum – zurückkehren nach Hause. In die Heimat. Das zerstörte, verlorene Paradies. Schon jetzt verlassen wöchentlich zwischen 50 und 150 Menschen das Camp, um ins zerbombte Daraa zurückzukehren, obwohl die Stadt und ihre Umgebung noch nicht befriedet sind, nachdem die Kampfhandlungen zwischen der Assad-Armee und islamistischen Milizen beendet wurden. „Sobald der Krieg ganz vorbei ist, können wir das Camp hier abbauen“, versichert Gavin White vom UNHCR. Und er ist optimistisch. „Mit dem Ehrgeiz und dem Eifer, mit dem die Menschen Zaatari in vier Jahren in eine Stadt verwandelt haben, werden sie zurückkehren und ihr zerstörtes Land aufbauen, bis jeder Stein wieder auf dem anderen steht.“

Bartholomäus von Laffert ist freier Autor. Er ist kürzlich durch Jordanien gereist

06:00 27.09.2016

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