NGO ist ein Arbeitsstil - und immer falsch

LOBBY-ORGANISATIONEN Sie liefern die sozialökologische Kosmetik

NGO ist eine Bezeichnung für eine Organisationsform und eine Denklogik, nicht eine Bezeichnung für Verbände oder Gruppen. Um das Prinzip und die Wirkung der NGO-Arbeit zu verstehen, muss klar sein, dass "NGO" eine Handlungsstrategie bedeutet.

Es gibt etliche Verbände, die auch, aber nicht nur NGO sind, zum Beispiel Massenverbände wie der BUND, Greenpeace, Eine-Welt-Organisationen oder Jugendverbände, die einen NGO-Stil vor allem in ihren Spitzenstrukturen praktizieren, innerhalb derer es aber auch direkte Aktionen, Öffentlichkeitsarbeit, Basisbewegung gibt. Einige moderne Lobbyverbände konzentrieren sich ausschließlich auf den NGO-Stil und verfügen über keinerlei Basis und demokratische Legitimation. Dazu zählen WEED, Germanwatch, Share. Der NGO-Arbeit fehlt grundsätzlich die demokratische Legitimation, denn auch wenn sie sich in größeren Verbänden abspielt, läuft dort die NGO-Arbeit außerhalb der innerverbandlichen Debatten ab.

NGOs machen ihre Strategien an den durch die offiziellen Strukturen vorgegebenen Möglichkeiten fest. Sie sind damit strategisch abhängig. NGO bedeutet das Gegenteil von selbstorganisiert, spontan, kreativ oder autonom.

Es gibt mehrere Möglichkeiten, das eigene Handeln an den Vorgaben durch Regierungen sowie die Machtmechanismen des Marktes, der Konzerne auszurichten. Die wichtigsten seien im folgenden genannt. Je nach NGO treffen mehrere oder alle gleichzeitig zu.

Strukturen bilden, die zu offiziellen Machtstrukturen passen:

NGO-Arbeit bedeutet, die eigenen Ziele auf den gleichen Ebenen wie Regierungen, Konzerne, Institutionen zu verfolgen und für die eigene Aktivität neben der dauernden Lobbyarbeit vor allem die Anlässe und Beteiligungsmöglichkeiten zu nutzen, die von Seiten der Regierenden vorgegeben werden. NGO-orientierte Verbände haben - außer zur Geldbeschaffung - kaum noch eigene Handlungsfelder.

Lobby-ExpertInnen und Karriere:

SpitzenfunktionärInnen in den NGOs zeichnen sich nicht mehr durch Erfahrungen in der Mobilisierung und Durchführung von Aktionen oder fachliches Know-How, sondern durch taktische Fähigkeiten bei der Lobbyarbeit aus. Damit geht den NGOs das personelle Potential verloren, das überhaupt noch anders agieren kann als NGO-mäßig. Verbunden ist das oft mit einer Gier nach Posten in der Hoffnung, immer einflussreichere Stellungen in den Regierungsapparaten zu übernehmen. Das aber ist mit aggressiven Aktionen und Positionen nicht machbar.

Aufbau von elitären Gremien:

NGOs fördern den Aufbau neuer Gremien, in denen sie mit den Mächtigen zusammensitzen: Ökorat, Nachhaltigkeitsrat, Vergaberat von Krediten für Projekte im Trikont, die Agenda 21 und so weiter. Diese Gremien schaffen eine neue Elite und definieren sich als Ergänzung der Machtstrukturen, nicht aber als Gegengewicht, in dem auch Macht in Frage gestellt und Beteiligungsrechte für die Menschen gefordert wird.

Finanzielle Abhängigkeiten:

Ohne eigene Basis oder in weiter Ferne von ihr wachsen die finanziellen Abhängigkeiten. Viele NGOs finanzieren ihre Arbeit ganz oder zu großen Teilen aus öffentlichen Zuschüssen, das heißt aus Geldern genau der Regierungsstellen sowie zunehmend auch Konzerne, die sie über ihre Lobbyarbeit gleichzeitig für sich zu gewinnen suchen.

Personelle Verflechtungen:

Die Nähe zu den Regierenden zieht direkte personelle Verflechtungen nach sich. Viele NGO-SpitzenfunktionärInnen haben Parteibücher, verdienen ihr Geld in Staatsapparaten oder stehen vor Karrieresprüngen dorthin.

Teilnahme an der Macht:

NGOs wollen zu den Mächtigen auf die gleiche Ebene treten. Die deutlichste Abgrenzung verläuft damit zu den "normalen BürgerInnen". Die NROs kämpfen für ihre eigenen Rechte, nicht für die der Menschen oder unabhängiger Gruppen. Zudem eint die NGOs mit BDI, ADAC über Gewerkschaften, Frauenverbände bis UmweltschützerInnen oder Eine-Welt-Läden die Forderung nach Geld, Informationen, Posten für NGOs. Damit treten sie nicht-NGO-orientierten Arbeitsformen konkurrierend gegenüber.

Akzeptanzbeschaffung:

Durch die Mitwirkung an den Entscheidungsprozessen, ohne jedoch wirklich Mitspracherechte zu haben, geben NGOs den Regierenden einen sozial-ökologischen Touch. Das stärkt die Herrschenden und ihre Entscheidungen.

NGOisierung von Bündnissen:

NGOs übertragen ihren Stil auf Bündnisse. Radikale Positionen werden aus Rücksicht auf Finanzflüsse und Kontakte entschärft, Aktionsformen auf das legale oder sogar polizeigewünschte Maß zurechtgestutzt sowie die gesamten Bündnisse über die Hauptamtlichenstrukturen der NGOs zentralisiert.

Auch Basisgruppen entwickeln auf ihrer Ebene NGO-Verhaltensweisen, streben nach Posten in Gremien, Agenda 21 oder Karriere. Unabhängige Gruppen und einzelne BürgerInnen fallen heraus.

Fazit: Der NGO-Stil stärkt die Mächtigen und die Machtstrukturen. Unter anderem schwächt er die Fähigkeit zur eigenständigen Aktion und Öffentlichkeitsarbeit. Er ist daher immer und überall falsch. Reine Lobbyorganisationen können nicht Teil einer politischen Bewegung sein. In Verbänden mit NGO- und andere Arbeitsstilen ist der Kampf gegen den NGO-Stil notwendig, um die Ressourcen für selbstorganisierte Aktivitäten zu nutzen und nicht in einer Situation zu verharren, wo sich zwei Stile gegenseitig aufheben: Öffentliche Kritik und Akzeptanzbeschaffung für das Kritisierte! Wer gegen Atom- und Gentechnik oder die internationalen Ausbeutungsverhältnisse antritt, kann nicht gleichzeitig die Agenda 21 fördern, die genau das fordert.

Wer eine umweltverträgliche oder menschlichere Zukunft will, kann nicht gleichzeitig bei der Expo 2000 mitmachen. Der Kampf gegen den NGO-Stil muss daher ein Teil der politischen Arbeit sein. Den NGOlerInnen sei gesagt: Wer die Parlamente und Regierenden liebt, solle bitte dahingehen - aber nicht unter dem Namen politischer Bewegung die sozialökologische Kosmetik des neoliberalen Ausbeutungsprojektes schaffen.

Die Geschichte hat gezeigt: Politische Bewegung war immer stark, wenn sie offensiv und unabhängig war. Die neunziger Jahre sind ein politisches Fiasko - auch deshalb, weil viele politisch Aktive über ihren NGO-Stil zu TäterInnen geworden sind.

Langfassung des NGO-Textes und Informationen zum "Umweltschutz von unten": http://go.to/umwelt Infopaket "Umweltschutz von unten" 6 DM bei der Projektwerkstatt, Ludwigstr. 11, 35447 Reiskirchen. Ebenfalls dort zu beziehen:
Jörg Bergstedt, 1998/99: Medienpaket "Agenda, Expo, Sponsoring" , 2 Bücher und 1 CD, IKO-Verlag, 115 DM



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