Nicht allein sterben

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Es gibt keine Unschuld im nächtlichen Dickicht der Städte. Zwei Jugendliche, vielleicht noch Kinder, gehen unterm Brückenbogen ihren Geschäften nach. Sie kokettieren mit der Verwahrlosung, geben vor, von Flöhen befallen zu sein. Eine klar umrissene Szene - so scheint es. In einem kalkuliert naiven Erzählgestus nähert sich das Gedicht dem Bezirk des Verbotenen. Man befindet sich an einem Ort, der in der Regel den Marginalisierten vorbehalten bleibt: den Stadtstreichern, den Prostituierten, dem Drogenmilieu. Es bleibt zunächst offen, ob ein männliches oder ein weibliches Ich die Szenerie beobachtet und den morbiden Reiz der Konstellation goutiert. Das Erzählerische des Gedichts schützt Klarheit nur vor; aber nichts liegt hier offen zutage. Stattdessen wird alles in der Schwebe gehalten: das Alter der zwei Jungen, das Vorhandensein der Flöhe, das Lavieren zwischen kokettem Spiel und plötzlicher Gewalt. Und auch die Interessenlage des Ich. Geht es um käufliche Liebe, um sexuellen Tauschhandel mit Minderjährigen oder doch nur um ein harmloses Abenteuer zweier Kinder?

Der Titel des Gedichts gibt den entscheidenden Hinweis. Er evoziert nicht nur die Kulturgeschichte der tödlichen Verführung. Der "Rattenfänger" aus der berühmten Legende hatte einst die Kinder einer ganzen Stadt ins Verderben gelockt, um auf Nimmerwiedersehen mit seiner Beute zu verschwinden. Für das vorliegende Gedicht bedeutet das: Die Lyrikerin Nora Bossong bedient sich einer Rollenmaske. Das lyrische Ich spricht aus der Perspektive eines (potentiellen) Täters. Im scheinbar neckischen Kinderspiel mit genitaler Protzerei und einem allzu neugierigen Ich regiert der "Rattenfänger", der über den "billigen" Erwerb von Liebesdiensten nachdenkt. Dominantes Subjekt ist das Ich, dessen besitzergreifende Annäherung an die beiden Jungen mit einem "Tritt" beantwortet wird. Je näher man das Gedicht anschaut, desto mehr Rätsel tauchen auf.

Das Rätsel wird noch vertieft durch die Frage des einen Jungen nach dem Sterben eines Tiers. Die junge Lyrikerin Nora Bossong, die derzeit am Literaturinstitut in Leipzig studiert, hat eine ganze Reihe von Gedichten geschrieben, in denen durch die Präsenz von Tieren eine irritierende Geheimnishaftigkeit erzeugt wird. Gleich in ihrer ersten Gedichtveröffentlichung im Jahrbuch der Lyrik 2005 führt sie nun einen heiklen lyrischen Balanceakt vor: Das frivole Spiel ihrer Protagonisten findet an den offenen Grenzen von Sexualität und Gewalt statt. Dort wartet aber schon ein "Rattenfänger", um sein tödliches Ritual in Gang zu setzen. So durchläuft das Gedicht in wenigen Versen eine enorme Strecke: Das Kokettieren mit dem Verbotenen führt plötzlich in die unmittelbare Todesdrohung, die in der Frage nach dem Tod aufleuchtet: "ob es stimmt dass auch das Tier / allein nicht sterben kann". Das Gedicht verbirgt diese unerhörten Vorgänge hinter seinem lakonischen Erzählgestus. Und doch sind wir am Ende im Terrain des Entsetzlichen. Es hat eine tödliche Grenzüberschreitung stattgefunden. Die Schlusszeile in diesem verstörenden Nachtbild hat etwas Fatalistisches, das Schicksal der beiden Jungen ist besiegelt: "es war/ zu spät für Jungen unter dieser Brücke".


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Nora Bossong

Rattenfänger

Zwei Jungen traf ich
unterm Brückenbogen nachts die
pinkelten den Pfosten an und
sagten dass sie sieben seien
sagten dass sie Flöhe hätten sie
lachten über mich als ich
es glauben wollte nichts zu holen
außer Flöhe verriet der Kleinere
der zeigte aufs Gebüsch und trat
mir in den Spann ich hätt mich gern
in ihn verliebt so billig war
in jener Nacht sonst nichts mehr
zu erleben der Große fragte
ob es stimmt dass auch das Tier
allein nicht sterben kann es war
zu spät für Jungen unter dieser Brücke

Nora Bossong, geboren 1982, lebt in Leipzig. Das Gedicht ist dem aktuellen Jahrbuch der Lyrik 2005 (C.H. Beck Verlag) entnommen.


00:00 10.09.2004

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