„Nicht blöd angucken ist ein guter Anfang“

Porträt Bijan Kaffenberger wurde Sozialdemokrat, um sich von reicheren Mitschülern abzugrenzen. Als Kanzler sieht er sich eher nicht
„Nicht blöd angucken ist ein guter Anfang“
Bijan Kaffenberger ist als SPD-Politiker in Hessen nah bei den Leuten. Bekannt wurde er mit Youtube-Videos über sein Leben mit dem Tourette-Syndrom

Foto: SCHMOTT Photographers für der Freitag

Der Demonstrationszug bewegt sich in Richtung Darmstädter Innenstadt. „Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut“, rufen sie. Und immer wieder: „Es gibt kein Recht auf Kohlebagger fahren.“

Bijan Kaffenberger läuft mittendrin, schwarze Outdoorjacke gegen den Nieselregen, Turnbeutel auf dem Rücken, Hornbrille, verstrubbeltes Haar. Er reckt sein Smartphone in die Luft, dreht sich im Kreis, um den Moment als Video festzuhalten. Viele der Protestierenden kennen ihn, sprechen ihn an. Einige wollen ein Selfie mit ihm machen und nehmen ihn in ihre Mitte. „Guck mal, der Kaffenberger“, sagen zwei Schülerinnen, die daneben stehen.

Bijan Kaffenberger, 29 Jahre, sei ein „Hoffnungsträger der Sozialdemokratie“, ein „politisches Talent“, so steht es in den Zeitungen. „Wenn nur die halbe SPD so reden würde wie er, dann müssten sich die Sozialdemokraten überhaupt keine Sorgen mehr machen“, hieß es in der Welt.

Bei der hessischen Landtagswahl im vergangenen Oktober ist ihm ein Coup geglückt: Im Wahlkreis Darmstadt II hat er das Direktmandat geholt. Die erfahrene CDU-Politikerin Karin Wolff, ehemalige Kultusministerin in Hessen hat er deutlich hinter sich gelassen, wie auch den Konkurrenten von den Grünen. Kaffenberger, der aus dem südhessischen Darmstadt stammt, hat in seinem Wahlkreis bei den Erststimmen neun Prozent mehr geholt als seine Partei bei den Zweitstimmen. Bei der Hessenwahl, die für die SPD im Desaster endete, war er die Ausnahme von der Regel. Der Lichtblick.

Es ärgere ihn, dass junge Menschen, die sich politisch engagieren, oft unterschätzt würden. Die Äußerung von FDP-Chef Christian Lindner zu den Schülerdemos Fridays for Future, Kinder und Jugendliche seien nicht in der Lage, globale Zusammenhänge zu verstehen und sollten die Probleme doch besser Profis überlassen, hat ihn aufgebracht. Auf der Abschlusskundgebung der Demonstration auf dem Darmstädter Marktplatz ruft er: „Lasst euch nicht einreden, dass ihr keine Profis seid, macht weiter mit eurem Protest.“ Seine Stimme macht dabei einen seltsam hohen Laut, sein Arm bewegt sich abrupt nach vorne, er kann diese Muskelzuckungen nicht kontrollieren. Das gehört auch zu ihm: Bijan Kaffenberger hat das Tourette-Syndrom.

Sechs Jahre war er alt, als er zum ersten Mal merkte, dass seine Hand unwillkürlich zuckt, elf Jahre, als die Diagnose gefällt wurde. „Mein vermeintliches Manko“ nennt Kaffenberger die neuropsychiatrische Bewegungsstörung, die sogenannten Tics, benannt nach dem französischen Wort für nervöses Zucken. „Natürlich bin ich mit dem Tourette-Syndrom verworren, ich kann ja nicht ohne es existieren“, sagt er.

Ein paar Wochen zuvor, in einem Café in der Frankfurter Altstadt. Bijan Kaffenberger kommt herein, redet drauflos, sucht eine Steckdose, um seinen Laptop aufzuladen. Es ist erstmal irritierend, wenn man ihm gegenüber sitzt. Wenn seine Hand sich ruckartig auf einen zubewegt, wenn sie plötzlich nach einem Gegenstand, nach der Tasse Cappuccino, die vor einem steht, nach der Zuckerdose auf dem Tisch, zu greifen scheint. Wenn sein Kopf zur Seite kippt, wenn er einen Kiekser ausstößt, einem nahe rückt. Die Menschen im Café starren ihn verunsichert an. Kaffenberger kennt es nicht anders. Doch wenn man mit ihm spricht, dann dauert es nicht lange, bis diese Verunsicherung auch schon wieder verschwindet. Sein Anderssein hat dann nichts Irritierendes mehr. Weil Kaffenberger sehr einnehmend sein kann.

Lebenslang Lilie

Warum ist ihm bei der Landtagswahl der Sprung aus der Reihe gelungen? „Die Menschen nehmen mich als glaubhaft und ehrlich wahr, das ist etwas, das sie bei anderen vermissen“, sagt er. „Viele denken: Das ist ein Typ, der etwas erreichen will, der etwas kann. Wenn der sich den Stress gibt, das trotz des Tourette-Syndroms zu machen, dann will er es wirklich. Und das ist ja auch richtig. Ich bin ein Optimist. Ich denke immer: Das wird schon irgendwie.“ Geholfen hat ihm auch sein Eifer. Nach dem katastrophalen Abschneiden der SPD bei der bayerischen Landtagswahl hat er nicht resigniert, sondern weiter Hausbesuche gemacht, Kugelschreiber und Luftballons verteilt, Instagram- und Facebook-Posts abgesetzt. „Ohne Ehrgeiz wäre ich nicht da, wo ich heute bin“, sagt er.

Tourette – und wie es auch in die Popkultur kam

„Ficken“, „Fotze“ oder „Arschloch“ – solche Wörter haben die meisten Menschen im Kopf, wenn sie an Tourette denken. Sie stellen sich Leute vor, die diese Worte spontan hinausbrüllen, ihre Ausbrüche nicht kontrollieren können. Doch nicht jeder, der am Tourette-Syndrom erkrankt ist, neigt zu dieser Art von vokalen Tics.

Mediziner begreifen das Tourette-Syndrom als Bewegungsstörung. Die Symptome treten in der Regel erstmals im Grundschulalter auf, beginnen häufig mit Grimassenschneiden oder einem Zucken der Augen. Schätzungen gehen davon aus, dass etwa ein Prozent der Bevölkerung an einer leichten Form von Tourette leiden könnte – meist, ohne es überhaupt zu bemerken. Was im Gehirn vor sich geht, damit es zum Ausbruch des Tourette-Syndroms kommt, konnte bislang noch nicht geklärt werden. Ihren Namen erhielt die Krankheit von dem französischen Arzt Georges Gilles de la Tourette, der die Symptome 1885 erstmals beschrieb.
Eingang fand die Krankheit auch in die Populärkultur: In Deutschland ist vor allem der Kinofilm Vincent will Meer mit Florian David Fitz bekannt, in der amerikanischen Fernsehserie Ally McBeal spielt Anne Heche eine Frau mit Tourette-Syndrom. In Jonathan Lethems Roman Motherless Brooklyn geht es um einen an Tourette erkrankten Waisenjungen.

Bijan Kaffenberger schrieb über sein Leben mit Tourette und sein Verständnis von Politik das Buch Was machen Politiker eigentlich beruflich? (Rowohlt, 2019). Am 11. April feiert das Stück Chinchilla Arschloch von Rimini Protokoll im Schauspiel Frankfurt Premiere – darin treten drei Tourettekranke auf.

In seinem noch kaum eingerichteten Abgeordnetenbüro in der Darmstädter Innenstadt, Kartons auf der Fensterbank, vergilbte Poster an der Wand, hat Kaffenberger eine „Fleißkiste“: In dem Pappkarton sammelt er die Orden der Karnevalsvereine, die ihm bei all den Fastnachtssitzungen, die er als Kommunalpolitiker schon besucht hat, überreicht wurden. Dass er bei der Landtagswahl von einem „Krankheitsbonus“ profitiert habe, weil er als Tourette-Kranker im Mittelpunkt des Interesses steht, will er nicht gelten lassen. „Das kann man mir nicht vorwerfen“, sagt er. „Natürlich gab es einen gewissen medialen Hype, natürlich ist Politik immer auch ein Stück Selbstinszenierung. Aber hat das jemandem weh getan? Nein. Ist es mein gutes Recht, mich in den Medien darzustellen? Ich glaube: Ja. Ich profitiere davon, dass die Menschen mir abnehmen, dass ich das, was ich nach außen vertrete, auch bin.“ Weil seine Krankheit es gar nicht zulässt, wirkt bei Kaffenberger nichts gestellt: Das ist Teil seines Erfolgs. Er hat keine Angst, über sich selbst zu lachen.

Kaffenberger redet schnell, springt von einem Thema zum anderen. Er schwärmt im einen Moment von seinem Lieblingsfußballverein, dem Zweitligisten Darmstadt 98, dem er seit Jahren die Treue hält, schiebt die dunkelblaue, enge Jeans hoch, um das Vereinsemblem, das er sich knapp über den Knöchel hat tätowieren lassen, vorzuführen. Dann zählt er die Techno-Clubs auf, die er mag, redet von seiner ersten Woche im Landtag, von den Interviews, die er am Abend der Wahl vor laufenden Kameras geben musste, doziert anschließend über die Verkehrswende. „Ich bin wie ein Fass, einmal angestochen fließt es nur so aus mir raus“, sagt er. „Ich habe häufig solche Quasseltage.“

Dabei ist er nicht als Politiker bekannt geworden, sondern als Youtuber. Es ging mit der Videoserie Frag ein Klischee los. Darin werden Menschen vom Priester bis zum Pornodarsteller recht unverhohlen mit Vorurteilen über sich konfrontiert. Kaffenberger antwortete auf Fragen wie: Musst du als Tourette-Kranker gefüttert werden? Wie funktioniert Sex mit Tics? Nutzt du deine Krankheit manchmal aus? Seine Antworten sind ehrlich, meistens komisch. Später bekam er mit Touretikette eine eigene Serie bei Funk, dem Onlineprogramm von ARD und ZDF. Sie war mehr Comedy als Aufklärungsarbeit.

Während das Format produziert wurde, hatte Kaffenberger, der Volkswirtschaft studiert hat, bereits seinen ersten Job angetreten: Im Thüringer Wirtschaftsministerium arbeitete er als Referent für Digitalisierung und Breitbandausbau. Nach der Arbeitswoche in Erfurt setzte er sich am Freitagnachmittag in den Zug nach Berlin, um neue Folgen von Touretikette aufzunehmen. Seine Videos wurden mehr als eine Million mal aufgerufen. Kaffenberger spricht darin auch über Politik, er trennt das nicht. Er macht sein Talent als Entertainer nutzbar.

Kaffenberger sagt, dass er sich bei seinen Youtube-Projekten auch als Sprachrohr der Menschen mit Tourette gesehen hat, als Kämpfer gegen Stereotypen. Denn die wenigsten, die das Tourette-Syndrom haben, trauen sich, damit so offen umzugehen wie er. „Es gibt immer noch viele, die sich zuhause verstecken“, sagt er. Chancengleichheit und Inklusion sind längst noch nicht erreicht. „Wenn Menschen über Inklusion sprechen, dann haben sie meistens den Rollstuhlfahrer im Kopf“, sagt Kaffenberger. „Aber ehrlicherweise ist Barrierefreiheit bei Rollstuhlfahrern recht schnell geklärt, das ist vor allem ein technisches Problem. Wie aber geht Inklusion bei jemandem mit Tourette? Ich habe keine Ahnung. Nicht blöd angucken ist schon mal ein guter Anfang.“

Seine Mutter ist jung gestorben, sein Vater hatte sich schon vorher von ihr getrennt und lebte längst wieder in Marokko. Kaffenberger ist bei seinen Großeltern aufgewachsen. Der Opa, der bei der Bahn arbeitete, ging in Frührente, um sich um seinen Enkel zu kümmern, seine Oma reduzierte ihre Arbeitsstunden als Putzkraft. „Bei uns ging es strenger zu als bei anderen, das war noch alte Schule“, sagt er. Während er seinen Wahlkampf führte, hat er wieder bei der Oma, in einem Dorf in der Nähe von Darmstadt, gelebt. Kaffenberger erzählt, dass es für seine Großeltern eine enorme Erleichterung war, als es für sein Anderssein eine Diagnose gab, als plötzlich Klarheit herrschte. Für ihn selbst hat sich wenig verändert: „Wie das Ding jetzt heißt, war mir egal, ich kannte es schließlich am besten.“ In der Schule erlebte er Mobbing. „Natürlich gab es einige, die ihren Spaß daran hatten, mich zu hänseln, es gab aber auch viele, die zu mir hielten. Und auch ich konnte gut austeilen.“ Mit 14 Jahren traf er die Entscheidung, die Medikamente, die ihm von den Ärzten verschrieben wurden, Psychopharmaka wie Ritalin und Captagon, abzusetzen. Er hatte keine Lust mehr auf ein gedämpftes Leben, Appetitlosigkeit, die Müdigkeit. Kaffenberger spielte damals in einem Fußballverein, er wollte endlich auch einmal dabei sein, wenn die Jungs nach dem Training ein Bier tranken. Er wollte das Leben spüren.

Grün sein? Öde

Was hat ihn in die SPD gebracht? Kaffenberger erzählt von einem Lehrer an dem katholischen Gymnasium, das er besuchte, der anders war. Er sprach über Gerechtigkeit, über ökologische Themen.

Sein Interesse an der Sozialdemokratie sei sicher auch „eine Abgrenzung gegenüber den Mitschülern aus besser betuchten Haushalten“ gewesen, sagt er. „Zu wissen, wo man herkommt“, das sei wichtig. Das „einfache Weltbild“ der Partei habe ihn überzeugt: Bildung für alle, das Engagement für die Werktätigen, dafür sorgen, dass aus jedem, egal woher er stammt, etwas werden kann. Kaffenberger hat „wo er nur konnte“ gegen die Beteiligung der SPD an der Großen Koalition gestimmt, er ist glücklich über die Abkehr seiner Partei von den Hartz-Reformen, er unterstützt den Vorstoß zur Grundrente. „Natürlich kommt der Linksruck zu spät, aber mein Gott, so ist es halt.“

Ein Engagement bei den Grünen wäre ihm „zu einfach, zu langweilig“. Über die Linke sagt er, die Partei leide darunter, „mehr Strömungen als Mitglieder“ zu haben. Viele Linke würden sich mit ihrer „akademischen Debattenkultur“ selbst im Weg stehen. „Wir müssen einfacher mit den Menschen reden.“ Manche glauben, Kaffenberger stehe eine große Karriere bevor. In einem seiner Videos sagt er selbst: „So ein Kanzler mit Tourette, das wäre wirklich etwas Neues.“ Andererseits – ein Leben lang Berufspolitiker sein? „Eher nicht.“ Jetzt spielt er sowieso erstmal Theater.

Mit zwei anderen, die Tourette haben, tritt er in Chinchilla Arschloch, waswas auf, einem Stück des Dokumentartheaterkollektivs Rimini Protokoll. Mitte April ist Premiere, die Proben zu dritt haben gerade erst begonnen, davor hat er allein mit der Regisseurin Helgard Haug gearbeitet. Er könnte sich auch vorstellen, einmal eine lange Pause zu machen, um ein neues Buch zu schreiben. Oder was ganz anderes. Für Kaffenberger gibt es keine Grenzen.

06:00 12.05.2019

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