Nicht der Friseur

Linksbündig Die Erotik gesamtdeutscher Entkleidungszeremonien ist kaum zu unterbieten

Eine dreiviertel Million Menschen sind versammelt. Es ist Nachmittag, wird Abend, kommt Nacht und es passiert praktisch nichts. Nichts, was wir nicht auch übers Jahr schon haben - in leichtem, harmlosen Wechsel: Musik, Wowi, Fernsehgesichter, Thierse im Mantel, nette Worte, Gattinnen, Sängerknaben, Kanzler, Beifall, symbolischer Stein, hoher Gast, Präsident, Gattinnen, Musik. Es wird nichts gesagt, was man nicht schon gehört hat, gewusst hat, sagen gehört hat. Es klingt sich alles ähnlich. Es klingt wie letztes, nächstes und wie übernächstes Jahr. Clinton klingt wie Schröder, der wiederum wie Rau klingt, der wiederum ein Tempotaschentuch sucht.

Viele Stunden vergehen. Die Menschen stehen da, weil es keinen Sinn hat woanders hinzugehen, denn es ist überall gleich schön in dieser Republik. Es ist überall nicht zu warm, nicht zu kalt, nicht zu grell, nicht zu flau, nicht zu laut, nicht zu leise, nicht zu groß, nicht zu klein, nicht zu rechts, nicht zu links, nicht zu dick, nicht zu dünn, nicht zu jung, nicht zu alt. Es hat überall genauso keinen Sinn, dort zu sein - also, warum nicht hier?

Massenversammlungen galten bisher als Phänomene diffuser Willenhaftigkeit. Irgendetwas trieb die Menschen an, ihre Vereinzelung zu überwinden und andere Seelen um sich herum atmen und schluchzen, jubeln und lachen zu hören oder ihnen bei der Transpiration zuzuriechen. Es ging gegen den Kaiser und für Tariferhöhungen, für den ehrlichen Sozialismus, zum Gedenken an, zum Gaudi über, zur Warnung vor und vor allem aus Neugier auf. Nichts davon am 3. Oktober 2002 vor dem Brandenburger Tor! Es gibt nichts mehr, was verbindet, es ist alles gleichgültig. Die Freude ist verflogen und der Hass ist vertrocknet. Die Reporter tun noch ein bisschen so, als würden die Leute gleich "Wahnsinn!, Wahnsinn!" brüllen. Alle, die in den letzten zwölf Jahren als Feinde herhalten mussten sind rettungslos geschlagen - Kommunisten, Stasis, Kampfhunde, unverbesserliche Ossis, Kinderschänder. Alle Enttäuschungen sind formuliert und Erwartungen, gar Hoffnungen gibt es keine mehr. Es kommt wie´s kommt, wie´s kommt. Als einzige Gegner bleiben die ominösen "noch (!) vorhandenen Unterschiede in den Lebensbedingungen und manche Schwierigkeiten im gegenseitigen Verstehen", die, setzt man neckisch hinzu, gäbe es aber zwischen den Flensburgern und den Rosenheimern auch.

Wahrscheinlich zum ersten Mal in der Geschichte von Massenaufläufen, kommen an diesem ereignislosen Tag eine dreiviertel Million Leute zusammen, weil sie nichts miteinander verbindet. Sie langweilen sich voreinander, aber zum Ekel reicht es nicht. Zum ersten Mal wahrscheinlich ist Schröders Mitte versammelt - Menschen, die nicht wissen, warum sie gekommen sind mit ihren Kindern, Hunden, Schwiegereltern - aber auch nicht, warum sie nicht wieder gehen. Sie hören Reportern ernst und achtungsvoll zu, wie die in die Kamera mitteilen, hier werde eine Riesenparty gefeiert, ginge was ab und herrsche Grund zur Freude. Dann läuft ein Reporter auf einzelne Menschen zu und fragt sie nach dem Warum. "Das Tor", sagt einer. "Wiedervereinigung", sagt die nächste. "Grund zur Freude", sagt ein Dritter.

Als Schröder von Wowereit herausgebellt wird, scheint es für einen Moment als gellten Pfiffe auf. Ach, wäre das schön! Ach, wäre das schön, wenn sich die Hunderttausende für ein paar Sekunden erhitzen würden, für und wider. Aber es ist nichts. Pfiffe können heutzutage alles bedeuten. Sie können die Signale junger Schröderfans sein, die sich einen Spaß machen, oder einfach nur Ventil für Langweile. Denn auch bei schärfstem Nachdenken fällt einem doch kein Grund ein, Schröder auszupfeifen. Er hat doch keinem was getan.

Das Grauenhafte aber ist: Die vollkommene Abwesenheit von Neugier. Denn dass ein Tor ausgezogen wird, das dann genau so aussehen wird, wie man es kennt, warum soll das Neugier wecken? Ein Mann, wie ein Sack, wird herabgelassen, der das Tor entblößen soll. Der Mann grinst, sieht man auf den Großbildwänden. Er stammelt: "unglaublich". Er ist angeblich prominent. Aber es ist nicht der Friseur Udo Walz. Jemand ruft, der Vorgang sei "erotisch"! Die Menschen überlegen noch einen Moment, ob sie bis Sylvester da stehen bleiben sollen. Dann gehen sie lieber doch erst ein Mal nach Hause. Aber sie werden wiederkommen. Warum? "Grund zur Freude".

00:00 11.10.2002

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