Nicht die Pornografie ist subversiv

Zensur passé Cathérine Breillat über Kunst und bürgerliches Schamempfinden

FREITAG: Frau Breillat, warum haben Sie sich für den umstrittenen Film "Baise-moi" eingesetzt, der auch von vielen engagierten Frauen als "pornographisch" und "gewaltorgiastisch" abgelehnt wurde?

CATHÉRINE BREILLAT: Es geht mir darum, die Freiheit der Kunst zu verteidigen. Nicht die Pornografie ist subversiv. Was man eigentlich fürchtet, ist die Subversivität der Künstler. In Wirklichkeit ist das Kinderschutzgesetz ein Damoklesschwert, das über den Köpfen der Freischaffenden schwebt. Gegen solche Einschränkungen verteidige ich mich im Voraus, bevor ein Gesetz mich daran hindert, genau die Filme zu drehen, zu denen ich Lust habe. Was mich ärgert ist nur, dass man mich mit den Regisseurinnen von Baise-moi auf eine Stufe stellt oder sogar mit ihnen verwechselt. Ich hätte nie so einen Film gedreht, und ich nehme mir auch die Freiheit, ihn zu kritisieren. Aber ich bin gegen die Zensur.

... mit der Sie in gewisser Weise auch schon zu tun hatten.

Als ich L´Homme facile (der leicht zu habende Mann) geschrieben habe, wurde er für Jugendliche unter achtzehn verboten. Dabei war es ein Buch für junge Mädchen in der Pubertät. Von da an wußte ich, daß die Erfindung des legalen Begriffs der Pornografie ein totalitäres Instrument gegen die Frauen war. Schließlich wird ja nicht die Pornoindustrie bekämpft, denn die passt zu den Verhaltensmustern der Mafiosi. Sex wird zum Konsumobjekt degradiert und mit Schuldgefühl belastet. Das kann der moralisch-religiös geprägten Gesellschaft ebenso wie der Konsumgesellschaft nur recht sein. Warum wird ein von Gewaltszenen strotzender Film wie Hannibal für Zwölfjährige zugelassen, während Baise-moi einfach wegzensiert wird? Sobald Frauen von Sexualität sprechen, sobald sie sich der maskulinen Sprache bedienen - und der Titel Ein leicht zu habender Mann ist wie Fick mich die Umkehrung der Männersprache, die diesmal Frauen an Männer richten - wird das als subversiv empfunden.

Wann ist Ihnen bewusst geworden, dass weibliche Sexualität mit Tabus behaftet ist?

Schon mit Elf. Meine Schwester und ich hatten eine frühe Pubertät. Ich begann zu begreifen, dass man uns durch die religiöse Erziehung nicht erziehen, sondern herabsetzen wollte, weil wir Mädchen waren. Aber ich hatte nun einmal keine Schuldgefühle, weil ich mich in dieser Erniedrigung der Frau durch die Religion nicht wiedererkannte. In den siebziger Jahren, als unsere Klassenkameraden anfingen, Lui und Playboy zu lesen, diese erotischen Hochglanz-Männer-Magazine des guten Tons, war ich schockiert von dem Frauenbild, das diese Zeitschriften für Intellektuelle vermittelten. Für mich bedeutete das die absolute Entfremdung der Frau. Ich verabscheute diese Mädchen in Strumpfhaltern und erotisierenden Dessous und verglich sie mit den Riesentorten, sogenannte "pièces montées", die in Frankreich bei Hochzeiten aufgetischt werden. Da war mir Pornografie schon lieber. Porno heißt übrigens im Griechischen Kurtisane. Und die Kurtisane ist keine Nutte, sie kann verführen. Das war die einzige Macht, die die Frauen bei den alten Griechen ausüben konnten.

Mein nächstes Buch wird Pornocratie heißen und von diesem Spiel zwischen Männern und Frauen handeln, inspiriert von Marguérite Duras´ Essay La maladie de la mort. Wir können nur in der Konfrontation mit den Männern Frau sein, in der Konfrontation mit diesem männlichen Blick, der uns als Frau schafft und gleichzeitig zerstört. Ich habe mir auch die Rechte zur Verfilmung erkämpft. Nach 30 Jahren habe ich zum erstenmal wieder geschrieben. Ich glaubte schon, ich hätte das Talent dazu verloren. Aber es hat mir viel Spaß gemacht.

In Ihren Filmen spürt man den sarkastischen Blick auf die bürgerliche Familie. Gibt es da eine Beziehung zu Ihrem eigenen Milieu?

Meine Eltern waren gebildete Kleinbürger, die alles daran setzten, um in die gehobene Bourgeoisie aufzusteigen. Wir lebten eingekuschelt in das Kleinstadtleben von Nior. Das provinzielle Kleinbürgertum ist genauso engstirnig und vulgär, wie ich es in meinem Film A ma soeur beschrieben habe. Ständig habe ich die Frauen hinter dem Rücken ihrer Töchter tuscheln hören "Wenn sie bloß nicht schwanger wird!" Im übrigen glaube ich, dass die Pornografie gleichsam das Geschwür der bürgerlichen Gesellschaft ist mit diesen in Bordellen eingeschlossenen Frauen, die allein dazu da sind, um die sexuellen Begierden des Bourgeois zu befriedigen.

Sind Sie Feministin?

Ja, durchaus. Aber da ich Filme vor allem als Kunst betrachte, möchte ich nicht, dass meine Filme als feministisch abgestempelt werden. Ich will sie nicht dazu instrumentalisieren, um die Situation der Frauen zu beklagen. Und auch nicht wie manche Feministinnen Filme drehen, die zum Beispiel die Pornografie im Namen der Würde der Frau bekämpfen. Damit befinden sie sich übrigens im gleichen Lager wie die, die sich die Frauen ausgerechnet im Namen dieser Würde gefügig machen. In Ein Mädchen zeige ich, wie sich der Körper eines pubertierenden Mädchens durch die Entfaltung der Sexualität verändert und wie die Lust des Begehrens durch Konventionen und Scham gehemmt wird. Als ich den Film 1977 drehte, wusste ich noch nicht, dass die Frauen das kollektive Unterbewusstsein derart verinnerlicht haben, dass sie in Scham und Unterordnung letzten Endes ihre Lust finden. Wie ein Kaktus in der Wüste haben sie sich den Gegebenheiten angepasst. Und das belastet die Geschichte der Frauen. Jahrhundertelang hat man uns die Augen verbunden. Und schließlich schämen wir uns vor uns selbst. Es ist schwer, über diese in Lust verkehrte Scham zu sprechen, aber ich meine, es ist an der Zeit.

Das Gespräch führte Brigitte Pätzold

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00:00 27.07.2001

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