Nicht einmal im Himmel

Zerbrechender Irak Wie aus der Diyala-Provinz eine "Taliban-Republik" wird

Es gibt Politiker in dieser Provinz, die kein Blatt vor den Mund nehmen und unumwunden zugeben, es seien nicht Teilgebiete ihrer Region, die von sunnitischen Untergrundkämpfern beherrscht würden - die Aufständischen stünden viel mehr kurz davor, in Diyala eine Art "Taliban-Republik" wie einst in Afghanistan zu errichten. Und das gelte nicht für irgendein begrenztes, überschaubares Terrain - damit sei das Gebiet zwischen den nördlichen Ausläufern von Bagdad und der Grenze zum Iran gemeint, der Lebensraum von Sunniten, Schiiten und einer kurdischen Minderheit. Oberstleutnant Ahmed Nuri Hassan, Polizeikommandeur von Diyala, sagt müde: "Wir erleben einen ethnischen Bürgerkrieg, der von Tag zu Tag schlimmer wird". Im Moment sieht es so aus, als würden ihn die Sunniten gewinnen.

Die Vereinten Nationen gaben gerade bekannt, allein in der Hauptstadt sind in den Monaten Juli und August 5.106 Zivilisten bei Anschlägen ums Leben gekommen - in der näheren Umgebung der Kapitale noch einmal 1.493.

Guerilla-Verbände haben die meisten Straßen abgeriegelt, die aus der Hauptstadt in Richtung Westen und Norden führen. Wer als Journalist in diesem zerrissenen Land unterwegs ist, der muss nicht nur darauf achten, wer welche Route kontrolliert - der tut gut daran, sich an die relativ ruhigen Zonen in den Kurdengebieten zu halten. Aber auch hier gilt, ein Fehler beim Kartenlesen kann lebensgefährlich sein. So folge ich mehrere Stunden dem Diyala-Fluss, der in den iranischen Zagrosbergen entspringt und stellenweise wie eine Miniaturversion des Nils erscheinen mag, gesäumt von einem grünen Streifen Vegetation in flachem Wüstenland. Kurz bevor die Straße den Distrikt As-Sadiyah erreicht, in dem die Aufständischen sehr aktiv sein sollen, biege ich, wie mir empfohlen wurde, abrupt nach Osten ab. Was hätte passieren können, hatte ich diesem Rat missachtet und wäre weiter auf der Haupttrasse gefahren, lässt sich im Hauptquartier von Oberstleutnant Hassan besichtigen. Im Hof liegt, von einer Bombe zerrissen, das weißblaue Wrack eines Polizeiautos. "Fünf unserer Männer starben, als sie den Wagen an einer Kreuzung in die Luft gejagt haben", erzählt ein Polizist, "nur einer hat überlebt, doch mussten ihm beide Beine amputiert werden."

In der Diyala-Provinz lässt sich mit den Händen greifen, wie der Irak auseinander bricht. Ibrahim Hassan Bajalan, der Vorsitzende des Provinzrats, hat erst gestern in Baquba einen Granatwerferanschlag überlebt. In Diyala müsse man von "durchschnittlich 100 Getöteten pro Woche" ausgehen, meint er. Zivilisten werden einfach von unbekannten Attentätern erschossen, die mit ihren Autos durch die Straßen Baqubas preschen. Wer von diesem Wahn verschont bleibt, fällt auf die Knie und wirft verzweifelt die Arme in die Höhe. Aber was nützt es, viele verschwinden einfach auf Nimmerwiedersehen, werden in den Diyala-Fluss geworfen oder in Palmenhainen und Obstgärten verscharrt. Warum sie sterben mussten, weiß niemand. Die Menschen wissen nur, es ist lebensgefährlich, die sunnitischen Hasardeure zu reizen. Es gilt strenges islamisches Recht. "In Baquba haben sie sogar den Verkauf von Zigaretten verboten", erzählt Hassan Bajalan, "deshalb muss ich, was die rauchenden Mitglieder des Stadtrates brauchen, auswärts beschaffen."

"Selbst wenn hinter einer Drohung nur Kinder stecken, rennen die Leute schon"

In Khanaqin, einer Kurdenenklave im Nordosten Diyalas, treffe ich Nazar Ali Mirza, eine Frau in mittleren Jahren. Sie erzählt mir von ihrer zu späten Flucht aus der Kleinstadt Muqdadiyah, wo sie geboren wurde, jetzt aber die Sunniten das Sagen hätten. Eines Tages begannen Todesschwadronen, Kurden und Schiiten in der Nachbarschaft zu verfolgen. Im März wollte ihr ältester Sohn Khalil - er arbeitete als Taxifahrer - eine Waschmaschine abholen - und kehrte nie zurück. Nazar Ali Mirza glaubt, er wurde getötet, auch wenn man seinen Körper nie fand. "Männer mit schwarzen Masken kamen kurz zuvor in mein Haus und sagten, sie würden meine Söhne töten, falls ich nicht ausziehe. Selbst wenn wir in den Himmel fliehen sollten - mein Familie würde nicht davon kommen."

Mirza gehört seither zu den 300.000 Irakern, die seit Jahresbeginn aus ihren Häusern vertrieben wurden. "Keiner wartet mehr ab, ob eine Drohung ernst gemeint ist", meint Mamosta Mohsin, Vorsitzender der Patriotischen Union Kurdistans in Khanaqin. "Selbst wenn hinter einer Drohung nur Kinder stecken, rennen die Leute schon".

In den Akten von Oberstleutnant Hassan finden sich die Namen der Flüchtlinge in seinem Distrikt. Die Mehrheit davon sind Kurden aus Bagdad, aus Ramadi und Baquba. Hassan reicht mir ein Papier, auf dem die wachsende Zahl der vertriebenen Familien protokolliert ist: 29 im Januar, 318 im Juni, 239 im August. "Weder die Schiiten noch die Sunniten sind hier sonderlich gut organisiert", stellt Hassan fest, "eine ganz andere Situation als etwa im Libanon. Die meisten Morde werden von Stammesmilizen oder ortsansässigen Gruppen verübt." Nicht die Stärke der Aufständischen sei das Problem, sondern die Schwäche der Regierung. In Diyala steht eine Division des irakischen Militärs mit 7.000 Soldaten. "Aber das sind" - so Hassan - "alles Schiiten, und die verhaften eben nur Sunniten."

Auch Ratsvorsitzender Bajalan bestätigt das Schattendasein der Armee. Die meisten Soldaten hingen an den Checkpoints fest. Seiner Schätzung nach komme auf 50 Quadratkilometer Provinzfläche je ein Soldat. "Und der ist auch noch schlecht bewaffnet und trägt nur eine Kalaschnikow, während die Terroristen über Raketenwerfer und schwere Maschinengewehre verfügen. Wenn sie angreifen, töten sie manchmal zehn oder sogar 15 Soldaten bei einer Aktion."

Nahe Baquba liegt ein US-Militärposten. Bittet man sie um Hilfe, rücken die Amerikaner zur Unterstützung aus. "Das nützt aber wenig gegen die Guerilla-Kämpfer", sagt Bajalan, "wenn die Amerikaner kommen, sind die längst wieder zu Hause".

In Bagdad heißt es, die Nationalarmee habe jüngst rund um Baquba wichtige Erfolge erzielt und die Führer zweier sunnitischer Rebellengruppen gefangen genommen. In Diyala ist davon nichts zu hören, alle hier gehen davon aus: Der Kriegsfurie hat ihre Provinz noch längst nicht abgegrast.

Übersetzt von Andrea Noll


Dokumentation: 645. 965 Tote

Im Irak sind seit der US-geführten Invasion vom März/April 2003 in ungeheurem Maße zivile Opfer zu beklagen. Zu diesem Schluss kommt eine Untersuchung der Johns Hopkins University, einer der amerikanischen Elite-Hochschulen. Die Forscher befragten rund 2.000 irakische Haushalte nach toten Angehörigen und rechneten die so gewonnenen Daten auf die Gesamtbevölkerung hoch. Demnach starben von März 2003 bis Juli 2006 654.965 Zivilisten mehr, als zu Friedenszeiten für den gleichen Zeitraum erwartbar gewesen wären.

"Es kommt heute im Irak zu drei Mal mehr Todesfällen als vor der Intervention 2003", sagt Gilbert Burnham, der die Studie leitete. Unter den getöteten Zivilisten hätten mehr als 90 Prozent ihr Leben durch Gewalt verloren - mehrheitlich durch den Einsatz von Schusswaffen. Männer zwischen 15 und 44 Jahren seien, so Burnham, am stärksten gefährdet. Bei etwa der Hälfte der Getöteten vermochten die befragten Angehörigen nicht zu sagen, wer verantwortlich sei; ein Drittel der Opfer aber gehe auf das Konto der Besatzungstruppen. Auch das US-Verteidigungsministerium räumt ein, dass zunehmend Zivilisten ihr Leben verlieren, gibt aber eine bedeutend niedrigere Zahl an.

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00:00 20.10.2006

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