Nicht-feindliche Schusswunden

Was geschah mit "Suellboy"? Selbstmorde unter US-Soldaten

Seine Familie und Freunde kannten Joseph Dewayne Suell als robusten und gottesfürchtigen Menschen. Selbstmord - so predigte er anderen - sei eine Sünde. Im April vergangenen Jahres wurde der Berufssoldat aus Texas in den Irak geschickt. "Hier weiß man nie, was als nächstes passiert", schrieb er seiner Schwiegermutter, "also vertraue ich einfach in Jesus und halte meine Augen offen."

Keine zwei Monate später ist "Suellboy", wie er von seinen Freunden gerufen wurde, tot. Der 24-jährige Familienvater sei - so erfährt die Familie von der Armee - aus eigenem Willen gestorben. Todesursache: eine Überdosis Drogen. Suells Tod, über den auch die Washington Post berichtet, ist kein Einzelfall. Auch Corey Small, Gefreiter der Air Force, fühlt sich dem Kriegsdienst im Irak offenbar nicht mehr gewachsen. Nach einem Gespräch mit seiner Frau tritt der 20-Jährige in Bagdad aus der Telefonzelle und jagt sich eine Kugel in den Kopf - das geschieht vor den Augen seiner Kameraden, die darauf warten, ebenfalls mit ihren Familien telefonieren zu können. Nicht viel anders der Fall von Kyle Williams (21), der zur 507. Instandsetzungskompanie gehört, in der auch Jessica Lynch dient. Lynch wird nach ihrer medienwirksamen Befreiung aus irakischer Gefangenschaft zum Star. Williams schießt sich nach sieben Monaten im Irak ins Herz.

Suell, Small und Williams, drei von 23 US-Soldaten, die 2003 nach dem Ende der Kampfhandlungen am 9. April den Freitod gesucht haben. Damit liegt die Suizidrate bei dem zwischen Euphrat und Tigris stehenden US-Korps bei 13,5 von 100.000 Soldaten, doch dürfte es eine Dunkelziffer geben, die deutlich höher ist. Ohnehin nicht mitgezählt werden Fälle von GIs, die sich kurz nach der Heimkehr das Leben nehmen.

Selbstmorde von Soldaten sind freilich kein Thema, über das man im Ministerium von Donald Rumsfeld gern spricht. Öffentlich wird bei derartigen Vorkommnissen lediglich von "nicht-feindliche Schusswunden" oder "nicht-feindliche Verletzungen" gesprochen. Im Unterschied zu der Präzision, mit der die Armee ansonsten ihre Verluste dokumentiert. In der Regel wird genau angegeben, ob ein Soldat im Irak durch feindlichen Beschuss gefallen ist, von einer Landmine getötet wurde oder bei einem Auto-Unfall ums Leben kam.

Ende vergangenen Jahres schickte das Pentagon ein Experten-Team nach Bagdad, um den seelischen Zustand der Soldaten zu begutachten. Die Ergebnisse dieser Untersuchung sollen demnächst veröffentlicht werden.

Warum sich in den Irak verlegte Soldaten häufiger das Leben nehmen, liegt für Psychologen wie Ronald W. Maris von der Universität von South Carolina auf der Hand. Er vergleicht die Lage mit dem Vietnam-Krieg. Seit damals sei der Einsatz im Irak - abgesehen vom Vormarsch der US-Truppen gegen die Armee Saddam Husseins während des Golfkrieges Anfang 1991 - der erste Bodenkrieg der Amerikaner seit langer Zeit. Außerdem werde - eine weitere Parallele zu Indochina - in der öffentlichen Debatte die Rechtmäßigkeit des Krieges selbst in Frage gestellt. Das, so Maris, lasse die Soldaten am Sinn ihrer Mission zweifeln.

Besonders hoch ist die Suizidgefahr erfahrungsgemäß, sobald Kampfhandlungen beendet wurden. "Wenn die Kämpfe einmal vorbei sind, haben die Leute sehr viel Zeit und 24 Stunden am Tag Zugang zu Handfeuerwaffen", meint Pentagon-Sprecherin Martha Rudd. Es kommt hinzu, dass die Einsätze nicht klar begrenzt sind. Die GIs wissen nicht, wie lange sie im Irak bleiben müssen. Manche sehen ihre Familie Monate oder ein ganzes Jahr lang nicht. "Oft geht es darum, dass sie sich in der Falle fühlen", erklärt Ricky Malone, der bis vor kurzem die Psychiatrie eines US-Militärhospitals in Bagdad leitete. Die Soldaten dächten dann: "Ich muss hier raus - und wenn das nicht geht, will ich lieber sterben."

In einem Leserbrief an das Militärmagazin Stars and Stripes klagt ein Soldat: "Selbst Kriminelle im Knast wissen, wann ihre Zeit abgelaufen ist." Das Magazin verschickte Fragebögen an die im Irak stationierten Militärs. 2.000 kamen ausgefüllt zurück. Das Ergebnis: 33 Prozent der Befragten beurteilten die Truppenmoral als "niedrig" oder "sehr niedrig". 49 Prozent wollten nach ihrer Rückkehr aus dem Irak ihren Abschied einreichen.

Freilich ist das Pentagon bemüht, kritische Fälle rechtzeitig zu erkennen. Militärkapläne und psychologische Betreuer sollen sich um die Soldaten kümmern. Hunderte wurden seit Beginn des Krieges in Behandlung oder gar nach Hause geschickt. Doch viele behalten ihre Ängste für sich. - So wie Joseph Suell.

00:00 19.03.2004

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