Nicht gefallen, nicht verwundet, nicht vermisst

UNGEWISSES SCHICKSAL Seit dem 9. November 1999 wartet Ljubow Stepanowa vergeblich auf ein Lebenszeichen ihres Enkels aus Tschetschenien - ihre letzte Hoffnung sind die "russischen Soldatenmütter"

Schon über eine Stunde wartet sie im Büro des Komitees der Soldatenmütter. Und obwohl die Räume im Zentrum Moskaus gut geheizt sind, legt Ljubow Stepanowa weder ihren wattierten Nylonmantel noch das Kopftuch aus Ziegenwolle ab. Mit rastlosem Blick folgt sie der Geschäftigkeit im Büro, um den Augenblick nicht zu verpassen, in dem sie zu Wort kommt und um Hilfe bitten kann. Um Hilfe für ihren Enkel, für "Serjosha", für den in Tschetschenien verschollenen Wehrpflichtigen Sergej Wiktorowitsch Grosunow. Eine demütige Haltung legen russische Frauen in solchen Situationen nie ab, selbst dann nicht, wenn es sich wie hier um eine Organisation von Freiwilligen handelt und keine Behörde.

"Wir sind eine Frauenorganisation, die Familie kommt bei uns zuerst", ruft die Vorsitzende Walentina Melnikowa einer Kollegin hinterher, die sich nach Hause verabschiedet. Dann bittet die resolute Mittvierzigerin Ljubow Stepanowa an ihren Tisch.

"Das letzte Lebenszeichen von Serjosha erhielt ich am 9. November. Ich sah ihn im Fernsehen. Das werde ich nie vergessen. Nach einer Säuberung, so hieß es, saß er mit seinen Kameraden zusammen. Seither fehlt jedes Lebenszeichen. Wie kann ich ihn finden?" Dabei sehen ihre traurigen Augen Walentina Melnikowa eindringlich an, doch die Vorsitzende des Komitees der Soldatenmütter kann auch in diesem Fall zunächst nur das Übliche tun. Sie nimmt ein Formblatt, in das die persönlichen Daten des Vermissten eingetragen werden. Über 2.500 solcher Formulare wurden seit Herbst allein in Moskau ausgefüllt.

Zur Geschichte des Sergej Wiktorowitsch Grosunow: Seit Mai 1998 leistet der damals Zwanzigjährige seinen Wehrdienst im südrussischen Nowotscherkassk. Als der Vater an einem Schlaganfall stirbt, schickt ihm die Großmutter ein Telegramm. Sergej kann zur Beerdigung fahren, muss aber sofort wieder zurück. Weil die Mutter sich nicht um ihn kümmert, besucht ihn wenig später eine Patentante in der Garnison. "Sie kam wieder und erzählte, Serjosha wirke schlecht ernährt. Er laufe in seinen Zivilsachen herum, da bei der Armee offenbar nicht nur Mangel an Lebensmitteln, sondern auch an Uniformen herrsche. Alles in allem meinte sie, der Junge sei in keinem sonderlich guten Zustand gewesen", erinnert sich die Großmutter.

Nur durch Zufall erfährt sie im Herbst, dass Sergej nach Dagestan versetzt wurde. "Von meiner Rente habe ich 50 Rubelchen abgezweigt und nach Nowotscherkassk geschickt, damit er sich wenigstens Zahnpasta und Zigaretten kaufen konnte, aber das Geld kam zurück." Als auch die nächsten 100 Rubel ihren Empfänger nicht erreichen, forscht Ljubow Stepanowa nach und erfährt, dass ihr Enkel längst im norddagestanischen Dorf Kumly stationiert sei. Doch erst im Oktober trifft ein Brief aus Dagestan ein. Sergej schreibt, seine Einheit sei "im Gelände" stationiert und werde nur in Orte verlegt, wenn es dort "Säuberungen" gäbe. - "Wir essen Melonen, wir trinken Melonen und wir waschen uns mit Melonen, es gibt hier so gut wie kein Wasser ..." Weiter schreibt er: "Die Frauen bringen uns Weintrauben und Milch, wenn wir in ein Dorf einrücken. Doch nehmen wir die Geschenke nicht an, sie könnten vergiftet sein ..."

Später wird Sergej zu einem Kontrollpunkt an der tschetschenischen Grenze abkommandiert. Er berichtet nach Moskau: "Nachts sehe ich, wie die Raketen fliegen. Wie schön und wie schrecklich. Habt bloß keine Angst um mich. Wahrscheinlich werde ich hier bis zum Ende meines Dienstes bleiben ..."

Danach hört Ljubow nichts mehr von ihrem Enkel. Die Briefe, die sie ihm schickt, kommen zwar nicht zurück, doch das kann sie keineswegs beruhigen. Ljubow Stepanowa ruft mehrfach beim "Heißen Draht" des Innenministeriums an, einem Informationsdienst für die Familien von Soldaten, die in Tschetschenien kämpfen. Dort sagt man ihr, Sergej stehe auf keiner der Listen. Das heißt, offiziell ist er weder tot, noch verwundet, noch wird er vermisst. - "Ich wollte ihm ein Päckchen mit Socken und anderen Wollsachen schicken, man hört ja, dass sich die Soldaten jetzt die Beine abfrieren. Ich adressierte es - wie von Sergej angegeben - mit ›Moskau-400‹. ›400‹ steht für Tschetschenien. Aber auf der Post sagten sie mir: Pakete nach Tschetschenien würden nicht angenommen. Jetzt werde ich die Socken zum Stab der Armee nach Mosdok schicken. Wenn sie nicht zurückkommen wie die Briefe, lebt er."

Für ein paar Sekunden sieht Ljubow Stepanowa hoffnungsvoll aus.

Die "Soldatenmütter" werden von den russischen Journalisten totgeschwiegen. Für Walentina Melnikowa ein klares Zeichen von Zensur. Erst nachdem ihr Komitee im Januar die Zahl von 3.000 Gefallenen veröffentlicht hatte, nahm man von dieser unbequemen Stimme Notiz. Beim ersten Kaukasuskrieg war das noch anders. Die Mütter fuhren auf eigene Faust nach Tschetschenien, suchten in den Standorten der Armee nach ihren verschollenen Söhnen und verhandelten mit den Tschetschenen über die Freilassung von Kriegsgefangenen. In den Medien fand diese Zivilcourage seinerzeit ein breites Echo.

"Die Journalisten erwarten immer, dass die Leute auf die Straße gehen und protestieren" erklärt Walentina. "In Russland führt das zu nichts. Spätestens 1993 musste das jedem einleuchten, als Jelzin das Parlament gewaltsam auflösen ließ. Man kann hier für alles Mögliche auf die Straße gehen, aber es hat keinen Zweck. Man muss andere Wege suchen. Zum Beispiel auf die Eltern einwirken, die ihre Kinder zur Armee geben, und auf die Abgeordneten, die Gesetze verabschieden."

Einen Erfolg in dieser Hinsicht gibt es. Mit Hilfe der Duma-Fraktion Frauen Russlands wurde im laufenden Haushaltsjahr die "Forschungsstelle für vermisste Soldaten" erstmals mit einem Budget ausgestattet. In den Kühlwaggons des berühmt-berüchtigten Laboratoriums 124 im südrussischen Rostow am Don warten immer noch Soldatenleichen aus dem ersten Tschetschenienkrieg (1994 - 1996) auf ihre Identifizierung.

Gibt es Leute, die sie als Vaterlandsverräterin beschimpfen? "Direkt natürlich nicht", weicht Walentina aus, "man hat Angst vor uns und greift deshalb gern zu Verleumdungen. Während des ersten Krieges beispielsweise streute das Innenministerium das Gerücht aus, wir erhielten Geld vom tschetschenischen Präsidenten Dudajew (*). Wie andere Menschenrechtsorganisationen auch bekommen wir Zuwendungen nur von internationalen Stiftungen. In Russland gibt es dagegen nichts ..."

Bis heute existiert kein offizielles Dokument der russischen Regierung, aus dem hervorgeht, welchen Krieg das Land in Tschetschenien eigentlich führt. "Ist es ein Krieg gegen Terroristen? Geht es um die Verteidigung der Verfassung? Warum sterben unsere Kinder? Welchen Status haben sie? Warum schweigt unsere Regierung?" fragt Walentina. Nach ihrer Meinung wird deshalb geschwiegen, weil von einer präzisen Definition dieses Krieges die Höhe der Kompensationen abhängt. Wenn ein Soldat im "Krieg gegen den Terrorismus" fällt, steht den Hinterbliebenen eine Entschädigung zu, sie bei etwa 400.000 Rubel liegt (30.000 Mark - die Red.), worauf allerdings kein Rechtsanspruch besteht, eben weil es kein offizielles Dokument der Regierung gibt, in dem zu lesen ist: Wir stehen im Krieg.

Die Soldatenmütter kämpfen nicht zuletzt für die Einführung einer Berufsarmee. Der Hunger und das oft mörderische Strafsystem in den Kasernen ließen sich nicht anders abschaffen, meint Walentina. "Der Wehrpflichtige bleibt zwar Bürger Russlands, aber praktisch verliert er alle seine Rechte. Wird er geschlagen, kann er sich nur an seinen Kommandeur wenden, der die Brutalität oft selbst provoziert hat. Wie kann ein Soldat einen Staatsanwalt aufsuchen, wenn der in einer anderen Stadt arbeitet und der Wehrpflichtige in der Kaserne von mehreren lebenden Wachgürteln umgeben ist?" Eine grundlegende Militärreform hat es in Russland trotz mehrfacher Ankündigung bis heute nicht gegeben. Gerade im Kriegsfall wird aber deutlich, dass junge Wehrpflichtige für zahlreiche Generäle nicht viel mehr als Kanonenfutter sind. In einer Berufsarmee wäre das so nicht denkbar.

Die zweite wichtige Forderung der "Soldatenmütter" bezieht sich auf den Erlass eines Zivildienstgesetzes. Wohl schreibt die Verfassung längst eine Alternative zum Militärdienst vor, aber es gibt noch immer keinen Gesetzestext, der Einzelheiten regelt. "Der neue Krieg hat den Ruf nach einem Zivildienst erst einmal wieder erstickt", resümiert die Vorsitzende frustriert. Um so wichtiger sind für sie an jedem Montagabend die Fahrten in den Süden von Moskau. Dort - im "Haus der Veteranen" - hält sie eine öffentliche Sprechstunde ab. Zur Zeit der Einberufungen im Frühjahr und Herbst kamen teilweise bis zu 500 Menschen. An diesem Montag sind es etwa 100 Ratsuchende - vorzugsweise Eltern und junge Männer, die nicht zur Armee wollen. Walentina Melnikowa argumentiert sehr eindringlich. Die Anwesenden sollten sich keinen Illusionen hingeben. Wer sich mit dem Verteidigungsministerium anlegen wolle, brauche viele Dokumente, noch mehr Disziplin und eine gesunde Portion Misstrauen.

In Russland fallen alle jungen Männer im Alter von 18 bis 27 Jahren unter die allgemeine Wehrpflicht. Einen Aufschub bekommt nur, wer studiert, Familienangehörige versorgen muss oder gesundheitlich angeschlagen ist. Nach Berechnungen des russischen Gesundheitsministeriums sind nur zwei Prozent der Wehrpflichtigen völlig gesund, aber 60 bis 70 Prozent werden rekrutiert.

Walentina hebt vor dem Auditorium im "Haus der Veteranen" noch einmal die Stimme: "Wie oft haben euch die Wehrämter gegen ein Schmiergeld versprochen, euer Sohn werde in der Nähe des Wohnortes stationiert, und dann landete er doch irgendwann in Tschetschenien. Denkt daran, in diesem Land herrscht seit sechs Monaten Krieg. Wie viele junge Männer kamen um, weil die Eltern irgendwelche Versprechungen der Wehrämter glaubten! Verlasst Euch auf nichts!"

Sie schildert den Fall des 19-jährigen Alexej Chmeljow, der im Frühjahr 1999 zur Armee kam. In Tschetschenien wurde sein Panzerwagen auf dem Weg nach Bamut in Brand geschossen. "Die halbnackten, hungrigen Soldaten wurden gottseidank von den Bewohnern der Gegend aufgenommen. Die benachrichtigten dann auch die Eltern. Die Mutter fand schließlich ihren heulenden Alexej wieder, aber in einem bemitleidenswerten Zustand. Er konnte kaum noch sehen, hatte eine kranke Leber und war psychisch schwer angeschlagen. Das Fahrgeld für diese Mutter - für die Tour von Sibirien nach Bamut - hatten übrigens deren Nachbarn gesammelt."

(*) Seit 1991 Präsident Tschetscheniens, verkündete 1994 einseitig die Unabhängigkeit von Russland, 1995 bei einem Raketenangriff getötet.

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Ausgabe 42/2021

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