Nicht im selben Boot

Diskriminierung Was es bedeutet, „of color“ zu sein, ist immer auch eine Frage der sozialen Klasse. Eine Erinnerung
Nicht im selben Boot
Sage mir deinen Namen und ich sage dir, wer du bist? Großer Quatsch! Denn Haltung ist alles, selbst wenn die nur eingeübt ist

Foto: Ilya Naymushin/Reuters

She is not FOB, is she?“, fragt der befreundete Restaurantbesitzer aus Beirut, der in Berlin zu Besuch ist, um sich die Biennale anzusehen, und zeigt auf eine Bekannte mit schwarzem Kurzhaarschnitt, weißen Sneakers, taillierter Jeans und kariertem Mantel.„I mean she doesn’t look like fresh off the boat.” Frisch vom Boot? Ich beobachte die Szene wie eine Außenstehende. Plötzlich leuchtet mir Pierre Bourdieus Habitus-Theorie ein. Sie beschreibt, wie verschiedene Arten von Kapital den Menschen formen, Auftreten, Sprache, Bewegungen und Kleidung, sogar ästhetische Vorlieben. Ich spüre meinen Habitus wie kalten Angstschweiß am ganzen Körper und stelle fest: „Of color“ ist nicht gleich „of color“. Meine Biografie, meine Anpassungsstrategien und das Gefühl der Unangepasstheit laufen wie ein Film vor meinem inneren Auge ab. An diesem Abend wird Theorie physisch erfahrbar.

Ich erinnere mich an meinen naiven Enthusiasmus, als ich von dem afghanischen Windhund erfuhr. Ohne wirklich zu begreifen, was kulturelles Kapital war, gab mir die Tatsache, dass es diesen athletischen, international bekannten Hund gab, ein Gefühl der Kultiviertheit oder Stolz. Ich kam plötzlich nicht mehr aus dem Nichts des Asylheims, aus dem man mit nichts in die wirkliche Welt ging, sondern hatte diesen Hund als Referenz.

Meine Familie war Anfang der Neunziger aus Afghanistan geflüchtet, sodass ich mit zwei Jahren nichts anderes kannte als Essensgutscheine und die kulturelle Isolation eines „Flüchtlingsschiffes“ als Lager für Asylsuchende am Rande der Stadt. Damals entdeckte ich diesen athletischen Hund, mit dem ich meine Herkunft teilte und mein volles Haar, um das ich beneidet wurde. Doch dann erfuhr ich, dass der afghanische Windhund seit dem anglo-afghanischen Krieg vom afghanischen Kulturgut zum kolonialen Exportgut geworden war und seit den 1920er Jahren hauptsächlich von Briten wegen seiner Haare als Showhund gezüchtet wurde. Was bedeutete das für mich? Wenn ich mich anpasste, bliebe dann von mir auch nicht mehr als mein volles Haar?

Wir nannten es nicht Vintage

Diese Spannung zwischen Anpassung und Unangepasstheit war durch viele Dinge begründet. Zum einen will man, vor allem als Kind und Heranwachsende, nicht auffallen – sondern durch Anpassung sozial aufsteigen. Aber Anpassung bedeutete meist Assimilation, also Auslöschung des Selbst im Versuch, sozial aufzusteigen. Ich war mit einer vereinfachenden gesellschaftlichen Dichotomie aufgewachsen, die all meine Wahrnehmung und Handlungsräume in Wir und Die strukturierte. Zu Beginn umfasste das Wir lediglich Familie und Verwandtschaft – Menschen, die mir als Tellerwäscher*innen, Reinigungspersonal, Elektriker*innen, Pizzalieferant*innen oder ohne Arbeit bekannt waren. Wir trugen Kleidung vom Roten Kreuz und von Flohmärkten und nannten das nicht Vintage. Wir machten Picknicks und besuchten einander, das war unser sozialer Raum. Als Kind war mir die Vergangenheit meiner geflüchteten Verwandten als Lehrpersonal, Ingenieur*innen, Diplomat*innen oder Musiker*innen nicht bekannt. Ich kannte nur das Wir und das Die. Daher erinnere ich mich an den ersten Besuch im Museum, im Restaurant oder bei weißen Freunden mit Eigentum und Großeltern sehr gut. Ebenso erinnere ich mich gut an meine erste Begegnung mit Freundinnen, die aussahen wie Verwandte, aber studierten und Lars- von-Trier-Filme kannten. Die Begegnungen mit kunstinteressierten, schwarzbehaarten Freundinnen waren biografisch bahnbrechende Erlebnisse, weil sie die Dichotomie aufbrachen. Doch ich war verwundert darüber, wie selbstverständlich sich einige in bestimmten Räumen bewegten und wie unmöglich das für andere wie mich erschien. Auch wenn ich lernte, die Dichotomie zu durchschauen, blieben Unterschiede. Es gab die, die von klein auf wussten, wie sie einen Ort zu betreten, sich im Restaurant zu bewegen, ein Gemälde zu betrachten hatten. Und die anderen, die das mühselig lernen mussten und glaubten, sich mit dem Griff nach dem falschen Besteck zu entlarven.

Als der Unternehmer aus Beirut am Kleidungsstil und an der selbstbewussten Freiheit ihrer Körperbewegungen ablas, dass die Bekannte nicht FOB ist, nicht fresh off the boat, da fragte ich mich, was denn mein Körper und meine Sprache über mich aussagen. Wenn man sich jetzt meine Biografie ansehen würde, wäre ich wohl daran gescheitert, mich als ein kultivierter und lässiger Jemand zu geben, der ganz selbstverständlich hybride vietnamesische Küche zu Abend isst und über Gentrifizierung spekuliert. Würde ich entlarvt werden?

Wir, ich und meine Bekannten aus Beirut und Teheran, die nicht FOB sind, essen in Kokosnusscreme eingelegten Tofu und sprechen über den Umgang der deutschen Mehrheitsgesellschaft mit Menschen wie uns, den Dunkelhaarigen, Braunen, wie auch immer Nicht-Weißen. Eine spricht von ihrem Arbeitgeber in einem renommierten Architekturbüro, in dem sie arbeitet, seit sie aus Teheran nach Berlin gezogen ist. Er spreche abfällig über Geflüchtete, versichere ihr aber, sie sei eine Ausnahme, eine gute Ausländerin. Das sei so unausstehlich rassistisch, sie überlege, ob sie dort noch arbeiten wolle. Ich überlege, wie Menschen, die hierher geflüchtet sind oder hier geboren sind, teilweise keine Wahl haben, wenn Arbeitgeber*innen, Ärzt*innen, Lehrer*innen oder Polizist*innen sie rassistisch behandeln. Das Leben hier als sichtbare Minderheit ist für viele keine Wahl oder die einzige Wirklichkeit, die sie kennen. Es muss anders sein, in der Sprache der Eltern studiert zu haben, als Ausländer*in behandelt zu werden im Ausland, während andere als Ausländer*in behandelt werden im einzigen Land, in dem sie jemals gelebt haben. Ich frage mich, inwiefern die freie Wahl, nach Berlin zu kommen, bereits soziales, ökonomisches und kulturelles Kapital voraussetzt, das meine Bekannte besitzt, jene Geflüchteten oder auch in Berlin-Neukölln geborenen Menschen aber nicht.

Identitätspolitik kann dazu führen, dass sich von Rassismus Betroffene zusammensetzen, sich von ihren Traumata erzählen, sich verstanden fühlen und gegenseitig stärken. Die eine erzählt von Misshandlung, Ratten in der Wohnung und Mobbing. Dass sie von ihrer Familie verstoßen wurde aufgrund ihrer Sexualität, und dass sie die Sprache der Eltern nicht angemessen spricht, um sich ihnen gegenüber verständlich auszudrücken oder sich mit ihnen zu versöhnen. Die andere nickt verständnisvoll, „mir hat einmal jemand gesagt, dass ich nach Curry stinke“, und schreibt eine Nachricht auf Englisch an ihre Mutter, die ein Landgut besitzt. Was für einen Gehalt hat eine Politik, die Solidarität schaffen soll, wenn sie nicht intersektional gedacht wird, wenn Gründe für Diskriminierung nicht unterschieden werden? Wenn ökonomische und soziale Voraussetzungen der Familiengeschichte oder Ausbildung nicht benannt werden, aber gleichzeitig von „white privilege” gesprochen wird wie von einer Eintrittskarte in den trendy Widerstand gegen den Imperialismus, dann hinkt die Analyse. Denn was heißt „of color” für eine Person, die als Expat nach Berlin kommt, fließend Englisch spricht und im eigenen Land noch nie mit öffentlichen Verkehrsmitteln gefahren ist? Im Kontrast zu jemandem, dem das Kapital und die Sprachkompetenz fehlt, um aus dem eigenen Stadtteil wegzuziehen, geschweige denn in einem anderen Land zu arbeiten, das nicht mehrheitlich weiß ist?

Bloß trendy Widerstand?

Unser Auftreten ist die Summe sozialer Erfahrungen. Wir können Verhaltensstrategien entwickeln, um sozial aufzusteigen, aber das bedeutet eine andere Form von Energie und gar Selbstverleugnung (Assimilation), als bei jemandem, der sowohl ökonomisches als auch kulturelles, soziales oder symbolisches Kapital besitzt. Dabei bilden etwa studierte Eltern, die einwandfreie Kenntnis der eigenen Muttersprache oder die Jugend in einer Mehrheitsgesellschaft, die einen Menschen nicht ästhetisch oder kulturell ausgegrenzt hat, eine Form von Kapital, die wir benennen und als Privilegien anerkennen müssen. Mein Angstschweiß ist also keine Scham, sondern eine Einsicht, die aus meinen Poren austritt, wo Begriffe wie „of color” verstummen. Das zwingt dazu, selbstreflektiert zu sein und einzuschätzen, wann die eigene Diskriminierung eine Rolle spielt und wann sie eventuell zu einem Werkzeug wird, um Zugang zu Gruppen, Sympathie oder kommerzieller Aufmerksamkeit zu erhalten. Nicht jede „Person of Color” ist in der Position, sich über jede Form von Rassismus, Migration , Krieg, Islam oder Flucht zu äußern. Und nicht jede „Person of Color” hat traumatische Fluchterfahrung, deshalb ist ein Beiruti-Hipster, der andere anhand ihres Aussehens als FOB oder nicht marginalisiert, im Prekariat lebend oder nicht bezeichnet, vielleicht nicht rassistisch, aber menschenverachtend.

Info

Dieser Text erschien zuerst in der Kolumne „Des:Orientierungen“ bei Alsharq (www.alsharq.de), die Themen rund um Westasien, Nordafrika und Europa aus postkolonialer Perspektive beleuchtet

Moshtari Hilal lebt als freie Künstlerin und Illustratorin in Berlin und Hamburg

06:00 11.08.2018

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