Nicht immer süffig zu lesen, dafür akkurat

Sachlich richtig Erhard Schütz liest über Mode, Marsianer, die angeblich damals unbesiegbaren Luftstreitkräfte und Kriegsheimkehrer
Nicht immer süffig zu lesen, dafür akkurat
Alternative Gegenwarten und Zukunftsprojektionen von heute

Foto: Karim Sahib/AFP/Getty Images

Sie ist gewiss die emsigste Autorin über Mode. Neben ihren wissenschaftlich angestrengten Arbeiten hat Gertrud Lehnert dieses Mal ein lockeres Bändchen vorgelegt. Im Zentrum stehen der gute Stil und das gepflegte Äußere und, nun ja, das ist ein wenig so, als ob die Kirche heute noch zu behaupten sich traute, dass allein das mütterliche Hausfrauendasein fromm und froh mache. Andererseits ist es wohltuend, weil der Ugly Chic über uns zu kommen droht und ab dem Frühjahr ohnehin wieder der von Tattoos malträtierte Breitwandkörper allerlei Geschlechts das Straßenbild verderben wird.

Die Abbildungen sind oft treffend kommentiert, sie sind ein rundum ästhetisches Vergnügen, zumal man schöne Entdeckungen macht. Allerdings ist dabei das 20. Jahrhundert so spärlich vertreten, dass der Untertitel fast hochstaplerisch wirkt. Wer etwas tiefer in die Materie eindringen will und sich vor der intellektuellen Eleganz und Tiefe von Bovenschen und Vinken nicht scheut, ist mit Karin Sagners 2015 im selben Verlag erschienenen Schöne Frauen sehr gut bedient.

Von den Damen des 19. zu den Herren des beginnenden 20. Jahrhunderts. In der Luft unbesiegt – das war der Titel eines Buches 1923 und seither der Tenor aller Memoiren und Sachbücher, die nach dem Ende des Ersten Weltkriegs erschienen. Die deutschen Flieger wurden – nicht nur durch den Roten Baron – zum Mythos, selbst bei den Gegnern, wobei freilich doch unter dortigen Historikern die vaterländische Ansicht sich durchsetzte, die Deutschen hätten keine wirkliche Chance gehabt. Dennoch will Niklas Napp dieses Urteil so kommod nicht stehenlassen. Er verweist auf die hohe technische Perfektion, die den Gegnern weitgehend voraus war, und will vor allem zeigen, dass die Luftstreitkräfte entschieden mehr waren als nur Teil einer allgemeinen Technisierung des Krieges. So legt er die Akzente seiner ausgreifenden Untersuchung auf die Organisationsebene, auf beteiligte Unternehmen sowie auf kriegswirtschaftliche Rahmenbedingungen.

Das ist, naturgemäß ein Kommissbrot aus harten Körnern, ein Wälzer, gearbeitet aus Quellen der einschlägigen Archive und aus Zeugentexten. Aber das Buch ist interessant über den Gegenstand hinaus – als komparative Studie und umfassende Faktorenanalyse.

Von Marsmenschen im zeitgenössischen Film handelt der Beitrag von Britta Lange. Dieser ist ebenso verblüffend wie amüsant. Das kann man von den anderen dieses Sammelbands, der sich alternativen Gegenwarten und Zukunftsprojektionen um 1914 widmet, nicht durchweg sagen. Einige wirken eher aleatorisch angeflickt. Jedenfalls geht’s vorwiegend um Österreich und Tschechien, immerhin auch um Thomas Pynchons Against the Day, um Simulationen alternativer Geschichten in Computerspielen, Christian Krachts Schweizer Alternativgeschichte oder um Spekulationen zur Relativitätstheorie. Hervorzuheben ist Lucian Hölschers Text, des Altmeisters der Forschungen zu den vergangenen Zukünften!

Und dann kamen sie, wenn sie nicht gestorben waren. Sie kamen als tief Veränderte, als Gezeichnete in eine veränderte Gesellschaft. Das gilt für Heimkehrer aus allen Kriegen bisher. Jonas Nesselhauf hat das in Schnitten entlang der literarischen Zeugnisse vom Ersten Weltkrieg bis zum Golfkrieg und dem War on Terror untersucht, mithin von jener Zeit, als die Posttraumatischen Belastungsstörungen noch nicht diagnostiziert wurden, bis hin zu jener, in der alle schon vom Alltag traumatisiert sein wollen.

Es ist geradezu verblüffend, welch große Zahl an bedeutenden Autoren sich, sagen wir: seit Remarque, mit den Heimkehrern befasst hat, von Alfred Andersch bis Kurt Vonnegut, T. C. Boyle bis Virginia Woolf, Hans Fallada bis Michael Kleeberg, Alfred Döblin bis Louis-Ferdinand Céline. Ihre Werke werden durchmustert. Das ist, genrebedingt, nicht unbedingt süffig zu lesen, aber wenn man ein Handbuch zu einerseits der historischen Abfolge, andererseits zur Systematik des Themas haben will, dann gibt es keine Alternative.

Um Flüchtlinge und Vertriebene im deutschen Heimatfilm nach 1945 geht es in Verena Feistauers Buch, von dem man zunächst nicht glauben kann, dass es noch wesentlich Neues zum geradezu überforschten Heimatfilm sagen könnte. Doch es kann und hat. Sehr viel sogar.

Systematisch analysiert die Autorin die Entwicklung des Heimatfilms und der einschlägigen Thematik darin. Die allfälligen Klassiker wie Grün ist die Heide oder Waldwinter naturgemäß, dazu weitere, Dutzende längst vergessene Filme aus Bundesrepublik und DDR. Nüchtern, sachlich akkurat, aber zugleich in sprachlicher Sensibilität ist das geschrieben, was es neben dem Erkenntnis- auch zu einem Lektürevergnügen macht.

Info

Frauen mit Stil: Modeträume aus drei Jahrhunderten Gertrud Lehnert insel 2017, 143 S., 14 €

Die deutschen Luftstreitkräfte im Ersten Weltkrieg Niklas Napp Schöningh 2017, 507 S., 69 €

Was wäre wenn? Alternative Gegenwarten und Zukunftsprojektionen um 1914 Isabel Kranz (Hrsg.), W. Fink 2017, 291 S., 39,90 €

Der ewige Albtraum. Zur Figur des Kriegsheimkehrers in der Literatur des 20. und 21. Jahrhundert Jonas Nesselhauf W. Fink 2017, 353 S., 74 €

Eine neue Heimat im Kino. Die Integration von Flüchtlingen und Vertriebenen im Heimatfilm der Nachkriegszeit Verena Feistauer Klartext 2017, 448 S., 29,95 €

06:00 08.04.2018

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