Nicht in Rockos Namen

Gentrifizierung Hamburger Künstler wehren sich gegen Vereinnahmung für Marketingmaßnahmen der Stadt. Im Gespräch erzählt Rocko Schamoni, warum er sich für "Not in our Name" engagiert

Den Namen seiner Band "Die Goldenen Zitronen" fand Musiker Ted Gaier letztes Jahr auf dem Titelblatt einer Publikation der Hamburg Marketing GmbH, die damit den Standort Hamburg bewirbt, wo die Wörter „Kiez“ und „Piste“ natürlich zur „pulsierenden Metropole“ gehören. Abseits der Werbebroschüren werde aber sozialer Segregation und kultureller Verödung Vorschub geleistet, findet Ted Gaier und wehrt sich gegen die Vereinnahmung für Imagekampagnen. Ein Manifest Not In Our Name, Marke Hamburg wurde aufgesetzt und hat bereits über 500 Unterstützer gefunden. Das Besondere sei, dass es sich um eine genuin politische Aktion Kulturschaffender handle, sagte Mitinitiator und Journalist Christoph Twickel auf der gut besuchten Pressekonferenz zum Manifest, die am Donnerstag im Gängeviertel stattfand. Dort, wo derzeit eine Auseinandersetzung zwischen hausbesetzenden Künstlern und einem Großinvestor ausgefochten wird. Der Musiker, Entertainer, Clubbetreiber und Autor Rocko Schamoni (Dorfpunks) erklärt im Gespräch mit freitag.de, warum er das Manifest unterschrieben hat.

freitag.de: Wie sind Sie zu „Not In Our Name“ gestoßen?

Rocko Schamoni: Das hat sich aus den Prozessen der letzten drei Monate entwickelt. Es gibt zum jetzigen Zeitpunkt mindestens sieben Initiativen, die in verschiedenen Bereichen und Stadtteilen tätig sind, die sich zum Teil überlappen, aber auch vernetzt sind. Die Idee zum Manifest entstand, als man gemerkt hat, dass man benutzt wird beziehungsweise dass die eigenen Aktionen in der Stadt zu einem Premium Button des Kulturstandorts Hamburg gemacht werden, ohne dass man vorher gefragt worden wäre, ob man das sein will. Wir wollen nicht ungefragt Zugpferd einer Sache sein, die wir nicht unterstützen.

Bei Künstler-Aktionen schwingt für mich mit, dass das an sich wieder eine Aufwertung des Standorts ist, wenn es Protestbewegungen gibt, auch wenn die offiziellen Stellen das vielleicht nicht so begreifen. Letztendlich wird auch die Gängeviertel-Besetzung wieder in die Hamburger Selbstdarstellung eingebaut. Hamburg ist reich und trotzdem rebellisch, oder so ähnlich. Werden Sie eigentlich von Leuten kritisiert, die weniger spektakuläre Protestarbeit leisten, etwa Bücherhallen in sozial schwachen Gegenden organisieren?

Dafür ist das alles noch zu frisch, da gibt es noch nicht so ein Feedback. Es gibt erstmal die Erkenntnis, dass Gentrifizierung ein Prozess ist, bei dem jeder Versuch, sich Freiheit zu erkämpfen, bedeutet, eine Plattform zu erzeugen, die in wenigen Jahren für das genaue Gegenteil von dem genutzt wird, für das man eingetreten ist. Wir suchen ja ursprünglich immer nach dissidentischen Plätzen, die Freiräume darstellen. Aber sobald man sich so einen Platz erkämpft hat, macht der die Stadt attraktiver. Das ist ein grauenhafter Prozess, aus dem wir uns nicht befreien können.

Gibt es da kein Entrinnen?

Die einzige Möglichkeit ist zu sagen: Gut, wir sind Teil des Prozesses, aber wir versuchen, uns dazu nicht produktiv zu verhalten, sondern wollen kontraproduktiv bleiben. Wir müssen innerhalb der Plätze, die wir für uns da belegt haben, immer noch Freiräume aufrecht halten, die künstlerisch nicht durchkommerzialisiert sind, und wenn es um Wohnräume geht wie im Gängeviertel, in der Schanze oder St.Pauli, geht es darum, dass die nicht zu teuren Preisen verkauft werden. Diese Position müssen wir halten für uns und andere, die nicht so eine laute Stimme haben.

Also nicht nur sagen: Wir haben hier ein Gebäude, in dem wir uns aufhalten können und das haben wir uns erkämpft, sondern auch: Die Straße muss so bleiben, wie sie ist und darf nicht verhökert werden, so dass die Leute dort wegziehen müssen und sich die Miete nicht mehr leisten können. Der Kampf, den wir führen, den führen wir für alle, die da wohnen, auch für die, die keine öffentliche Stimme haben.

Was wäre eine ideale Entwicklung? Wohin könnte der gegenwärtige Protest führen?

Abgesehen vom Gängeviertel, wo meine Hoffnung ist, dass sich die Initiative zumindest teilweise durchsetzen kann und dort selbstverwaltete Räume erhalten bleiben, ist das Entscheidende für mich, dass die Stadtplanungspolitik transparent werden muss. Mir persönlich geht es darum einzufordern, dass die Planung transparenter gemacht wird. Es kann nicht sein, dass das Gängeviertel verkauft wird an einen holländischen Investor, ohne dass irgendwer davon etwas mitbekommt. Dann besetzen Leute das Gängeviertel. Dann kommen Leute von der Stadt und der Kulturbehörde und tun so, als wenn das ein Drama wäre und sie wollten auch lieber, dass die Stadt das behält und setzen sich als Kämpfer für die Gängeviertel Leute ein. Während hinter der Hand aber der Deal weiter läuft und dem Investor gesagt wird, wenn ihr das Geld jetzt nicht auf den Tisch legt, ist das Kuchenstück weg. Was sind denn das für komische Deals, die da ablaufen? Die Information fließt immer nur bröckchenweise, es wird nie mit offenen Karten gespielt. Das ist eine Politik, die die Leute, die hier wohnen und die zum Teil durch ihre künstlerische Arbeit Werbung für die Stadt machen sollen, hinter einem vorgehaltenen Tuch lässt. Das ist der Hauptgrund, warum ich bei der Initiative mitmachen möchte.

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

11:50 01.11.2009

Ausgabe 41/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare