Nicht jeder Bachelor darf auch Master werden

Europäisierung des Studiums Eine Zwischenbilanz des Bologna-Prozesses

Studieren ohne Grenzen - Mehr als 80 Prozent der Studierenden würden das wollen, wenn ihre Studienleistungen auch anerkannt und ein Abschluss in Tirana wirklich dem in Cambridge oder Heidelberg gleichwertig wäre. Tatsächlich sind es immerhin schon fast 15 Prozent, die sich mindestens für ein Semester an einer ausländischen Hochschule einschreiben. Der Bologna-Prozess soll die Internationalisierung des Studiums voran bringen. Sieht man ins Kommunique der Bologna-Folgekonferenz vom September 2003 in Berlin, so geht es dabei vor allem um die flächendeckende Einführung des konsekutiven Studienmodells - also erst Bachelor in sechs Semestern, und dann ein Masterstudium, aber nur noch für Auserwählte. Studienleistungen werden in Kreditpunkten abgerechnet, einer scheinbar international frei konvertierbaren Studien-Währung. 30 Punkte sammelt man im Semester, nach sechs Semestern hat man mit 180 Punkten sein Konto für den Bachelor voll.

Widerstand gegen die längst beschlossene Umstellung der Studiengänge gibt es vor allem von konservativer Seite: Ingenieure möchten ihr gutes altes Diplom nicht aufgeben. Hans Zehetmair, bayerischer Wissenschaftsminister bis Oktober 2003 und konservatives Urgestein, bot den Modernisierern die Stirn, sein Nachfolger Thomas Goppel hat den Widerstand aufgegeben. Universitätsvertreter sehen - mit Recht - die Grenzen zwischen Uni und Fachhochschule verwischt - soll doch künftig ein Fachhochschulbachelor nicht mehr an einem diskriminierenden Titelzusatz (FH) erkennbar sein. Fachhochschulprofessoren dagegen sehen ihr "Alleinstellungsmerkmal" schwinden: Bisher galt das FH-Studium als praxisbezogen, nun soll es das Bachelorstudium an der Uni auch sein.

Wird durch Bachelor und Master wirklich die internationale Mobilität gefördert? Auf einem Pressetermin am Rande der Berliner Bologna-Folgekonferenz lobte ein hochrangiger deutscher Hochschulfunktionär nachdrücklich die Internationalität der Abschlüsse. Erst als (fast) alle Journalisten draußen waren, fragte er seine wartenden internationalen Gäste: "Glauben Sie wirklich, dass jemand auch noch ein Jahr ins Ausland geht, wenn er in drei Jahren mit dem Studium fertig sein soll?" Zweifel gibt es nur noch bei ausgeschaltetem Mikrofon.

Akzeptanzprobleme werden herunter gespielt. Im Oktober befragte das Magazin Junge Karriere, ein Ableger von Financial Times Deutschland, Personalchefs aus den 30 im Dax gelisteten Unternehmen und Vertreter großer Wirtschaftsberatungsfirmen: Zu 90 Prozent erklärten sie, dass sie einen Diplom-Absolventen einem Bachelor vorziehen würden. Dabei haben diese international agierenden Konzerne im Ausland längst Erfahrungen mit Bachelors sammeln können. Und wenn sie einen entsprechenden Absolventen einstellen, dann für circa 1.000 Euro weniger im Monat. Angeblich sollen die neuen Abschlüsse den Bedürfnisse der Unternehmen entsprechen, doch die halten offenbar noch gar nichts von ihrem Glück. Wozu also dann diese Umstellung?

Nicht auf die Internationalisierung kommt es bei der Umstellung an, sondern auf die "Employability", die Beschäftigungsfähigkeit. Deshalb sollen sich die neuen Bachelorstudien nicht an den Fächerstrukturen der Hochschulen orientieren, sondern an den Bedürfnissen des Arbeitsmarktes. Unser duales System der Berufsausbildung, also Ausbildung im Betrieb plus Berufsschule, funktioniert nicht mehr. Lehrstellen werden abgebaut, weil diese Form von Berufsausbildung nicht mehr den Anforderungen an Flexibilität und Mobilität entspricht, die die globalisierte Wirtschaft fordert. Zunehmend abstrakter werdende Tätigkeiten, die mit der Verarbeitung von Informationen zu tun haben, fordern analytische Kompetenz und Reflexionsfähigkeit. Diesen Anforderungen entspricht eine Hoch- und Fachhochschulausbildung mehr.

In fast allen hoch entwickelten Gesellschaften besuchen mehr als die Hälfte eines Altersjahrgangs eine Hoch- oder Fachhochschule. Allmählich steigt auch in Deutschland die Zahl der Studienanfänger auf knapp 40 Prozent eines Altersjahrgangs. Sicher, Hoch- und Fachhochschulabsolventen brauchen als Berufsanfänger noch Einarbeitung, auch die kostet Zeit und Geld. Aber sie geht schneller und ist folglich billiger als eine dreijährige Berufsausbildung. Die Kosten für das Studium müssen sich Studierende und Staat teilen - die Unternehmen sind aus dem Schneider.

Wenn zwei Millionen junge Leute studieren, wächst der Druck zu effektivieren. Deshalb macht man jetzt einen neuen Anlauf, das Massenstudium zu verkürzen. Hardliner wie der Hamburger Wissenschaftssenator Jörg Dräger fordern eine knallharte Quotierung des Zugangs zum weiterführenden, wissenschaftlichen Master-Studium. Er spricht von 30 Prozent. So weit wollen sich die sozialdemokratischen Wissenschaftsminister nicht vorwagen. Nur so viel ist klar: Nicht jeder Bachelor darf auch Master werden. Dann wäre das ganze Unternehmen ja sinnlos. Das Risiko, ob und was man werden kann mit einem Abschluss, den bisher niemand so recht will, bleibt an den Studierenden hängen.

Wie viel Berufsorientierung muss sein? Bisher gibt es nur wenige Beispiele dafür, dass ein Bachelorstudiengang nicht einfach nur ein Schnelldurchgang durch ein Studienfach ist, damit man es in drei Jahren schafft. Ein positives Modell ist das Bachelorstudium in Biowissenschaften in Münster. Es ist zwar verschult, wie bei den Biologen üblich, aber sehr viel stärker als das herkömmliche Studium baut es auf Gruppenarbeit, auf gegenseitige Unterstützung von jüngeren und älteren Semestern. Das Studienprogramm ist dicht, zum Jobben bleibt keine Zeit mehr.

Ob Studiengebühren oder nicht - vorerst ist das Bachelor-Studium in Deutschland noch gebührenfrei -, wenn die avisierten Studienreformen wirklich durchgeführt würden, könnte man ohne wirksame Finanzierung nicht mehr studieren. "Was nutzt es, wenn ich in Europa über Mobilität spreche, ohne zu klären, wie ein Student, eine Studentin, diese Mobilität finanzieren soll", stellte der ehemalige Generalsekretär des Deutschen Studentenwerks, Dieter Schäferbarthold, fest.

Wichtiger als die Angleichung von Studiengängen wäre ein einheitliches europäisches Stipendienmodell. Möglicherweise wird man das in Deutschland bald zu spüren bekommen. Nach der Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofes hat nämlich jeder EU-Bürger und jede EU-Bürgerin einen Anspruch auf die Finanzierungsleistungen des Aufenthaltslandes. Nach der Osterweiterung im Mai können also Studierende aus Polen oder Lettland, die dort vielleicht 60 Euro Studienbeihilfe bekommen, in Deutschland studieren und dann, bei den dort vorherrschenden Einkommensverhältnissen, den Anspruch auf BaFöG anmelden. Zur Zeit gibt es rund 20.000 Studierende aus diesen Ländern in Deutschland, es können rasch mehr werden. Dann würden wir einen durchaus begrüßenswerten Beitrag zum Zusammenwachsen Europas leisten, nur: im Bundesbildungsministerium ist man noch ziemlich ahnungslos.


00:00 23.04.2004

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