Nicht jeder Tellerwäscher wird Millionär

USA In den USA versucht der ehemalige McKinsey-Mitarbeiter und heutige Publizist Matt Miller, an den Grundüberzeugungen seiner Mitbürger zu rütteln

„Die Amerikaner werden tyrannisiert“, urteilt Matt Miller. Nicht von einem sozialistischen Präsidenten, wie die einen befürchten und auch nicht von den Nachbeben der Wirtschaftskrise, wie die anderen vermuten. „Die Bürger der Vereinigten Staaten werden von toten Überzeugungen tyrannisiert“, stellt Miller fest. Entschlossen kritisiert er die gängigen US-Dogmen. In seiner Kritik ist er sicherlich nicht der einzige, aber einer, der rasch polarisiert.

Miller ist Autor, Kolumnist und Radiomoderator in einem. Für die Regierung hat der gebürtige New Yorker gearbeitet, bevor er als McKinsey-Berater die Innereien verschiedener Unternehmen durchforstet hat. Studiert hat Miller Jura. Das merkt man seiner Kritik und seiner Argumentation jederzeit an. Sie klingt wie das Schlussplädoyer aus dem Gerichtssaal: eloquent, mitreißend und bisweilen übertrieben. „Amerikaner werden von Ansichten beherrscht, die nicht nur dubios bis komplett falsch sind, sondern sich auch auf direkten Kollisionskurs mit gegenwärtigen sozialen und ökonomischen Entwicklungen befinden“, rügt der Daily Beast-Kolumnist.

Als Mitarbeiter am Center for American Progress (CAP), das die amerikanische Führung in der Welt wiederherstellen möchte, kritisiert er indirekt die Pfeiler des CAP. „Wir glauben, Amerika ist ein Land der unbegrenzten Möglichkeiten“, frohlockt das CAP. Miller macht ihnen mit seiner Statistik einen Strich durch das sprachgewandte Öffentlichkeitsprofil: „Rund hundert Millionen Amerikaner verdienen mit ihrer Arbeit heute weniger, als ihre Eltern vor einigen Jahrzehnten – und zwar für dieselbe Leistung“, summiert er.

Auch ihre Aufstiegschancen sind heute geringer. Dennoch hält die Öffentlichkeit beharrlich an dem vermeintlichen Mythos des zum Millionär kletternden Tellerwäschers fest. Miller bescheinigt der amerikanischen Mär einen wahren Kern: Generationen von bettelarmen Immigranten machten in den Vereinigten Staaten das große Geld und fanden Erfolg. Die amerikanische Zuversicht in den Ehrgeiz und das individuelle Leistungsvermögen habe sie dabei entscheidend angetrieben, so Miller. Aber seiner Meinung nach überwiegt nun die Kehrseite des Paradigma: „Wir setzen haarsträubenderweise finanzielle und wirtschaftliche Schwäche einer Person mit ihrer Wertlosigkeit gleich.“ Der Kolumnist verlangt Sozialmaßnahmen und will wissen: „Wie werden wir unsere Verpflichtung gegenüber den 100 Millionen Amerikanern definieren, die immer weiter in die Armut sinken?“

Gegen den ganz freien Markt

Miller stochert weiter in den amerikanischen Überzeugungen: Er verurteilt den Glauben, dass Steuern der Wirtschaft schaden. Das Dogma hat laut Miller seinen Ursprung in den Eigeninteressen der wirtschaftlichen und politischen Elite. „Die Spitze wusste mit den amerikanischen Tugenden ihre eigenen Belange zu untermauern“, behauptet er. Sie propagierte ihr Ziel der niedrigen Besteuerung durch den Rückgriff auf die Arbeitsmoral und den Willen zum Hocharbeiten: Wieso sollten die self-made Millionäre für ihre Erfolge bestraft werden, indem sie mehr Steuern zahlen? Einflussreiche und hartgesottene Republikaner bezeichneten Steuern bereits Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts als Konfiskation des Eigentums – nicht tolerierbar und kriminell.

„Wenig verwunderlich also, dass wir seit den 1950ern ein ungeschriebenes Gesetz in den USA haben“, forciert Miller sein Argument. „Wann immer die Steuern um Kommastellen erhöht werden sollen, berufen sich Gegner auf das Dogma.“ Laut Miller ist das Unsinn. Mit Steuern kann man der Wirtschaft langfristig Vorteile verschaffen, indem die Regierung die Gelder beispielsweise in die Infrastruktur investiert.

Damit ist der ehemalige Berater der Clinton-Regierung nicht am Ende seines Feldzuges. Er nimmt der Amerikaner drittes Lieblingskind ins Visier: den freien Markt. Ungeachtet dessen, wie viele Leute infolge des tobenden Kapitalismus und der Globalisierung Schaden nähmen – die Amerikaner seien nach wie vor nicht gewillt, ihn einzuschränken, so Miller. Er fordert Patriotismus: „Die wirtschaftlichen Elite sollte die Prosperität der USA vor Augen haben – nicht den eigenen Gewinn.“

Miller bietet nicht nur Schelte, sondern auch Verbesserungsvorschläge. Einer davon lautet: „Unternehmen sollten Dead-Idea-Assessments durchführen und ihre Unternehmensphilosophie kontinuierlich auf die Entwicklungen innerhalb der Gesellschaft hin evaluieren.“ Details der Evaluationen liefert Miller nicht. Auch essentielle Fragen lässt der Kolumnist unkommentiert: Wie sollten und könnten Wirtschaft, Gesellschaft und Politik zusammenarbeiten, um die gegenwärtig schädlichen Überzeugungen aus dem amerikanischen Bewusstsein zu verbannen? Ist eine kulturelle Unternehmung dieses Ausmaßes überhaupt machbar? Und was könnte die wirtschaftliche Elite dazu bewegen, gerade die Dogmen in Frage zu stellen, die ihr laut Miller gute Dienste erweisen? Das verrät Millers Appell an die Vernunft und den Altruismus nicht.

Matt Millers ist auch als Buchautor in Erscheinung getreten:
The Tyranny of Dead Ideas: Letting Go of the Old Ways of Thinking to Unleash a New Prosperity, Times Books, 2009
The Two Percent Solution: Fixing America's Problems. In Ways Liberals And Conservatives Can Love, Public Affairs, 2005

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