Nicht lustig (II)

Kunst Auch wir würden gerne mehr lachen beim Zeitungslesen. Aber der Zustand der politischen Karikatur gibt uns leider wenig Anlaß dazu. Eine Humorkritik

Die Kulturredaktion hat sich neulich über einen Beitrag in der Titanic echauffiert, der ihrer Meinung nach nicht lustig war. Dieser Beitrag war ja nur die Spitze des Eisbergs. Hier ein beliebiges Beispiel aus der heutigen "SZ":

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Man sieht, die Karikatur „Meister-Präsident“ versucht, den beiden vom Nachrichtenwert höchst stehenden Ereignissen des Wochenendes Tribut zu zollen: der Deutschen Meisterschaft des VfL Wolfsburg und der Wiederwahl von Bundespräsident Horst Köhler. Die Verbindung wird nicht nur durch den Untertitel angedeutet, sie spiegelt sich auch im „split screen“ des Bildes: links VfL-Trainer Felix Magath, rechts Bundespräsident Horst Köhler. Der Ähnlichkeit der Ereignisse (Triumphe) wird außerdem durch eine parallelisierte Bildsprache Rechnung getragen: hierbei bedient sich der mit „frechem Strich“ arbeitende Karikaturist dem Leitmotiv des Kippens. Das ist bereits bei Wilhelm Busch, dem godfather des sprechenden Bildes, präsent, meistens signalisiert es Ärger, ist also negativ besetzt.

Mit dieser Tradition bricht der Karikaturist, in dem er über Magath einen großen Bier- oder Sektpokal leert, und über Köhler die Urne mit den Stimmen. Er bricht aber nicht ganz, denn gleichzeitig kippen sich im Hintergrund SPD und Linkspartei (repräsentiert durch Steinmeier und Gysi) Bier über den Kopf – sie sind die Gelackmeierten. Kritisch gegen die deutsche Politik wendet die Karikatur sich, wo Magath die Meisterschale hochhält, die ihm gehört, Köhler dagegen den bundesrepublikanischen Adler, dem er doch dient, aber er trägt ja auch das „CDU“ am Revers und ist also nicht ganz koscher respektive schwer Partei. Dass auf der Krawatte von Magath auch noch „Magath“ stehen muss, wo doch allenfalls ein Sponoren-Logo stünde (Debitel), gibt uns den Rest.

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