Nicht mehr als ein Schulterzucken

Kommentar Kinderarmut und Haushaltssanierung

Es gibt eine Vielzahl von Gutachten zur Armut, und es gibt nicht weniger Statistiken, die darauf hinweisen, wo die Probleme liegen: Ein Drittel der unter Dreijährigen, die Hälfte der Alleinerziehenden, ein Viertel der Paare mit drei und mehr Kindern - sie alle leben in Armut. Regelmäßig zeigen Presseerklärungen an, wie ihre Zahl weiter wächst - und das beschleunigt. Offenbar löst dies bei den Verantwortlichen wenig mehr als ein Schulterzucken aus. Die Studien werden nicht als Alarmsignal oder Aufforderung empfunden, nach Konzepten zu suchen, diesen Trend zu stoppen. Sie dienen stattdessen eher als Berechnungsgrundlage, um kalkulieren zu können, wie viel steigende Kinderarmut den Staat künftig kostet.

Nicht von ungefähr fällt so die Bestürzung über den Tod des kleinen Kevin in Bremen mit der Debatte über das Schicksal vernachlässigter und bedürftiger Kinder in diesem Lande zusammen. "Wir sind eine Gesellschaft. Wir sind gut beraten, wenn wir sie nicht auseinanderfallen lassen", sagt Arbeitsminister Müntefering. Wie das Beispiel Rütlischule in Berlin gezeigt hat, möchte man anfügen. Dort wurde an Kindern und Jugendlichen gespart, bis sich die Probleme nicht mehr deckeln ließen. Als der Fall in die Öffentlichkeit getragen wurde, beeilte man sich, so schnell wie möglich diesen Riss in einem brüchigen System zu kitten. Heute hat die Rütli-Schule genügend Lehrer, ist die Stelle des Direktoriums wieder besetzt, werden den Schülern zusätzliche Angebote gemacht, die sie auch in sozialer Kompetenz weiterbringen.

Gerade die einzuüben, erscheint unverzichtbar. Wenn die Familie dabei nicht helfen kann, ist die Gesellschaft gefragt, müssen Schulen in Gebieten mit vielen armen Familien besondere Unterstützung erfahren, dürfen die Lehrer nicht allein gelassen bleiben, muss für kreative Angebote auch nachmittags gesorgt werden. Nur kämpft heute fast jede außerschulische Einrichtung, die Kinder und Jugendliche kostenlos aufnimmt und betreut, um ihre Existenz. Ein Familienhelfer in Berlin kostet pro Jahr 10.000 Euro - pro Tag zahlt die Stadt mehr als sechs Millionen Zinsen, die entscheidend durch den bis 2001 regierenden CDU-SPD-Senat zu verantworten sind.

Es hilft nicht viel, mit Bedürftigen in der Obhut des Staates rein rechnerisch umzugehen. Kevin in Bremen wurde nicht nur ein Opfer des eigenen Vaters, sondern auch staatlicher Sparpolitik. Um so mehr ist das Jugendamt schlecht beraten, wenn es sich weiter einigelt und eine Verantwortung vorzugsweise den tatsächlich unzureichenden Strukturen anlastet. Und dass ausgerechnet in einer Stadt, in der eine große Koalition mit einem Schulterzucken Millionen von Steuergeldern verschwendet hat.

In Bremen wurden eine auf 20 Jahre befristete Mietgarantie für ein floppendes Musicaltheater übernommen und ein Event-Center im Botanischen Garten subventioniert, das sich von Anfang an als Verlustgeschäft erwiesen hat. Bremen baute darüber hinaus einen Space-Park mit Einkaufs- und Vergnügungscenter, das nach ein paar Monaten wegen mangelnden Zuspruchs geschlossen wurde. Eine nach oben offene Vergeudungs-Skala. Bremen hat im großen Stil und ohne Verantwortung Geld vergeudet. Für Betroffenheit der politisch Verantwortlichen sorgt das kaum, um so mehr für den Willen, in diesem ohnehin bereits hoch verschuldeten Bundesland den wachsenden Kostendruck nach unten weiterzugeben. Dabei bleiben die Kevins auf der Strecke, die von Geburt an zu den Verlierern gehören. In diesem Fall kulminiert alles, was an staatlichem Versagen zusammen kommen kann, vor allem jedoch das exemplarische Scheitern eines Betreuungs- und Sozialsystems, das inzwischen zu sehr an Effizienzkriterien ausgerichtet und nach Kürzungsmöglichkeiten durchforstet wird.

Geblieben sind Behörden, die nach ökonomischem Kalkül organisiert sind, was auch Mitarbeiter demotiviert. Geblieben ist ein soziales Netz, dessen Maschen inzwischen so groß sind, dass immer weniger Menschen aufgefangen werden und immer mehr abstürzen. Kinder- und Jugendhilfe war einmal dazu gedacht, die sozialen Beziehungen zwischen Menschen zu schützen und - wo nötig - neu zu knüpfen. Bei Kevin wurde in tragischer Weise erkennbar, wie wenig davon übrig geblieben sein kann.

Anja Tuckermann ist Kinderbuchautorin.


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00:00 03.11.2006

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