Nicht mehr in Chemie

Alltag Bitterfeld setzt heute auf sanften Tourismus - Streifzug durch eine Stadt, die ihre Identität noch sucht

Als Kind bin ich öfter mit der Bahn durch Bitterfeld gefahren. Ich erinnere mich an die immensen Rohrschluchten der Chemiewerke gleich neben den Gleisen. Weißer und gelber Rauch quoll aus den Schornsteinen, Gestank drang trotz der geschlossenen Fenster ins Zuginnere. In Bitterfeld waren die Filmfabrik, die synthetische Faserproduktion, die Elektrochemie, zusammengeschlossen zum CKB, dem Chemiekombinat Bitterfeld, sie wurden versorgt, wie alle DDR-Betriebe, mit der Braunkohle, die gleich hinter dem Stadtrand abgebaut wurde.

15 Jahre nach der Wiedervereinigung ist von der "Glanzzeit" der Chemie und dem Tagebau in Bitterfeld kaum mehr etwas zu spüren. Das Gros der Betriebe ist verschwunden; verschlafen liegt die ehemals so bedeutende Industriestadt da. Auf den Straßen ist kaum etwas los. Es gibt zwar deutlich mehr Autos als früher, doch man sieht kaum Passanten. Hinter dem Bahnhof, an den Schienen, wachsen Kamille und Johanniskraut. Einige hundert Meter weiter produzieren versprengt noch ein paar Firmen. Wie ein Relikt aus anderen Zeiten zieht sich eine türkisgestrichene Gasleitung zwischen ihnen hindurch. Linde hat sich hier angesiedelt, der Pharmakonzern Braun; im Nachbarort Greppin hat sich Bayer niedergelassen. Auch Solarzellen werden in Bitterfeld hergestellt. Diese Betriebe beschäftigen jedoch nur wenige Arbeiter: gab es 1989 im Landkreis noch über 30.000 Arbeitsplätze in der Chemieindustrie einschließlich Gummi- und Plasteherstellung, sind es heute nur noch 2.300.


Im Industriegebiet, neben der Firma Braun Pharmadruck, verkauft Hannelore Haußmann mit einem Lieferwagen Würstchen und Getränke. Wie ausgestorben wirkt das ganze Areal jetzt am frühen Nachmittag, kein Kunde ist weit und breit zu sehen. Seit 1997 ist die blonde Vierzigerin schon hier angestellt; das Lokal, in dem sie früher arbeitete, ging nach der Wende Pleite. "Man muss was draus machen", meint die gelernte Restaurantfachfrau. "Aber es gibt eben viele, die das nicht können." Viele ehemalige Arbeiter seien weggezogen, andere seien arbeitslos und hingen an der Flasche. Ganz neu ist diese Entwicklung nicht. Auch in der DDR wurde viel Alkohol konsumiert, gerade unter den Chemiearbeitern: zu jedem Monatsgehalt bekamen sie eine Flasche Schnaps geschenkt. Selbst die Jugend streckt bereits ihre Fühler aus. "Inzwischen achten sie da in der Schule mehr darauf", erzählt Haußmann, aber "bis vor kurzem kamen die Kids vor der Schule einen Mixery (Cola gemischt mit Bier) trinken. Die ham gesagt, das ist doch kein Alkohol!"

Der Bus nach Wolfen ist jetzt am frühen Nachmittag gut besetzt. Viele der Fahrgäste wollen nach Wolfen-Nord, einem Neubaugebiet, wie es in der DDR so viele gab: Plattenbauten, seinerzeit angelegt, um die Chemiearbeiter modern und betriebsnah unterzubringen. Heute wütet in Wolfen-Nord die Abrissbirne, viele Leute sind weggezogen. "Etwa die Hälfte der Häuser ist schon abgerissen", schätzt Erna Brzezinski, die dort früher selbst gewohnt hat - gerne, wie sie betont. Ihr Beruf hat der 56-Jährigen Spaß gemacht: als Chemielaborantin war sie in der Agfa-Filmfabrik für die Qualitätskontrolle zuständig. Von Wolfen-Nord konnte sie dorthin mit dem Fahrrad fahren, wie es damals in der DDR viele ihrer Kolleginnen taten.

Auch heute noch sieht man in Wolfen viele Frauen, die mit ihren Fahrrädern unterwegs sind. Es ist leicht, die ehemaligen Chemiearbeiterinnen unter ihnen zu erkennen, denn Schichtarbeit, der Umgang mit Chemikalien und die spätere Arbeitslosigkeit haben Spuren auf ihren Gesichtern hinterlassen. Müde sehen sie aus, früh gealtert und resigniert.

Brzezinski hatte Glück. Die kleine Frau voll Elan hat nach einer Weiterbildung sogar wieder Arbeit gefunden: im Umweltschutz. Für die Bitterfelder Qualifizierungs- und Projektgesellschaft prüft sie die Qualität der Gewässer im Landkreis Bitterfeld, dokumentiert Pflanzen- und Tierbestände. Insgesamt sei die Wasserqualität besser geworden. Zum Beispiel der Silbersee, an dem sie und ihr Mann heute wohnen. "Das hätte ich früher nie gemacht!", versichert Brzezinski, denn der Silbersee hatte den Ruf, die dreckigste Kloake der Region zu sein. Sein Name rührt von den Silbernitraten her, die in ihn geleitet wurden, nebst vielen anderen Schwermetallen und hochgiftigen Substanzen.

Der Systemwechsel sei ihr "überhaupt nicht schwer gefallen", sagt die frühere Chemiearbeiterin. "Nur eine Festeinstellung hätte ich mir einfacher vorgestellt." Rundherum beobachtet sie dasselbe Phänomen: "Viele haben nur eine befristete Stelle für ein Jahr, und dann wissen sie wieder nicht, wie es weiter geht. Dann sind sie wieder ein Jahr älter, aber die Hoffnung geht Jahr für Jahr zurück." Brzezinskis Mann arbeitete früher in der DDR als Ökonom. Heute bezieht er Hartz IV. Ihre Kinder leben "im Westen", die Enkel sehen sie nur selten.

Der Braunkohletagebau an der Goitzsche, einem etwa 60 Quadratkilometer großen Areal am Stadtrand von Bitterfeld, ist inzwischen vollständig eingestellt, die Goitzsche weitgehend saniert. Junge Birken, Eschen und Eichen wachsen dort, Brombeeren und Ginster haben sich auf den weiten Flächen breitgemacht. Das Gelände ist geflutet, im Morast der neu entstandenen Seen quaken Frösche, Libellen zurren über das Wasser. Auf der Bärenhof-Insel im 15 Quadratkilometer großen Goitzsche See leben Seeadler, Ufer- und Flussseeschwalben und Kraniche. Um diese wertvolle Tierwelt zu schützen, hat der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) dort Parzellen aufgekauft. Der vordere Teil des Sees, wo früher Bernstein zuhauf gefunden wurde, ist dagegen öffentlich zugänglich. Anfang des Sommers wurde dort mit Musikeinlagen, Essständen und Feuerwerk die "Bitterfelder Wasserfront" mit hundert Wasserliegeplätzen eingeweiht. Ein Stück weiter, auf einer Bank am Seeufer, sitzt Frank W. mit einer Flasche Bier in der Abendsonne. "Die Arbeitslosigkeit hier ist eine Katastrophe", sagt der Bergbauingenieur, der 2002 entlassen wurde. Sein braungebranntes Gesicht mit den leuchtend blauen Augen unter dem sonnengebleichten Haar verrät jedoch, dass er seiner Lage durchaus auch etwas abgewinnen kann. Die Lebensqualität in Bitterfeld habe sich seit der Wende deutlich verbessert. Fuhr er damals zu DDR-Zeiten seine Eltern besuchen, forderte die Mutter ihn als Erstes dazu auf, in die Badewanne zu steigen. "Hier kommt Bitterfeld", hieß es dann. "Zieh die Klamotten aus und bade dich. Du stinkst!" Je nach Windlage wehte es neben den Chemieabgasen den Kohlestaub vom Tagebau in die Stadt hinüber. Das eine oder andere rußgeschwärzte Backsteinhaus im Stadtbild zeugt noch von diesen Zeiten.


Trotz 22,6 Prozent Arbeitslosigkeit versteht sich Bitterfeld immer noch als Industriestadt. Die Zukunft sehen die Stadtväter jedoch eher im Tourismus: Aus Halle, Leipzig und anderen Teilen Deutschlands kommen Besucher, um in der Goitzsche radzufahren, zu wandern oder Wassersport zu treiben. Für die Expo 2000 schufen Künstler aus Frankreich, der Schweiz und Deutschland auf der Halbinsel Pouch am Goitzsche See Landschaftskunst, die noch heute besichtigt werden kann: Kegel und Hügel, für die sie vorhandenes Material, wie Ziegelbruch, Schrott und Grubenbahnschienen verwendeten. Daneben entstand ein Amphitheater in Form eines menschlichen Ohres, das 4.000 Menschen fasst. Herbert Grönemeyer trat dort bereits auf und Kurt Weill wurde posthum gefeiert.

Die Bitterfelder wissen das neuentstandene Naherholungsgebiet vor ihrer Haustür zu schätzen. Auch unter der Woche sieht man hier Radfahrer oder Jugendliche abends an der Seepromenade sitzen. Damit schließt sich ein Kreis, erstreckte sich doch einst ein gewaltiges Auenwaldgebiet an diesem Ort, das ebenso begeistert von den Bitterfeldern besucht wurde. Nur manchmal bricht in einem Gespräch Nostalgie hindurch: "Eine meiner Kindheitserinnerungen ist, dass man wenn man abends schlafen ging und der Wind günstig stand, die Bagger quietschen hören konnte", erzählt die Verlagsangestellte Kerstin Schowangen wehmütig. "Als das Baggerquietschen dann aufgehört hat, war das schon ein Abschiedsgefühl."


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