Nicht nur das Duell zweier Milliardäre

Italien Auf Sardinien entscheiden bald Regionalwahlen, ob weiter das Reformprojekt des Regionalpräsidenten Renato Soru Vertrauen findet oder ein Statthalter Berlusconis regiert

Er gilt über Sardinien hinaus als der "Anti-Berlusconi". Der von einer linken Koalition unterstützte Unternehmer Renato Soru ist zwar ökonomisch ein ähnliches Schwergewicht ist wie der Premier in Rom – er gründete die Telekommunikationsfirma Tiscali und besitzt auch die Zeitung L'Unita –, erweckt aber nie den Eindruck, Politik um des eigenen Vorteils wegen zu betreiben. Soru, ein enger Freund von Ex-Premier Prodi, könnte mittelfristig Italiens Linke aus der Dauerdepression nach der Wahlniederlagen vom April 2008 herausführen. Grund genug, auf Sardinien zu blicken, das man bislang nur als Heimstatt von Käse, Banditen und Boxern (die Gebrüder Rocchigiani stammen von hier) kennt.

Ressourcen wie nie zuvor

Stühle gibt es nicht. Der “2 Club” ist eine Diskothek. In Buddusò, einem sardischen Bergdorf, heißen Säle, in denen getanzt wird, tatsächlich noch Diskotheken, obwohl auch hier schon lange nicht mehr Platten auf Tellern rotieren. Dunkel ist es. Eiserne Säulen, gelb angestrichen, tragen mit Holzimitat verkleidete pseudoromanische Bögen, während die Decke mit schwerem Holz beplankt ist. Ein roh zusammengezimmerter und vom Alkohol verklebter Tresen duckt sich im rückwärtigen Teil. Vorn, durch ein Geländer abgeteilt, befindet sich eine schmale Bühne. Ein schlanker Mann mit markanter Halbglatze und schmaler Intellektuellenbrille erklimmt sie. Und statt zu singen, beginnt er, leise und eindringlich zu reden. Mit ruhiger, etwas strapaziert klingender Stimme entwirft er die Geschichte eines Wandels. Er berichtet von Bürokratie, die abgebaut ist, von Steuereinnahmen, die vermehrt werden konnten. Er erzählt von jungen Leuten, die, wenn sie ihr Abitur mit 80 oder mehr Punkten absolviert haben, für ihr nachfolgendes Studium 500 Euro monatlich erhalten. "Jeder, der klug ist, soll studieren können, egal ob er das Kind eines Juristen, eines Bauern oder eines geringfügig Beschäftigten ist", sagt dieser Mann und beschreibt mit einer Hand ungelenk einen Kreis, der eine bessere Zukunft andeutet.

Als der Redner auf einen jungen Architekten zu sprechen kommt, der gerade den Altar in der von Antoni Gaudi errichteten Kirche Sagrada Familia in Barcelona projektiert, stockt seine Stimme kurz und in seine Augen tritt ein feuchter Glanz. "Der Architekt ist ein junger Sarde, ein Absolvent unseres Programms 'Master/Back'. Er hat sich im Ausland spezialisiert und diesen Auftrag in Katalonien gewonnen. Und ich kann euch sagen: das Vaterunser, das am Portal der Sagrada Familia in den Sprachen all derer zu lesen ist, die an der Kirche mit gebaut haben, wurde dort nun auch in sardisch notiert."

Ein klug kalkulierender Botschafter der Zukunft

Der Mann, der da gut eine Stunde zu ungefähr 200 dicht gedrängt stehenden Schäfern, Automechanikern und Postangestellten spricht, ist keiner jener Märchenerzähler, der noch vor gut 100 Jahren über sardische Dörfer zogen und die Kunde von Königen und Bettelleuten, von glücklicher Liebe und furchtbarem Tod verbreitet haben. Er ist vielmehr ein klug kalkulierender Botschafter der Zukunft. Die könnte man in der Formel “Fortschritt ist Vertrauen in die eigene Stärke plus Digitalisierung der ganzen Insel” zusammenfassen. Renato Soru hat in den vergangenen vier Jahren als Präsident der Region Sardinien Italiens zweitgrößte Insel in ein Laboratorium avancierter Administration verwandelt. Zunächst unter anderem, indem er Geld besorgt hat. Laut der 1948 verabschiedeten Verfassung steht der unabhängigen Region ein Teil der Steuereinnahmen des Staates direkt zu. Aber keiner der bisherigen Regionalpräsidenten hatte diese Gelder gefordert.

Soru hingegen mobilisierte 2005 alle sardischen Bürgermeister für einen Protestzug nach Rom – und hatte Erfolg: Er kann nun mit zusätzlichen Einnahmen von 1,3 Milliarden Euro pro Jahr kalkulieren. Weil Soru auch 50 überflüssige Abteilungen aufgelöst, den Dienstwagenpark reduziert und teure Miet-Immobilien abgegeben hatte, verfügt die Region plötzlich über Ressourcen wie nie zuvor.

Sorus Regierungsprogramm ist eine eigenwillige Mischung aus klassischen Großinvestitionen, sozialer Verantwortung, intelligenter lokaler Förderung und beinharter Gesetzgebung. Fünf Hospitäler und ein großes Autismus-Zentrum sind im Bau. Neue Fährlinien nach Spanien sind eröffnet, um Absatzmärkte für die heimische Landwirtschaft zu erschließen. Bis März sollen alle Kommunen DSL-fähig sein. Junge Familien erhalten einen Zuschuss von 25.000 Euro für das erste Haus sowie einen weiteren Zuschuss, wenn sie die handwerkliche oder landwirtschaftliche Tätigkeit ihrer Eltern fortsetzen, denn die Ortschaften im Landesinneren sollen nicht aussterben.

Cappelacci – Presidente

Um die Küsten vor unkontrolliertem Bauen zu schützen, wurde ein Gesetz erlassen, das jeden Neubau innerhalb eines Zwei-Kilometer-Streifens von der Küste untersagt. Das hat nicht nur bei den natürlichen Feinden unberührter Landschaften – den Bauspekulanten – zu Missfallen geführt. Auch einige Unterstützer Sorus halten die Vorschrift für zu rigide. "Manche Gegenden sind bereits so zugebaut, dass ein Verbot dort lächerlich ist. An anderen Stellen dürfte selbst in 50 Kilometer Entfernung von der Küste nicht gebaut werden", erregt sich ein früherer Wegbegleiter Sorus. Wegen des Widerstands in den eigenen Reihen ist der Ende 2008 zurückgetreten und hat vorgezogene Neuwahlen für den 15. und 16. Februar anberaumt.

Gegner ist Ugo Cappellacci. Doch weil selbst auf dem Wahlplakat, das den Sohn des einstigen Wirtschaftsprüfers Silvio Berlusconis zeigt, der Schriftzug "Berlusconi – Presidente" mehr ins Auge sticht als "Cappelacci – Presidente", heißt der eigentliche Gegner Sorus dieser Wahl tatsächlich Silvio Berlusconi. Der römische Regierungschef schickt regelmäßig seine Minister nach Sardinien, um dort Wahlkampf für Ugo zu machen, und kam auch selbst. Er erzählte von Kakà und Beckham, scherzte mit ein paar Frauen und forderte schließlich Cappellacci auf: "Ugo, komm her und sag auch einmal was." Berlusconi wirft Soru vor, dessen Firma Tiscali habe 250 Leute entlassen, und unterschlägt kaltschnäuzig, dass Soru vor fünf Jahren aus dem Unternehmen ausgeschieden ist und seine Aktien (etwa 20 Prozent von Tiscali) einem Treuhänder übereignet hat. Er ließ zudem den renommierten Wirtschaftsrechtler Guido Rossi ein Gesetz entwerfen, das regeln soll, unter welchen Bedingungen ein Unternehmer politisch tätig werden kann, ohne sein Amt zum Vorteil seines Unternehmens zu missbrauchen. Das Gesetz verbietet auch Mehrfachfunktionen. Gegen den Entwurf hatte Berlusconis Forza Italia ein Referendum angestrengt – und verloren.

Vor diesem Votum ist Soru wochenlang mit dem eigenen Auto über die gesamte Insel gefahren, um bei fünf bis sechs Treffen am Tag Hunderten von Menschen seine Projekte zu erklären. Er hört zu und will seinerseits mit den Inhalten seiner Politik überzeugen. Einen Fernsehsender hat sich Soru nicht zulegen wollen. "Ich will Politik auf eine einfache und anständige Art und Weise machen." Auf Sardinien ist derzeit das spannendste Experiment der Mediendemokratie zu beobachten: Setzt sich erneut Politikverkauf per Fernsehen durch oder hat ein inhaltlich anspruchsvolles Programm Aussicht auf Erfolg?

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

18:40 12.02.2009

Ausgabe 25/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare 2