Nicht nur die Liebe zählt

Medientagebuch Harald Schmidt macht bei der ARD, was er immer gemacht hat - am falschen Platz

Es wäre schade, aber nicht zu ändern", hat die Berliner Zeitung in diesen Tagen entschieden angesichts des selbst erdachten Gedankenspiels, Harald Schmidt käme aus seiner in dieser Woche angetretenen Sommerpause nicht zurück. Solche Überlegungen hätte vor zwei Jahren kein Mensch angestellt, und auch wenn Harald Schmidt aus der Sommerpause zurückkehren wird und die Berliner Zeitung das grundsätzlich gut findet, zeigt sich daran vor allem eines: Das Verhältnis zwischen dem Feuilleton und seinem einstigen Geliebten Harald Schmidt ist stark abgekühlt. Die große Liebe ist dahin.

Sie ging zu Ende im Dezember 2003, als Schmidt ohne Angabe von Gründen aus der intakten Beziehung ausstieg und das Feuilleton verließ. Genau ein Jahr später ist er zurückgekehrt, und natürlich haben sich die beiden seitdem gesehen, ihre Beziehung aber wirkt wie der zweite Versuch des alten Liebesglücks. Das Feuilleton liebt nicht mehr bedingungslos ("Gott"), sondern reflektiert: Es gibt einfach niemanden, mit dem es Harald Schmidt betrügen könnte.

Das konnte man an einem Zehn-Punkte-Plan sehen, den die taz entworfen hatte, weil es mit Schmidt so nicht weitergehen könne. Der Plan entpuppte sich schnell als eine sehr Schmidt´sche Form der Medienkritik, bei der "Verbesserungsvorschläge" an gescheiterte oder schlechte Sendungen parodiert wurden. Die Empfehlung ("9. Die Quote"), ein Live-Kochen mit ein paar Fernsehköchen zu veranstalten und deren Rezepte anschließend im Spiegel abdrucken zu lassen, machte jedenfalls vielmehr Johannes B. Kerner lächerlich, der bei sich freitags kochen lässt, als dass sich überhaupt ein Kritikpunkt an Schmidt erkennen ließe. Die Quote ist nicht das Problem.

Den großen Liebeskummer, in den das Feuilleton stürzte, als Harald Schmidt aus seinem Leben verschwand, kann man so noch immer spüren, auch wenn die Trennung schon eine Weile her ist und beide, das Feuilleton und Schmidt, alt genug sein sollten, um sich gegenseitige Enttäuschung nicht in aller Öffentlichkeit vorzuwerfen. Der Schmerz des Verlassenen, den das Feuilleton noch manchmal heimsucht, äußert sich aber nicht nur in kleinen Sticheleien, die man sich dem Partner gegenüber rauszunehmen wagt, sondern auch in bemühter Uninteressiertheit und manch überhitztem Vorwurf. So schrieb die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung nach fünf Monaten Harald Schmidt in der ARD: "Seine Bedeutung geht gegen null."

Das ist in zweifacher Hinsicht unsinnig. Zum einen klingt diese Behauptung einer Tatsache so, als läge es an Schmidt selbst, bedeutend zu sein, und nicht etwa am, sagen wir, Feuilleton, Bedeutung zuzuweisen. Folglich ging es im Bewusstsein seiner Macht, ein wenig bockig und ein wenig schmollend, mit seinen Liebeserklärungen an den Geliebten sparsam um. Das ist vermutlich genauso übertrieben wie der Übermut in glücklicheren Tagen, als kein Artikel im Feuilleton ohne Verweis auf Harald Schmidt beginnen konnte.

Zum anderen ist der Vorwurf der Bedeutungslosigkeit falsch. Die unerquickliche "Unterschichten"-Debatte im Frühjahr verdankte sich einzig und allein dem Umstand, dass das Feuilleton nach wie vor Schmidt schaut (während Schmidt umgekehrt nach wie vor das Feuilleton liest). Da sagt Schmidt dann "Unterschichtenfernsehen" zu Sat1, so wie er früher "Kuschelsender" gesagt hat: aus kritischer Koketterie und Freude an besonderen Vokabeln, aber weil das Feuilleton Schmidt Ernst nimmt, also: für bedeutsam hält, fährt ein FAS-Feuilletonist am nächsten Tag nach Berlin-Neukölln, um Jagd auf eine scheinbar Unsichtbare zu machen: die Unterschicht in der Spielhölle. So sieht das also aus. Dass da ein Missverständnis wucherte - in dessen Folge sogar die Werbekunden als Fernsehkritiker verdächtigt wurden, die bei der Ausstrahlung ihrer Spots nicht länger auf Quote, sondern auf Qualität Wert achten würden -, legt die Tatsache nahe, dass Schmidt das bei Paul Nolte ("Generation Reform") aufgeschnappte Wort nicht mehr verwendete, seit es sich als Ventil für bürgerliche Angstlüste im Feuilleton verselbstständigt hatte.

Neben den Schwierigkeiten in einer interessanten Beziehung lehrt die Rückkehr von Harald Schmidt nach einem Jahr Auszeit noch zwei Dinge über das Fernsehen. Denn, erstens, ist nicht Schmidt schlechter geworden, sondern lediglich sein Sendeplatz. Ein Kurzauftritt in steter Unregelmäßigkeit ist eine Verlegenheitslösung, aber kein Format in dem Sinne, wie die Tagesschau, die unser Leben strukturiert. Weil das Fernsehen um so vieles banaler ist als das Kino, besteht sein einziges Versprechen auf Größe in reibungsloser Unendlichkeit. Immer, also täglich da zu sein, ist die Voraussetzung für das, was Harald Schmidt am besten kann: eine Revision der Bilder, die vom Tage übrig bleiben. Zwei Tage auf Schmidts (großartige) Kommentare zu Joschka Fischers Auftritt vor dem Untersuchungsausschuss zu warten, widerspricht dem medialen Zeitgefühl des Zuschauers ebenso wie eine derart komprimierte Sendung, in der neben Fischer auch noch Neuseeland und eine verheerende Maischberger-Diskussion Platz haben müssen. Eine halbe Stunde ist überdies zu wenig Zeit, um hinein zappen zu können, weil man den Großteil der Sendung immer schon verpasst hat. So sehnt man sich nach den Werbepausen und der Regelmäßigkeit von einst, die der Vorfreude ein Ziel und den gelungenen Scherzen Raum gegeben haben.

Das wird es in der ARD aber nicht geben, und so wird die Sendung Harald Schmidt immer merkwürdig amputiert erscheinen. Wenn die ARD-Chefs die Aussage, Schmidt sei Grundversorgung, wirklich Ernst meinten, müssten sie die Talk-Tage mit dem entbehrlichen Beckmann und der fehl besetzten Sandra Maischberger freimachen für Schmidt, der in der täglichen Routine brilliert und nicht in der Seltenheit des Ereignisfernsehens (siehe vierstündige Rheinschifffahrt).

Aber eine ARD, die glaubt, das Glück einer Nachrichtensendung wie die Tagesthemen hänge an fünfzehn Minuten, redet nur von Grundversorgung. Und so zeigt uns, zweitens, Schmidts Rückkehr zu seinem Muttersender, dass es ein Gut und Böse, Oben und Unten, Monitor vs. Tutti-Frutti in der deutschen Fernsehlandschaft nicht mehr gibt. Vor fünfzehn Jahren hätte man Harald Schmidt bei einem Privatsender als Verrat empfunden. Heute ist es dagegen schade, dass er bei der ARD ist. Aber wohl nicht zu ändern.


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00:00 01.07.2005

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