Nicht nur für Aliens

NASA-Soundcloud 1977 schoss die NASA ihr „Goldenes Album“ mit einer Bauanleitung für einen Plattenspieler ins All. Nun grüßt sie damit uns Erdlinge

Im Sommer 1977 testet die NASA das Spaceshuttle, einen wiederverwendbaren Raumgleiter, der eine Revolution in der Raumfahrt einläuten soll. Alle Aufmerksamkeit ist auf dieses spektakuläre Projekt gerichtet, als im August und September fast unbemerkt von der Öffentlichkeit die beiden Sonden Voyager 1 und 2 starten. Ihre Mission ist die Erkundung des Sonnensystems – doch die eigentliche Revolution ist ein Medium, das außen an den Sonden angebracht ist – die Voyager Golden Record: eine Botschaft der Menschheit ans Universum. 38 Jahre später kann man Auszüge daraus nun auf der Soundcloud-Seite der NASA hören.

Wie kam man 1977 auf diese Idee? Waren es friedliche, sprich goldene Zeiten? Im Gegenteil. Zwei Jahre zuvor war der blutig und brutal geführte Vietnamkrieg zu Ende gegangen, Mao war gestorben, nachdem er das Land in der Kulturrevolution wirtschaftlich und politisch ins Chaos gestürzt hatte, in Deutschland entführte die RAF Hanns Martin Schleyer, die Ramones und die Sex Pistols schrien sich ihre Wut von der Seele. Doch inmitten dieses Aufruhrs hatte ein Wissenschaftler den Glauben an die Zukunft der Menschheit nicht verloren: der Astrophysiker Carl Sagan.

In der festen Überzeugung, dass die Menschheit nicht die einzige intelligente Lebensform in den Milliarden von Welten des Universums sein könnte, sah er in den Voyager-Sonden mehr als nur wissenschaftliche Roboter. Für ihn waren es Botschafter der Erde, die von unserem technischen Sachverstand und von unserer Neugier zeugen. Doch Sagan war das nicht genug. Er überzeugte die NASA von der Idee einer Grußbotschaft, packte diese auf eine Schallplatte, steckte sie zusammen mit einer Nadel und einem Tonabnehmer in eine Hülle, auf die man die Bauanleitung für einen Plattenspieler graviert hatte und schraubte das Ganze gut sichtbar auf die Sonden. Was für ein verrücktes Projekt! Und was für eine Botschaft! Auf der Platte finden sich Grüße in 55 Sprachen, Buckelwalgesänge, Fotos von Wissenschaft und Kultur der Menschheit sowie eine Musikauswahl von einem Nachtlied der Navaho über ein kolumbianisches Hochzeitslied bis zu Bach, Beethoven, Strawinsky sowie Chuck Berrys Johnny B. Goode.

Sagans Golden Records sind Zeitkapseln, ausgelegt für eine unendliche Reise durchs All. Sollten die Aliens eines Tages in ihrer Kommandozentrale um den Plattenspieler herumstehen und UNO-Generalsekretär Kurt Waldheim begrüßt sie mit seinem österreichischen Englisch, gefolgt von Buckelwalgesang und Bachs Brandenburgischem Konzert, so werden die Alben von einer längst untergegangenen Welt künden. Sagan wusste das und ihm war klar, dass die Menschheit in unsicheren Zeiten lebte. In einem Essay über die Sonden schreibt er von der „Kluft zwischen unserer Technologie und unserer Weisheit. Haben wir uns zerstört seit dem Start der Voyagers ... oder haben wir große Dinge hervorgebracht?“

Die Zeiten sind nicht besser geworden seitdem, im Gegenteil. Die Welt verstrickt sich in kleinteilige Konflikte um Rohstoffe, Religion und einen nicht enden wollenden war on terror. Die NASA hat sich nun offensichtlich darauf besonnen, dass die Voyager-Sonden einst ein Symbol der Hoffnung und einer besseren Welt waren. Und dass nicht die Außerirdischen, sondern die Menschheit selbst eine positive Botschaft braucht. So sind die Auszüge ihres Goldenen Albums auf Soundcloud nun ein Gruß der Menschheit an sich selbst.

06:00 10.08.2015
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