Nicht ohne mein Kopftuch

Kruzifix In "Verschleierte Wirklichkeit. Die Frau, der Islam und der Westen" untersuchen Christina von Braun und Bettina Mathes den Blick des Okzidents auf den Orient

Das Kopftuch von Musliminnen, dieses schlichte Stück Stoff, ist hoch aufgeladen mit Bedeutung und Emotionen; es symbolisiert je nach Blickwinkel Unterdrückung oder Schutz, Fremdheit oder Zugehörigkeit. Zum Vergleich: Ein Kind, das die Bilder einer verschleierten Nonne und einer verschleierten Muslimin sah und das nach den Unterschieden gefragt wurde, erklärte bündig: Eine der Frauen trägt eine Brille.

Die Berliner Wissenschaftlerinnen Christina von Braun und Bettina Mathes untersuchen in ihrem Buch verschleierte Wirklichkeit nicht nur, was es mit der Verschleierung im Islam auf sich hat. Dieser Tradition stehen westliche Enthüllungswünsche- und forderungen gegenüber, die ihrerseits eine Analyse erfordern. Es geht also um das, was entweder aggressiv als "Kampf der Kulturen" oder zurückhaltend als "transkultureller Austausch" zwischen Orient und Okzident bezeichnet wird. Dabei ist den Autorinnen klar, dass es nicht "den" Orient oder "den" Okzident gibt; sie legen Wert auf die immensen Unterschiede zwischen der Situation von muslimischen Migrantinnen hier und der von Frauen im Iran, die wieder ganz anders ist als die in Ägypten, Somalia oder in der Türkei.

Gleich zu Beginn stellen sie fest, dass gesellschaftspolitische, kulturelle, religiöse Auseinandersetzungen und Widersprüche sich vor allem an der Frage nach der "richtigen" Geschlechterordnung entzünden. Von Braun und Mathes gehen von Erkenntnissen aus, die psychoanalytisch inspiriert sind und die auf eine Kritik am Logozentrismus, dieser Spezialität des Westens, hinauslaufen. Logozentrismus meint die schlichte Zweiteilung der Welt, in der das Eigene konstituiert wird durch Abgrenzung und Abwertung des Anderen.

Was sagen Orient und Okzident übereinander? Der Westen behaupte eine eigene Unvoreingenommenheit, Objektivität und Neutralität, der die Autorinnen skeptisch gegenüberstehen. Daher lesen sie die Aussagen hiesiger Publizisten und Politiker nicht lediglich als Beschreibung des Orients, sondern ebenso als Ausdruck westlicher Wünsche und Ängste hinsichtlich des Anderen und Fremden. Sie verstehen Frauen als die ersten Fremden auch in der abendländischen Kultur: Die Frau im Christentum war beziehungsweise ist eine schlechtere Kopie des Mannes, der Vernunft, Ordnung und Erkenntnis repräsentiert. Dagegen "verkörpert" die Frau Chaos und Irrationalität, sie ist der "dunkle Kontinent", den es zu entdecken und zu domestizieren gilt.

Diese Struktur finden die Autorinnen im Verhältnis des Okzidents zum Orient wieder: Hier der Westen, aufgeklärt, liberal, modern, rational, "männlich"; der Osten wird umgekehrt als weiblich imaginiert, als bedrohlich, rückständig, unreif, irrational. Während Judentum und Islam von einem verborgenen Gott ausgehen, der nicht dargestellt werden darf und radikal vom Menschen getrennt ist, schildert das Christentum die Aufhebung dieser Differenz durch die Menschwerdung ihres Gottes, der im übrigen darstellbar ist.

Die Höherbewertung des Visuellen gegenüber der Oralität prägt später auch die Wissenschaften im Abendland: Aufklärung lässt sich demzufolge als Enthüllung und Entschleierung verstehen. Was sich positiv als Entdeckungslust beschreiben lässt, zeigt seine weniger schöne Seite in der Einseitigkeit des Vorgangs: Die Blickmacht des Abendlandes als die des aktiven (männlichen) Subjekts auf den Orient als das passive (weibliche) Objekt. Dem modernen westlichen Selbstverständnis zufolge wird die Entblößung mittlerweile mit Liberalität und Freiheit gleichgesetzt, sagen die Autorinnen; dabei werde übersehen, dass das krasse Gegenteil vom Schleier, die Nacktheit, keinesfalls per se emanzipiert, geschweige denn "natürlich", frei von Bedeutung und Symbolik ist - die Werbung weiß das und arbeitet entsprechend mit dem nackten Frauenkörper.

Von Braun und Mathes wollen dem Westen einige Illusionen über sich selbst nehmen und zeigen, welche Widersprüche hierzulande bestehen und gern ausgeblendet werden. So wird das Kopftuchverbot völlig unterschiedlich begründet: Einerseits mit der "Neutralität" des Staates, andererseits mit der "christlich geprägten Kultur", in der dann - ein weiteres Paradox - wiederum das Kreuz eine Neutralität zugesprochen bekommt, die kein Christ ernsthaft in Betracht ziehen kann. (Eine weitere bizarre Begebenheit, die die Autorinnen leider nicht erwähnen: 1999 wurden zwei Asylbewerberinnen aus dem Iran gegen ihren Willen verschleiert, um Passfotos herzustellen, die ihre Abschiebung erlauben würden. Ein deutsches Verwaltungsgericht argumentierte seinerzeit, der Kopftuchzwang im Iran sei eine ordnungsrechtliche Angelegenheit und der Schleier mithin keineswegs ein symbolischer Inbegriff muslimischen Glaubens. (SZ, 21.11.2000) An solchen Beispielen wird einmal mehr ersichtlich, wie sehr die Menschenrechte - hier das Recht auf Religionsfreiheit - von der jeweiligen Interessenlage abhängen.)

Die Autorinnen halten dem Okzident seine Einäugigkeit in vieler Hinsicht vor. Es sei wohlfeil, über die zwangsverheiratete Muslimin zu reden und die massenhafte Zwangsprostitution und den Sextourismus des Westens auszublenden. Was die Gleichberechtigung der Frau in Deutschland anlangt, erinnern sie an das Lohngefälle und an häusliche Gewalt. Sie geben zu bedenken, dass viele muslimische Frauen die Entschleierung als Neutralisierung ihrer sexuellen Identität empfinden, und kritisieren an Teilen der deutschen Frauenbewegung, siehe Alice Schwarzer, wie plump hier das Kopftuch zum Symbol der Unterdrückung gemacht werde. Hiesige Frauen delegierten so die eigenen "Defekte" an die muslimische Frau und würden damit selbst Teil einer Majorität.

Der Genitalverstümmelung, die selbstverständlich bekämpft werden müsse, halten die Autorinnen die zweifelhaften Schönheitsoperationen und andere Praktiken der Selbstverletzung entgegen. Spätestens hier wird einem der Gestus des Relativierens, den von Braun und Mathes erklärter Weise nicht beabsichtigen, dann doch zuviel. Sind diejenigen, die sich für Silikon entscheiden, einfach wehrlose Opfer, oder haben sie vielleicht doch eine gewisse Entscheidungsfreiheit, die bei der Beschneidung von Mädchen nicht gegeben ist?

So notwendig es ist, Stereotype aufzudröseln und gegen das neue Feindbild Islam vorzugehen - es reicht nicht aus, schlicht für die multikulturelle, heterogene Gesellschaft zu plädieren. Was würde denn Heterogenität ein - oder dann doch ausschließen? Und so gutgemeint es auch sein mag, speziell in den gebildeten muslimischen Migrantinnen, die das Kopftuch mit Jeans kombinieren, den Ausdruck von Pluralität wahrzunehmen und anzuerkennen, dass Menschen sich aus verschiedenen kulturellen Traditionen zusammensetzen - das Buch weicht insgesamt gesehen zu vielen Problempunkten einfach aus.

Einerseits wird hier eine immense deskriptive Fleißarbeit getrieben, andererseits fehlen bestimmte Akzente. Diese Kulturgeschichte von Okzident und Orient ist im doppeltem Wortsinn erschöpfend. Die Ausführungen zu Kreuz und Schleier, zu Schriftsystemen, Künsten und Wissenschaften, zu Kolonialismus und Postkolonialismus, zu Geld und Prostitution sind oft aufgebauscht und hangeln sich alle entlang der logozentrismuskritischen Hauptthese. Die vielen konkreten Details, die diese These illustrieren, verstellen den Blick auf die, zugegeben, abstrakte Frage nach dem Universalismus oder der Relativität von Humanismus und aufklärerischem Denken.

Interkulturelle Kompetenz meint aber nicht nur Sensibilität und Empathie für "das Andere", sondern auch ein gewisses selbstkritisches Selbstbewusstsein. Muss man sich bei aller nachvollziehbaren Abgrenzung von populistischen, konservativen Positionen die Frage nach dem eigenen Menschenbild aus der Hand schlagen lassen? Die Autorinnen grenzen sich scharf von unwissenschaftlichen, emotionsgeladenen Darstellungen ab, mit denen natürlich oft eine reaktionäre Politik betrieben wird. Ihre eigene Position wird allerdings nicht recht deutlich.

Gesellschaften wollen, wo und wann auch immer, das eigene Leben sichern, dazu werden Ordnungssysteme hergestellt. Man muss von den Autorinnen nicht "den" großen, positiven Gesellschaftsentwurf verlangen. Aber ob und welche Essentials sie für verteidigenswert und erweiterungsbedürftig halten, bleibt vage.

Christina von Braun, Bettina Mathes: Verschleierte Wirklichkeit. Die Frau, der Islam und der Westen. Aufbau, Berlin 2007, 476 S., 30 Abbildungen, 24,95 EUR


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00:00 23.03.2007

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