Nicht ohne meine Kultur

Sprengstoff Mit seiner These vom "Kampf der Kulturen" löste der amerikanische Politologe Samuel Huntington eine weltweite Debatte aus. Nun ist er im Alter von 81 Jahren gestorben.

Politikwissenschaftler, die es mit einem Aufsatz oder einem Buch zu Weltruhm auch außerhalb akademischer Kreise bringen, sind selten – in den letzten fünfzig Jahren gab es ganze zwei: Francis Fukuyama prophezeite im Sommer 1989 noch vor dem Fall der Mauer in der Zeitschrift „The National Interest“ nichts Geringeres als das „Ende der Geschichte“. Vier Jahre später publizierte Samuel P.Huntington in der Politik-Zeitschrift „Foreign Affairs“ einen Aufsatz mit dem Titel „The Clash of Civilizations“, der ihn bekannt machte. Weltweit berühmt wurde er drei Jahre später mit dem 600-seitigen Buch unter dem gleichen Titel. Die deutsche Ausgabe trug den Titel „Kampf der Kulturen“ (1996).

Fukuyama wie Huntington verdanken den Erfolg ihrer beiden Aufsätze und Bücher auch der Renaissance der Geschichtsphilosophie nach 1989. Der Ost-West-Konflikt war zu Ende, und es stellte sich die Frage, wie es weitergehen soll. Huntingtons Antwort beruht auf einer kühnen geschichtsphilosophischen Konstruktion: Nach dem Westfälischen Frieden von 1648 begann die Epoche der Kriege unter Königen. Sie wurde mit der Französischen Revolution von 1789 beendet und ging über in die Epoche der Kriege unter Völkern beziehungsweise Nationalstaaten. Mit der russischen Revolution 1917 schließlich setzte der Krieg zwischen den Ideologien ein, und nach dem Untergang der Sowjetunion begann die noch andauernde Epoche - des Kampfes bzw. des Kriegs der „civilizations“, was man im Deutschen am besten mit „Kulturen“ übersetzt.

Huntington definierte sieben Kulturen: die westlich-christliche Europas und beider Amerikas, die othodox-christliche, die afrikanische, die islamische vom Nahen Osten bis Südasien, die hinduistische in Indien, die japanische und schließlich die konfuzianische in China. Bei der Abgrenzung der Kulturen orientiert sich Huntington an religiösen, aber auch sprachlichen und geographischen Kriterien. Damit eignet den Kulturräumen eine gewisse definitorische Unschärfe und Vagheit, die ihm von vielen Seiten Kritik eintrug.

Der aus Indien stammende Ökonom und Nobelpreisträger Amartya Sem zum Beispiel sah im Konstrukt einer „hinduistischen Kultur“ nicht nur „politischen Sprengstoff“, sondern eine unzulässige Vereinfachung und Vergröberung: Der wunderbare Sitarspieler ist zwar Hindu, aber seine Musik ist so wenig hinduistisch wie die Mozarts österreichisch-ungarisch. Andere Kritiker, wie der Frankfurter Friedensforscher Harald Müller, bestritten Huntingtons Prognose einer bevorstehenden Konfrontation zwischen dem „christlichen Westen“ und einer „islamisch-konfuzianischen“ Koalition mit empirischen Daten: 1996, als Huntingtons Buch erschien, gab es weltweit 27 Gewaltkonflikte. Nur bei neun davon spielten kulturell-religiöse Faktoren eine gewisse Rolle. Bei den meisten Konflikten handelte es sich um Bürgerkriege innerhalb eines Staates oder Regimekriegen, das heißt Kriege um eine Regierungsform.

Trotz solcher Kritik kommt Huntingtons These das Verdienst zu, eine weltweite Debatte ausgelöst zu haben. Im Übrigen ertrug er Kritik mit Fassung: „Wenn ein Gelehrter nichts Neues zu sagen hat, soll er schweigen.“

Der am 18.April 1927 in New York City geborene Huntington war zwar von 1950 an während 58 Jahren Professor für „Internationale Beziehungen“ an der Universität Harvard, aber auch ein einflussreicher politischer Berater. Seinen Rat schätzten alle Regierungen von John F. Kennedy bis George W.Bush. Bei den Wahlen von 2004 wählte er freilich John Kerry, weil er den Irak-Krieg und den „Krieg gegen den Terror“ von Präsident Bush ablehnte. Zeitweise war er der Koordinator des „Nationalen Sicherheitsrates“, einem der wichtigsten Gremien in der amerikanischen Regierung. Neben seiner akademischen Tätigkeit und seinen vielfältigen Beratungsfunktionen schrieb er nicht weniger als 17 Bücher und rund 90 wissenschaftliche Artikel in Fachzeitschriften.

Gefürchtet war Huntington für seinen Sarkasmus. Von Gremien wie dem „Weltwirtschaftsforum Davos“ hielt er gar nichts und sprach abschätzig vom „Davos man“. Der hat „wenig im Sinn mit nationaler Loyalität, betrachtet nationale Grenzen als Hindernisse, die dankenswerterweise verschwinden, und sieht in nationalen Regierungen Überbleibsel aus der Vergangenheit mit der einzig nützlichen Aufgabe, die Machenschaften der globalen Elite zu erleichtern.“ Mit der Nation befasste sich Huntington auch in seinem letzten Buch: „Who Are we? Die Krise der amerikanischen Identität“ (2004). Darin warnte er vor der „Hispanisierung“ der USA und plädierte für eine robuste „Assimilation“ der Spanisch sprechenden Einwanderer aus Südamerika. Am 24. Dezember starb Samuel Huntington auf der Insel Martha’s Vineyard im US-Bundesstaat Massachusetts im Alter von 81 Jahren.



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14:45 02.01.2009

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