Nicht ohne meinen Sohn

Familie Zwei Mal hat ihr Ex das gemeinsame Kind entführt, einmal davon nach Algerien. Doch das Bremer Jugendamt sagt ihr: Der Junge braucht seinen Vater

Eine halbe Seite im Fotoalbum bleibt leer. Oben hält eine junge, pausbäckige Frau mit Stupsnase einen lachenden Säugling auf den Knien. Die untere Hälfte der Seite hat die Frau mit dicken, diagonalen Edding-Strichen schraffiert. „Da dachte ich, ich sehe ihn nie wieder“, sagt Anja M. Auf dem nächsten Bild hat ein junger, lockiger Mann den Säugling auf dem Arm. Im Hintergrund der Eiffelturm. Das Bild ist drei Wochen später entstanden. Ein ganz normales Urlaubsfoto, wie es in unzähligen Familienalben klebt. Dabei ist da die Welt längst aus den Fugen.

Aus Anja M.s Sicht ist dies die Geschichte eines skandalösen Versagens aller möglichen Behörden. Aus Sicht des Jugendamtes ist dies die Geschichte einer Frau, die einen Schuldigen dafür sucht, dass sie mit dem falschen Mann ein Kind bekommen hat. Aus Sicht des Mannes ist dies die Geschichte, wie er es gegen den Widerstand einer Frau geschafft hat, mit seinem Sohn in Kontakt zu bleiben. Das eigentliche Wunder dieser Geschichte ist die Tatsache, dass der Säugling vom Foto ein normaler Teenager geworden ist, der in die neunte Klasse eines Bremer Gymnasiums geht, Playstation spielt, Freunde trifft, und zu Hause anruft, wenn es später wird. Seine Mutter Anja M. hingegen führt kein normales Leben mehr. Ihr wurde eine posttraumatische Belastungsstörung diagnostiziert. Sie leidet unter Depressionen, Muskelentzündungen und Zahnausfall. Wenn Anja M. in der Schule nicht Französisch gelernt hätte, wäre das alles nicht passiert.

Anfang der 90er arbeitet die Arzthelferin Anja M. am Empfang der Notaufnahme in einem Bremer Krankenhaus. Zwei junge Männer tauchen auf, einer hat sich in den Finger geschnitten. Sie stammen aus Algerien, sprechen weder deutsch noch englisch, aber Anja M. kann französisch. Mit dem Begleiter des Verletzten entspinnt sich ein Flirt. Idriss F. führt Anja M. aus, schenkt ihr Rosen, nachts gehen sie baden im Baggersee. Die beiden werden ein Paar, 1994 kommt Lucas zur Welt. Idriss F. sagt: „Jetzt müssen wir heiraten“, aber Anja M. antwortet: „Gar nichts muss ich.“

Wenn Anja M. ihre Geschichte erzählt, ruft sie fast jeden Satz. Sie ruft Tage, Monate und Jahreszahlen, als wäre jedes Datum ein Beweis. Am 29. Mai 1995 kommt sie aus der Gymnastikstunde nach Hause. Das Babybett ist leer. An jenem Tag beginnt ihr Alptraum, aus dem sie bis heute nicht aufgewacht ist, obwohl Lucas nebenan sitzt und Hausaufgaben macht.

Der Mann fordert: Keine Polizei

Die Polizei nimmt den handschriftlichen Brief, der Tage später im Briefkasten liegt, zu den Akten. „Meine Süße“ schreibt Idriss auf französisch. Er könne sich vorstellen, wie sie sich fühle, in der leeren, kalten, dunklen Wohnung, ganz allein. Sie habe es nicht anders verdient. Drei Seiten Beschimpfungen, Drohungen, Kitsch – und Forderungen: Erstens muss sie die Kripo raushalten. Zweitens die Anzeige zurückziehen. Und drittens soll Lucas den Nachnamen seines Vaters annehmen. Dann werde er mit dem Kind zu ihr zurückkehren.

Nach einem Gespräch mit der Kripo geht sie auf die Forderungen ein. Heute versteht sie nicht, warum die Namensänderung wirklich gültig wurde; versteht nicht, warum die Kripo den Fall nicht nur zum Schein, sondern tatsächlich zu den Akten legte. Es sind die ersten Ereignisse einer Reihe, die Anja M. fassungslos machen. Weil sie denkt, dass der Staat mehr hätte mitdenken müssen, während sie selbst unter Schock steht. Vielleicht ist das das grundlegende Missverständnis zwischen Anja M. und den Behörden.

Zwei Wochen später kann sie ihren Sohn in Paris abholen, wo Idriss F.s Schwester lebt. Sie fahren zum Eiffelturm und machen das Foto, das hinter den schwarzen Strichen im Fotoalbum folgt. Auch einen Strampelanzug kaufen sie noch. Dann fahren sie gemeinsam zurück nach Bremen. „Ich bin zu seiner Sklavin geworden“, schreibt Anja M. damals in ihr Tagebuch. „Dieser Mann hat mich in der Hand. Bin ich die Frau aus dem Film Nicht ohne meine Tochter“? Mehrere Monate leben sie zusammen, als ob nichts gewesen wäre. Anja M. sagt heute: „Ich war seine Geisel.“ Dann zieht Idriss F. aus, und das Jugendamt ruft an. Die junge Mutter schöpft Hoffnung. „Ich hab gedacht, dass die mir helfen würden!“, ruft sie. Die Mitarbeiterin aber will wissen, ob Lucas seinen Vater regelmäßig sieht. Als Anja M. ihren Sohn zum ersten Mal bei ihm abgeben muss, habe sie Idriss F. angefleht: „Nimm ihn mir nicht weg.“ In ihrer Erinnerung antwortet Idriss F.: „Was würdest du denn machen, wenn ich wieder mit ihm abhaue?“ Das Jugendamt schreibt zur gleichen Zeit: „Die Eltern haben inzwischen die Fähigkeit erworben, sich zum Wohle ihres gemeinsamen Sohnes zu verständigen, Lösungen zu erarbeiten und sich in ihrer Vater- und Mutterrolle zu akzeptieren.“

Während der folgenden Jahre wendet sich Anja M. immer wieder ans Jugendamt: Der Vater rieche nach Alkohol, wenn er Lucas abhole; er rauche im Kinderzimmer; er ziehe das Kleinkind zu leicht an. Sie tippt SMS ab, die Idriss F. ihr schickt: „Ich will dich auf Knien“. Oder: „Aus Schmerzen wird Wut und aus Hass wird Rache“. Oder: „Wer am letzten lacht, lacht am besten“. Anja M. ruft: „Ich hatte die ganze Zeit Angst!“ Als Idriss Ostern 2000 zu einem gemeinsamen Algerien-Urlaub drängt, habe die Jugendamts-Mitarbeiterin nur gesagt: „Oh, Frau M., das ist ja toll! Wissen Sie, wie schön warm es da jetzt schon ist?“

Die Botschaft ist machtlos

Solche Sachen kann Anja M. stundenlang erzählen, kleine Vorwürfe stehen gleichberechtigt neben großen. Im Nachhinein läuft für sie alles schnurstracks auf die zweite Entführung im Jahr 2006 zu, und deshalb ist alles wichtig. Als sie Lucas von einem Besuchswochenende bei Idriss abholen will, ist die Wohnung dunkel, das Handy aus. Vater und Sohn sind verschwunden. Die Mutter sucht Zuflucht in einer psychiatrischen Tagesklinik. Lucas chattet unterdessen aus Algerien mit einem Schulfreund; später dann auch mit Anja M. Sie hat diesen Chat-Verkehr ausgedruckt und abgeheftet. „Wieso kann ich nicht nach Hause?“, fragt Lucas seine Mutter. „Ich wünsche mir nichts sehnlicher als das“, antwortet sie. „Du musst Papa sagen, dass du nach Hause willst!“ Und der Schulfreund schreibt: „Wir wollen mit dir Fußball spielen“.

Anja M. versucht das, was man gemeinhin „Himmel und Hölle in Bewegung setzen“ nennt. Aber Himmel und Hölle lassen sich nicht in Bewegung setzen. Die deutsche Regierung ist in derartigen Fällen machtlos. Algerien hat das so genannte „Haager Übereinkommen“ nicht unterzeichnet, ein Abkommen, das die Rückführung von Kindern zum sorgeberechtigten Elternteil regelt. Aus juristischer Sicht ist es logisch: In Algerien gilt algerisches Recht; laut dem liegt das Sorgerecht grundsätzlich beim Vater; wie sollen deutsche Behörden in Algerien deutsches Recht durchsetzen? Aus Sicht der Mutter ist es Wahnsinn: Ihr Kind, ein deutscher Staatsbürger, für den sie das alleinige Sorgerecht hat, wird entführt und keiner hilft. Die deutsche Botschaft rät, „eine gütliche Einigung anzustreben“. Erfahrungsgemäß führe kein anderer Weg zum Erfolg. Idriss schreibt per SMS: „Übermorgen wird Lucas beschnitten. Du bekommst später ein Video davon.“

„Warum sollte ich das nicht tun“, sagt Idriss F. heute. „Unsere Religion gebietet das. Das ist hygienisch.“ Er arbeitet als Koch in Oldenburg. In seiner Version der Geschichte sind die beiden Entführungen Notwehr. Anja M. habe ihn von seinem Sohn trennen wollen. Er habe sich von seiner vorigen Frau extra scheiden lassen, um sie zu heiraten, aber dann habe sie doch auf ihre Eltern gehört, die gegen die Beziehung mit einem Ausländer gewesen seien. Anja M. sei psychisch krank. Sie sagt, dass ihr Martyrium sie verrückt gemacht habe. Idriss F. sagt, sie sei schon früher so gewesen.

"Sie lieben doch Ihren Sohn"

Eine Klassenkameradin von Lucas ist die Tochter von Willi Lemke, dem ehemaligen Werder Bremen-Manager und Ex-Bildungssenator der Stadt. Er soll helfen. Lemke fliegt auf eigene Faust nach Algier. „Sie lieben doch ihren Sohn“, sagt er zu Idriss F. Und dass er ihm nicht die Zukunft ruinieren solle. Heute sagt Idriss F., er habe von Anfang an vorgehabt, Lucas nach sechs Monaten zurück zu bringen. „Ich selber habe Algerien verlassen, um eine bessere Zukunft zu haben. Warum sollte ich das meinem Sohn nicht wünschen?“ Die Reise sei die Rache dafür gewesen, dass auch er zuvor Lucas sechs Monate nicht habe sehen dürfen. Aber wie muss das für sein Kind gewesen sein? „Er hat einen richtig schönen Urlaub gehabt. Aber er hatte auch Angst, dass er nie wieder nach Deutschland kommt. Deshalb habe ich ihm jeden Wunsch erfüllt. Er war so verwöhnt wie noch nie.“ Anja M. klebt währenddessen ein neues Foto ins Album: Eine Torte mit einer großen Zwölf. „Lucas Geburtstag ohne Lucas“ steht darüber.

Anfang September steigt Willi Lemke in Begleitung von Lucas und Idriss F. aus dem Flugzeug. Am Gate wartet die Schulklasse mit einem selbst gemalten Willkommensplakat. Lucas ist braungebrannt und trägt ein Werder-Trikot. Die Fotos stehen wenige Tage später auf der Titelseite der Bild, unter der Schlagzeile: „Politiker Willi Lemke befreit entführten Jungen“. Anja M. ruft, dass Lemke damals gerne Bürgermeister geworden wäre, und bei Kerner seine Heldengeschichte erzählen durfte, während sie und Lucas nur im Publikum saßen. Aber ist das nicht egal, ist nicht das Wichtigste, dass Lucas zurück ist? „Natürlich“, ruft Anja M., „ich bin ihm unendlich dankbar“, aber wütend ist sie trotzdem. Sie kämpft an so vielen Fronten, dass ihre Wut sich mittlerweile ausnahmslos auf alle Beteiligten erstreckt.

Heimliche Treffen

Die Geschichte ist mit Lucas Rückkehr nicht vorbei. Vielleicht geht die Geschichte für Anja M. nie vorbei. Nach ein paar Wochen meldet sich das Jugendamt: Wie es mit dem Umgang aussehe? Immerhin wird diesmal „begleiteter Umgang“ angeordnet, in einem Väter-Treff unter Aufsicht. Aber irgendwann kommt Lucas samstags mit einer neuen Playstation nach Hause. Ein Geschenk seines Vaters, mit dem er sich heimlich und alleine getroffen hat. Der Nervenzusammenbruch ist für Anja M. der Normalzustand geworden. Sie beginnt den nächsten Kampf und verklagt die Stadt Bremen. Für sie ist das Jugendamt Idriss F.s Komplize. Weil es ihre Warnungen nicht ernst genommen, ihre Hilferufe zu den Akten gelegt, weil es dem Vater immer wieder Umgang bewilligt hat.

Kein Mensch kann daran zweifeln, dass Anja M. Schmerzen erlitten hat. Sie ist bis in unbestimmte Zukunft krank geschrieben. Kein Mensch kann leugnen, dass sie Unglück erlebt hat. Aber ist ihr auch Unrecht widerfahren; lässt sich den Bremer Behörden juristisch relevantes Versagen nachweisen? Zwei Gerichtsinstanzen haben diese Frage mit nein beantwortet. Mehr will man beim Jugendamt zu der Sache nicht sagen.

Willi Lemke sagt, dass er als Senator damals oberster Behördenvorsteher war. Und er habe sich in dem Fall ja nun wirklich reingehängt. Außerdem sei es eine absolute Ausnahme, wenn Kinder überhaupt aus Nordafrika zurückgeholt werden könnten. So betrachtet, hatte Anja M. Glück. Aber sie betrachtet das nicht so. Sie schreibt jetzt Briefe ans Bundesverfassungsgericht. „Ich muss damit endlich abschließen!“, ruft sie. Aber warum macht sie dann immer weiter? Für einen Moment sammelt sie sich, überlegt, und sagt einen ruhigen Satz. Sie sagt: „Ich will die Genugtuung, dass endlich jemand sagt: Meine Güte, was hat die Frau durchgemacht.“

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09:00 10.04.2010

Ausgabe 43/2021

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