Nicht ohne seinen Glauben

Porträt Muhsin Hendricks ist Imam und lebt offen homosexuell. In Kapstadt leitet er heute eine eigene Gemeinde. Dafür musste er lange kämpfen

Zehn Tage sind es noch bis zu seiner Hochzeit, als Muhsin Hendricks auf einer Parkbank in Kapstadt Platz nimmt. Die bevorstehende Verabredung mit seiner Verlobten macht dem angehenden Imam Angst. Hendricks hat sie hierher gebeten, um ihr zu gestehen, dass er sie nicht heiraten will. Als sie sich neben ihn setzt, nimmt er all seinen Mut zusammen und offenbart ihr, dass er schwul ist. „Falls du die Hochzeit absagen willst, gehe ich wieder zurück nach Pakistan“, sagt Hendricks, der dort gerade sein Theologie-Studium abgeschlossen hat. Erst ist die junge Frau sauer, aber nach ein paar Tagen beruhigt sie sich. Sie sieht weiter eine gemeinsame Zukunft. „Wir werden das schon irgendwie regeln“, sagt sie. Die beiden entschließen sich, die Ehe einzugehen: sie aus Liebe und aus der Hoffnung heraus, ihn ändern zu können – er, weil er sich in seinem Umfeld unter Druck fühlt, heterosexuell zu leben.

Die Ehe scheitert. Heute hat Hendricks die damaligen Erwartungen hinter sich gelassen. Er wirkt fröhlich, unbeschwert und stört sich nicht an Wind und Regen, die ihn in Hamburg begrüßen. In Südafrika ist gerade Sommer. Hendricks lacht der deutschen Kälte ins Gesicht, als er die Tür zu dem Kino öffnet, in dem er seinen Dokumentarfilm Fitrah über queeres muslimisches Leben zeigt.

Spott von Gleichaltrigen

Er nimmt Platz auf einem roten Sofa. Wie alt er sei? „48. Aber ist das denn auch für die Öffentlichkeit bestimmt?“, antwortet er mit einem glucksenden Kichern. Er sei glücklich mit seinem Alter. Wenngleich sein Weg, als schwuler Imam unbeschwert leben und seinen Glauben praktizieren zu können, ein steiniger war. Hendricks wurde in Kapstadt als Sohn eines Imams und einer Koranlehrerin geboren. Der Vater verlässt die Familie kurz nach der Geburt. Die Mutter zieht ihren Sohn, der einmal der erste öffentlich schwul lebende Imam sein wird, mit seinen acht Geschwistern auf.

Als Kind bringt Hendricks sich selbst das Nähen bei. Von gleichaltrigen Jungs wird der dafür verspottet. „Die Gesellschaft hat ihre eigene Art, mitzuteilen, dass man anders ist.“ Er interessiert sich für weiblich konnotierte Hobbys, spürt den sozialen Druck und seinen Widerwillen, normativen Männlichkeitsvorstellungen gerecht werden zu sollen.

Außer Hendricks gibt es heute weltweit zwei weitere Imame, die sich öffentlich als homosexuell bekennen. Hendricks ist daher ein gefragter Interviewpartner. Mit Fremden über seine eigene Geschichte zu sprechen ist für ihn Routine. Als er zwölf Jahre alt ist, leidet seine Mutter unter einer Herzkrankheit. Da sie den Koranunterricht für ihre Schülerinnen und Schüler nicht fortführen kann, beginnt Hendricks selbst zu unterrichten. Kurz darauf kommt er in die Pubertät, realisiert, dass er sich zu Frauen nicht hingezogen fühlt. Die Vermutung, „anders“ zu sein, die er schon länger kennt, wird zur Gewissheit. Er ist verwirrt. Weder hat er im Koran davon gelesen noch in der Moschee davon gehört, dass es in Ordnung sei, das eigene Geschlecht zu begehren. Offen homosexuell zu leben ist für ihn deshalb zunächst undenkbar.

Als Konsequenz entschließt er sich, seine sexuelle Orientierung zugunsten der Spiritualität nicht zu leben. Er tritt in die Fußstapfen seines Vaters und absolviert eine klassische religiöse Ausbildung. Mit 21 zieht er nach Pakistan, um an der Universität Karatschi Theologie, islamisches Recht und Arabisch zu studieren. Nach seiner Rückkehr heiratet er. Nur diejenigen, die er zum engsten Freundeskreis zählt, wissen um seine eigentliche Identität. Dass er sich trotzdem auf die Ehe einließ, findet er heute „naiv“. Mit Liebe habe der Schritt nichts zu tun gehabt, sondern mit dem Erfüllen von Erwartungen. „Ich war im heiratsfähigen Alter und musste das Richtige tun, nämlich meiner Familie gerecht werden.“ Spricht er über seine Zeit als heterosexueller Ehemann, sprudeln Wörter wie „müssen“, „Pflicht“ und „Stress“ aus seinem Mund. Fast wäre er depressiv geworden.

Seine Sicht darauf, was ein guter Muslim ist, ändert sich während der Ehe. Er beginnt, Gottes Willen darin zu sehen, „authentisch und in Frieden mit mir selbst, meinem Körper und meiner Seele zu sein“. Sechs Jahre ist er verheiratet, das Paar bekommt drei Kinder. Bevor das Leben gegen sein inneres Ich ihn erstickt, zieht er aber die Notbremse und trennt sich.

Zu diesem Zeitpunkt arbeitet er bereits seit 17 Jahren für seine Religion, er gibt an drei Koranschulen Unterricht. Dann wendet er sich an die Tageszeitung Cape Argus, erzählt von seiner sexuellen Orientierung. Danach überschlagen sich die Ereignisse: Kurz darauf feuert ihn die erste Koranschule, zu den beiden anderen geht er gar nicht erst mehr hin, um ihnen nicht die Genugtuung der Kündigung zu überlassen. Hendricks hatte sich als Assistenz-Imam einen guten Ruf erarbeitet, trotzdem kostet das Coming-out ihn seinen Job.

Die Angst der Mutter

Seine Mutter wird ohnmächtig, als er ihr erzählt, dass er schwul ist. Angst hat sie aber weniger um den eigenen Sohn als davor, dessen Homosexualität ihrer Gemeinde zu erklären. „Als Tochter eines Imams unterrichtete sie Frauen in der Koranschule und bereitete sie auf den Hadsch vor. Außerdem war sie für die Waschungen der Toten unserer Gemeinde verantwortlich.“ Glaubt er, dass er mehr Diskriminierung erfahren hätte, käme er nicht aus einer privilegierten Familie? „Die Leute aus der Gemeinde scheuten sich etwas davor, Fragen zu stellen. Schließlich müssen wir als Teil der Gelehrtenfamilie wissen, was wir tun. Sie haben sich eher gefragt, wie ein so guter Muslim solche unislamischen Entscheidungen fällen konnte.“ Ihm war bewusst, dass sein Coming-out auch bedeutete, dass er seine Kinder verlassen musste. Aber das Bedürfnis, mit sich selbst im Reinen zu sein, war stärker als die Angst davor.

Dass er trotz seiner Offenheit aus seiner Gemeinde Unterstützung erfährt, überrascht ihn: „Vor allem Eltern, die merkten, dass sie homosexuelle Kinder hatten, und Ehefrauen, deren Männer schwul waren, standen mir bei“, erzählt er. Auch einige Imame sprachen ihm im Verborgenen ihre Unterstützung aus, taten dies aber aus Angst vor Konsequenzen nicht öffentlich.

Mithilfe der eigenen Spiritualität einen Lebensunterhalt bestreiten zu können steht nach dem Coming-out nicht mehr zur Debatte. Hendricks lässt Kinder, Koranarbeit und Kapstadt hinter sich. In Johannesburg nimmt er sein Kindheitshobby wieder auf: Als Modedesigner näht er nun Hochzeits- und Ballkleider, verkauft diese in einer Boutique, die er mit einem Freund betreibt. Nebenbei sucht er im Koran weiter nach einem theologischen Fundament seiner Identität. Sechs Jahre lang studiert er die Überlieferungen des Propheten, bis er mit 35 das Modegeschäft an den Nagel hängt. Dank einer NGO, die LGBTI-Arbeit in Südafrika unterstützt, kann er von nun an als Vollzeitaktivist arbeiten.

Er zieht zurück nach Kapstadt, gründet eine liberale Gemeinde, die Menschen muslimischen Glaubens dabei unterstützt, ihre Geschlechts- und Sexualidentität zu leben und ihre Religion zu praktizieren. In seine Moschee kommen Schwule, Lesben, Transgender, Intersexuelle und Menschen, die sich keinem Geschlecht zuordnen wollen. Auch Feministinnen und heterosexuelle Männer, die sich mit konservativer Religiosität nicht anfreunden können, besuchen sie. Hendricks pflegt internationale Kooperationen mit islamischen Organisationen und bietet Workshops zu sexueller Vielfalt aus theologischer Perspektive an. 2013 dreht er seinen Film, um queeren Muslimen auch so zu vermitteln, dass sie ein Recht auf Religiosität haben.

Die Kraft für seine Arbeit holt Hendricks sich in der Zeit, die er mit seinem neuen Partner und dem gemeinsamen Sohn Mukti verbringt. Sein jüngstes Kind wird als biologischer Sohn seines Partners und einer Leihmutter geboren. Mukti wird auch nach seiner Geburt von der Leihmutter beim Heranwachsen begleitet. Das Verhältnis zu seinen Kindern aus der früheren Ehe beschreibt er als sehr liebevoll. Nachdem die Kinder aufgrund der Homosexualität ihres Vaters auch Diskriminierung erfahren haben, ist die Beziehung zwischen ihnen und ihrem Vater enger geworden.

Von seinen Schwestern wurde Hendricks stets akzeptiert, die Brüder dagegen bereiteten ihm schlaflose Nächte. Im gemeinsamen Urlaub offenbarte er ihnen vor kurzem seine Gedanken: „Was, wenn ich sterbe und nicht auf dem Familienfriedhof beerdigt werden kann?“ Die Brüder entgegneten: „Dann verteidigen wir dich!“ Wenn er davon erzählt, lächelt er, kneift die Augen zusammen und atmet tief ein und aus.

06:00 13.01.2016

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