Nicht schießen auf Verwandte in Thüringen

Wehrbeauftragter war Wehrdienstverweigerer Inzwischen will Reinhold Robbe (SPD) einen "positiven Patriotismus" und bei Auslandseinsätzen persönlich dabei sein

Einfälle hat der Ostfriese, den der Bundestag jüngst zum Wehrbeauftragten gewählt hat - Einfälle, die macht ihm keiner nach. Als Reinhold Robbe jüngst den Bundespräsidenten nach Israel begleitete, da verlautbarte er, Horst Köhlers "menschliche und verbindliche Art" habe in Israel nicht nur für eine "unheimliche Akzeptanz des neuen Bundespräsidenten gesorgt". Köhler habe es auch geschafft, deutlich zu machen, "dass die Gefahr der Neonazis keine Gefahr" sei, "wie sie hier in Israel wahrgenommen" werde.

Aber das ist gar nichts. Bei einem früheren Besuch als Begleiter von Verteidigungsminister Peter Struck machte Robbe sich daran, den israelischen Wehrminister Schaul Mofaz neu einzukleiden. Er stürmte ungebeten ans Rednerpult und versuchte dem Minister einen Gebetsschal in militäroliv umzuhängen und eine Kipa aus bundeswehrtypischem Fleckentarnstoff aufs Haupt zu stülpen. Der verstörte Minister ließ Robbes Zeug am Rednerpult liegen und machte sich eiligst davon, zu Struck an den Tisch.

Aber das ist immer noch nichts. Im Jahr davor hatte Reinhold Robbe die Idee, die NATO müsse zum "Friedenseinsatz" nach Israel und dabei solle über eine "Rolle der Bundeswehr nachgedacht" werden. Deutsche Soldaten schaffen Frieden bei den Juden in Israel.

Und damit das einmal ganz klar wird: Martin Walser nach seinem Bestseller über den bekannten jüdischen Kritiker "Antisemitismus" vorzuwerfen, ist "absurd", meinte Robbe und verteidigte damit das aus diesem Anlass unter "erhöhten Sicherheitsvorkehrungen" demonstrativ angesetzte Gespräch des Bundeskanzlers mit dem Dichter über "Nation, Patriotismus und demokratische Kultur". So umstritten Walser sei, "so richtig ist es, sich mit ihm an einen Tisch zu setzen", sagte Robbe damals der Welt. Viel gefährlicher sei es, einen Menschen wie Walser "mit seinen Thesen allein zu lassen". Ganz allein. In Deutschland.

Dass ein Mensch wie Robbe Vizepräsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft werden konnte und bis heute geblieben ist, dagegen wollen sich die Juden in diesem Verein wohl nicht mehr wehren. So wenig wie sich die Freunde einer Verteidigung der Bundesrepublik vor zwei Jahren davor schützen konnten, dass Robbe Vorsitzender des Verteidigungsausschusses des Bundestages wurde und gleich sehr bizarre Ideen vertrat. "Unsere Soldaten brauchen den optimalen Schutz", erläuterte er damals der Welt am Sonntag. Nicht die Bundeswehr solle die deutsche Bevölkerung schützen und verteidigen, sondern die deutsche Bevölkerung die Bundeswehr. Darum sei ein "besonderes Augenmerk" zu legen auf "Ausstattung und Neuanschaffungen für die Bundeswehr".

Robbe ist Schatzmeister des "Seeheimer Kreises" der SPD und somit auch für die Entgegennahme von Spendengeldern der Rüstungsindustrie zuständig. Er will - das trifft sich - "sehr viel Überzeugungsarbeit" leisten, damit die Bundeswehr das "zur Aufgabenerfüllung Notwendige zur Verfügung hat" und vom "internationalen Technologiefortschritt profitieren" kann, "auch wenn das Mehrausgaben kostet".

Und dazu bat sich Reinhold Robbe von uns am vergangenen Sonntag im Gespräch mit dem Deutschlandfunk einen - was immer das auch sei - "positiven Patriotismus" aus. Denn die Armee, die laut Grundgesetz, einmal dazu da war, uns zu verteidigen, sich jetzt aber weltweit verstreut hat, die befindet sich - so der Wehrbeauftragte am Sonntag - mitten in einem "Prozess, der die Bundeswehr umbilden, umwandeln soll von einer reinen Armee der Landesverteidigung zu einer Einsatzarmee." Mehr noch: sein eigenes "Hauptanliegen wird sein, bei den Auslandseinsätzen persönlich präsent zu sein".

Denn ein kleines Problem hat Reinhold Robbe unvermutet elegant gelöst. Er war eigentlich einmal ein Wehrdienstverweigerer. Am Tag, bevor er in der zurückliegenden Woche mit einer bis in die Opposition reichenden Mehrheit zum Wehrbeauftragten gewählt wurde, erläuterte Robbe wiederum der Welt, warum er das war und weshalb er das heute nicht mehr sein würde: "Als junger Mensch habe ich den Kriegsdienst verweigert, weil mir niemand die Frage vernünftig beantworten konnte, weshalb ich im Kriegsfall auf meine Verwandten in Thüringen und Sachsen schießen müsse." Inzwischen hätten sich seine "Positionen weiterentwickelt und verändert". Robbe: "Heute hätte ich keine Probleme mehr damit, in der Bundeswehr zu dienen."

Was er jetzt mit seinen Verwandten in Sachsen und Thüringen macht, hat er nicht mehr zu erläutern, die müssen jetzt selber mit dem Bundeswehrkarabiner hantieren. Deutsche schießen nur noch auf fremdes Blut, da müssen sie sich keinen Gewissensnöten mehr aussetzen.


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00:00 22.04.2005

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