Nicht selten skandalös

Geschichte Helmut Ortner zeigt noch einmal klar auf, wie man als NS-Täter in der BRD auf Milde hoffen konnte

Helmut Ortner, dem wir ein vorzügliches Buch über die US-amerikanischen Anarchisten Sacco und Vanzetti verdanken und der einer der Ersten war, der auf den Hitler-Attentäter Georg Elser verwies, hat ein weiteres Buch vorgelegt, dem man ein großes Publikum wünscht und das vor allem Schüler der höheren Jahrgänge und Studenten lesen sollten. Es handelt von der düstersten Seite der Bundesrepublik Deutschland in ihren Anfängen. Sehr viele Nationalsozialisten konnten in dem eben nicht so ganz neuen Staat ihre Karrieren fortsetzen, nicht mehr so schmutzig wie bisher, aber doch weitgehend ungestört. Es waren darunter auch Leute, die verbrecherisch gehandelt hatten. Die Justiz verhielt sich ihnen gegenüber zurückhaltend, nicht selten auch skandalös. Es wurde kräftig gelogen und geschwiegen.

Helmut Ortner stellt sehr unterschiedliche Figuren in seinen sorgfältig formulierten Dossiers vor. Da ist der frühere KZ-Wachmann Reinhold Hanning, der erst im Juni 2016 wegen in Auschwitz geleisteter Beihilfe zum Mord in mindestens 170.000 Fällen zu fünf Jahren Haft verurteilt wurde. Das Urteil erging mit 70 Jahren Verspätung. Hanning ist jetzt 94 Jahre alt. „In der Adenauer-Republik“, schreibt Ortner, „standen vom ersten Tag an die Zeichen auf Amnestie und Integration der Täter.“ Auch der allenthalben respektierte SPD-Politiker Fritz Erler sprach im deutschen Bundestag von „Nazi-Riecherei“, mit der Schluss sein soll.

Man hatte es längst getan. Helmut Ortner zitiert auch den Frankfurter Generalstaatsanwalt Fritz Bauer, der den großen Auschwitz-Prozess 1963 zustande brachte, mit den irritierenden Worten: „Wenn ich mein Büro verlasse, betrete ich feindliches Ausland. Der Auschwitz-Prozess erregte größtes Aufsehen, man kann aber auch sagen, er blieb zunächst ein Zwischenfall ohne Folgen.“

Ein anderes Dossier befasst sich mit dem Marburger Jura-Professor Erich Schwinge, der vor 1945 als Kriegsrichter übel gewirkt hatte und nur deshalb mit dieser Vergangenheit bekannt wurde, weil ein Privatmann, der dem Tod seines Bruders nachforschte, den verdeckten Spuren des angesehenen Gelehrten unermüdlich nachging. Schwinge hatte die Chuzpe besessen, 1977 ein Buch Die deutsche Militärjustiz in der Zeit des Nationalsozialismus herauszubringen, das rasch zum Standardwerk wurde. An diesem Buch stimmt nichts. Schwer zu fassen: Als der Autor 1973 in Marburg von seinen Kollegen mit einer Festschrift geehrt wurde, galt die Universität als Hochburg der Linken, als Kaderschmiede der DKP.

Roland Freisler, der geifernde Chef des Volksgerichtshofs, war gegen Ende des Kriegs bei einem Bombenangriff ums Leben gekommen. In der Bundesrepublik kämpfte seine Witwe juristisch um Entschädigungs- und Rentenansprüche. Das furchtbare Wirken Freislers führt Ortner dem Leser mit Schicksalen vor Augen, die auf einfacherer Ebene angesiedelt sind als die Verfahren gegen die Verschwörer vom 20. Juli 1944, aber um nichts weniger entsetzlich. Der Kampf der Witwe stieß auf etliche Sympathie in der Öffentlichkeit.

Helmut Ortner holt gelegentlich weit aus. Auch der Fall von Konrad Adenauers Staatssekretär Globke wird aufgerufen. Das ist fast unvermeidbar. Andere Dossiers geben konzentriert wieder, was Helmut Ortner schon in eigenen Büchern ausgebreitet hat. Das alles raubt einem das gute Gewissen als Bürger dieses Staats. Dennoch ist der Titel des Buchs ein Ärgernis. Gnadenlos deutsch zielt auf eine Kollektivverurteilung. Das Buch hätte das nicht nötig gehabt.

Info

Gnadenlos deutsch: Fünf Dossiers Helmut Ortner Nomen 2016, 152 S., 14,90 €

06:00 07.12.2016

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