Nicht viel Zeit für Gefühle

Medientagebuch In der neuen Psycho-Show im ZDF berichten Menschen von dem, was sie schlaflos macht

Eigentlich ist um diese Zeit Geisterstunde, beim ZDF sind sie nun Schlaflos um Mitternacht: die Moderatorin, die Gäste, der Psychotherapeut und die Redaktion Kirche und Leben ev., die sich das Ganze hat einfallen lassen.

Die Ansprüche: "Ein Abenteuer!" verspricht die Moderatorin, "gespannt" erwartet sie "interaktives Fernsehen, neue Erlebnisse, neue Wege, neue Erfahrungen". Es soll um "Auswege aus einer aktuellen Krise" gehen, um "ganz alltägliche Menschen, in denen sich der Zuschauer mit all dem, was ihn umtreibt, wieder erkennt." Kurz: um Psycho-Service, oder anders: um Werbung für die von der Gesundheitsreform gebeutelten Psychotherapeuten. Denn, so der Therapeut in der Pressevorschau, Schlaflos biete "die Chance, Menschen konkret nahe zu bringen, was Therapie bedeuten könnte und wann sie sinnvoll ist." Das reize ihn schon sehr. Eine Sendung "dicht an der Fieberschwelle unserer Gesellschaft", eine "große Herausforderung". Klar, wenn man sich vornimmt, die kriselnden Probanden, die Zuschauer und - mutmaßlich - die Quotenorientierten ProgrammmacherInnen "glücklich und sorglos" zu machen. Live! Um diese Zeit!

Die Kulisse: Ein Trailer muss sein, irgendwie bewegt, Clip-mäßig rasant. Hin- und hereilende Schattenfiguren à la: Sinn, verzweifelt gesucht. Die Studiokulisse ist in Rot getaucht, "warmes Licht", wobei der erprobte Psychokunde sofort assoziiert: Gebärmutter-Höhle. Aber zum Kuscheln passt das Ambiente dann doch nicht, zu sperrig möbliert. Unmotivierte Stellwände, vor denen sich Therapeut und KlientIn auf Sesselchen gegenüber sitzen, zwischen sich ein Tischchen, damit der Therapeut, wenn er seinen Oberkörper bedrohlich oft vorbeugt, nicht auf seine Gesprächspartnerin kippt. Distanz bitte! Irritation beim Zuschauen angesichts des Graffiti dahinter: "!BLEIB!"

Die Moderatorin: Der erste Eindruck ist der beste. Angela Elis macht eine gute Figur, sprichwörtlich und im übertragenen Sinn. Und das um Mitternacht! Erstaunlich. Sie ist die Klammer, die den Psycho-Talk zusammenhält. Kurz und bündig führt sie ins Thema "Kaufrausch" ein, stellt "die Gäste Bettina, Monika und Jürgen" und den "Professor für Klinische Psychologie" vor, bringt sich und die Ratschläge der Zuschauer unprätentiös ins Gespräch ein, fragt nach, ist am Gegenüber interessiert, nimmt sich zurück, wirkt zwanglos und stellt solch nahe liegende, aber in ähnlichen Sendungen ignorierte Fragen wie: "Mit welchen Erwartungen sind Sie in die Sendung gekommen?"! Da verzeiht man ihr leicht die "lieben" Zuschauer und die Versprechen, dass alles "neu" erlebt, erfahren und gegangen werden wird. Anfangsschmäh unter den Heißstrahlern der Nacht, der sich alsbald in professionelle Moderationsqualität verwandelt.

Die Gäste: Sie haben Probleme und erhoffen sich Hilfe. Und sie haben selbstverständlich einen Internet-Zugang, über den sie sich bei der Redaktion beworben haben. Ohne den wären sie nämlich nie ins Studio gekommen. So modern ist das ZDF. Bettina (nur die Vornamen, auch wenn sich im Massenmedium Fernsehen Anonymität von selbst erledigt) kann an keinem Geschäft vorbeigehen, ohne etwas zu kaufen. Folgen: Offenbarungseid, Schuldenberg, soziale Isolation. Monika ist dem Teleshopping verfallen und will wissen, ob es noch andere Lösungen für ihren Kaufrausch gibt als die, den Fernseher abzuschalten. Jürgen ist "bereits trocken" und spricht vom kontrollierten Konsumverhalten. Dafür wird er als "Mann der Tat" gelobt. Alte Psychologen-Weisheiten stehen im Raum: Mann ist Mann, und die "kaufsüchtigen" Frauen suchen "Ersatzbefriedigung". Als könnte man nicht schon wissen, was die drei auch schon geahnt haben. Sie sind einsam und allein. Der Schuldenberg, der Schmuckhaufen, die Designerklamotten - alles nur Ersatz, für die berufstätige Herausforderung, für den fehlenden Mann im Bett, für die fehlenden Sozialkontakte. Kurze Filme zeigen jeweils etwas Privatleben der drei, "zum besseren Verständnis". Die Machart und die Lösungsvorschläge: wie gehabt. Man sieht nichts Negatives, man hört pragmatische und allgemein gültige Ratschläge. Im Schnelldurchgang, weil innerhalb von 45 Minuten für drei Probanden inklusive Einspielfilmen und Moderation nicht viel Zeit bleibt für "Gefühle" und zum "Nachspüren" und In-sich-hineinhorchen. Klar, Bettina, Monika und Jürgen sind Menschen wie du und ich - eigentlich - und dementsprechend normal, aber auch "gecastet", also: getestet worden, ob sie überhaupt Kameratauglich sind. Man kennt sich also schon, man duzt sich. Trotzdem ist zwischen den "Gästen" und der Moderatorin nichts Anbiederndes, nichts Verstelltes oder Auswendiggelerntes. Sie erweisen sich als kompetent in eigener Sache und souverän gegenüber dem "Fachmann", dem Herrn Professor für Klinische Psychologie und Psychotherapeuten Dirk Revenstorf. Der hat´s nötig.

Der Therapeut: Provoziert, feuert an, fischt in seinen Lehrsätzen herum, zieht - im übertragenen Sinn - mal dies und mal das Kaninchen aus dem Hut, will verunsichern, stellt Suggestivfragen und hat natürlich die "Lösungen" parat, auf die die Betroffenen schon selbst gekommen sind, versucht sich in Witzchen und Geschichtchen und setzt allzu oft ein süffisantes Lächeln auf. Vor allem aber redet er sein Gegenüber in Grund und Boden, als müsse er sich ununterbrochen beweisen, dass ER Bescheid weiß. Ratschläge sind eben oft auch Schläge. Seine therapeutischen Ansätze ergießen sich in besserwisserische Monologe. Augenfällig bleibt jedoch seine Körpersprache (bedrohlich durch den vorgebeugten Oberkörper und die geballte Faust, ständiges Knibbeln und Kneten der Finger der rechten Hand, wilde Gestik und verspannte Mimik), die einen verklemmten, offenbar völlig verunsicherten Mann verrät. Der arme Herr Revenstorf. Fazit: Die Empfehlung, auf die Schnelle - Jürgen könnte doch mit Monika, damit Monika nachts nicht mehr so frieren muss und Jürgen sich dann um jemanden kümmern könnte, und zusammen mit Bettina machen alle drei "den Club der Kaufrauschsüchtigen auf". Ja, ihr netten Normalbürger, und dann nehmt ihr den Professor in eure Mitte und redet ihm gut zu, damit er "seine Begrenzung wahrnimmt und seine Ressourcen in den Blickwinkel" bekommt. Um wenigstens einmal einen Kaufrausch zu erleben!

Schlaflos um Mitternacht. Mittwochs nach 24 Uhr im ZDF

00:00 28.02.2003

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