Nicht von dieser Welt

Im Kino In "Der Mann ohne Vergangenheit" ist alles wie sonst auch in Aki Kaurismäkis Filmen - und doch wieder ein bisschen anders

Drei seltsame Gestalten sitzen um einen Tisch und essen. Hinter ihnen steht eine Musikbox. Die Kamera schaut ihnen zu und fängt die in einem ärmlichen Wohncontainer am Stadtrand spielende Szene in schönsten, an Filme der fünfziger Jahre erinnernde Farben ein. Die Musikbox dudelt, die Männer schweigen. Auf den Gesichtern zeigt sich keine Regung.

Zwei Männer gehen essen. Der Ältere wäscht sich vorher unter einer provisorischen Dusche im Freien und trägt zur Feier des Tages seinen abgetragenen Anzug. Er lädt den Jüngeren zum Bier ein - nach der kostenlosen Suppe bei der Heilsarmee. Wieder zeigt sich kaum ein Mienenspiel auf den Gesichtern, erneut sind die Gesten auf ein Minimum reduziert. Ein paar karge Sätze werfen sich die beiden hin und her - über das Trinken und die Erinnerung.

Ein Mann betritt eine Bank. Er muss ein Konto eröffnen, um seinen neuen Job antreten zu können. Er hat ein Problem: Nach einem Überfall bleibt sein vorheriges Leben in den Tiefen des Gedächtnisses verschollen. Ein zweiter Mann betritt die Bank und zückt ein Gewehr. Er muss sein Geld rauben, weil ihm das Konto gesperrt wurde. Seite an Seite stehen die Männer vor der Angestellten. Niemand zuckt mit der Wimper. Die Geldübergabe vollzieht sich als alltägliche Handlung, lakonisch kommentiert in virtuos durchkomponierten Gesprächen.

Willkommen im neuen Film von, na klar, Aki Kaurismäki. Alles schon so oft gesehen: skurrile Figuren, absurde Dialoge, coole Musik und ein unbestechlicher Blick auf die soziale Wirklichkeit seiner Heimat Finnland. Aber da Kaurismäki einer der letzten Zauberer des Kinos ist, hat er seine Magie wieder ein Stück weiterentwickelt. Alles schon so oft gesehen. Sicher - doch so noch nie. Kaurismäki nähert sich in Der Mann ohne Vergangenheit dem Nullpunkt des Schauspiels. Noch vehementer als in früheren Filmen minimiert er das Spiel seiner Darsteller auf Gesten des alltäglichen Handelns. Letztere wirken wie ausgestellt und erinnern an Brechts Theater der Verfremdung. Doch zum glücklichen Vergnügen der Zuschauer fehlt bei Kaurismäki jede soziale Zielsetzung. Vielmehr blickt die Kamera fast zärtlich auf vom Leben gezeichnete Figuren - allesamt Außenseiter am Rande des finnischen Sozialstaats. Kaurismäki schenkt ihnen in seinem märchenhaften Film die Würde ihrer Handlungen.

Dafür treibt er seinen Darstellern auch noch den letzten Funken Expressivität aus. Wie aus Stein gemeißelt wirkt etwa das Gesicht von Kati Outinen. Sie spielt die Heilsarmistin Irma, die sich in M, den Mann ohne Vergangenheit, scheu und vorsichtig verliebt. Zu sehen ist davon kaum etwas, denn sichtbar werden nur ihre sozialen Gesten. Irma verteilt Suppe und Brot an die Armen, sie geht nach Hause, sie liegt im Bett. Emotion entsteht, indem diese alltäglichen Handlungen in der Musik oder im Sprechen konterkariert werden. Starr im Bett liegend hört Irma einen wilden, leidenschaftlichen Rocksong. Das hat eine komische Seite und lässt zugleich eine zwischen Kitsch und Gefühl changierende Innenwelt erahnen.

Nicht allein die Expressivität, auch der Realismus hat bei Kaurismäki einen schweren Stand. Zu gerne treibt der Regisseur sein magisches Spiel mit den Konventionen. Zwar nimmt er die finnische Wirklichkeit ins Visier, verwandelt sie jedoch in eine märchenhafte Traumwelt. M, wie der Mann ohne Vergangenheit in Anspielung auf den gleichnamigen Klassiker von Fritz Lang heißt, ist ein aus dem sozialen Netz gefallener Niemand ohne Namen und Pass, der sich nicht einmal arbeitslos melden kann und in die Fänge der Behörden gerät. Wie der gejagte Kindermörder bei Lang ist er ein Outlaw ohne Rechte. Doch während bei Lang das Verhängnis in düsterem Schwarz-Weiß seinen Lauf nimmt, findet M bei Kaurismäki solidarische Verbündete in einer farbenfrohen Parallelwelt am Rande der Stadt. Dort leben Gestrandete und Bettler in Containern; ein eigenwilliger Boss führt mit seinem Schmusehund "Hannibal" Regie. Ein Thriller sieht anders aus.

Diese Welt ist nicht von dieser Welt. Der Container von M, gespielt von Markku Peltola, wirkt in seinen satten, erdigen Farben mit einer Musikbox im Mittelpunkt wie ein Traumort. Hier setzt das Räderwerk des Sozialen aus, lakonisch wird eine Utopie inszeniert. Die Utopie eines solidarischen Miteinanders. Dabei ist es die extreme Künstlichkeit der Form, die ein Abgleiten ins Klischee verhindert und die Emotionen sichtbar macht. Kaurismäki verfremdet die Elemente Licht, Musik, Dialog und Schauspiel so stark ins Künstliche, dass aus ihnen eine neue ästhetische Realität aufsteigt.

So etwa in der wundersamen Liebesszene zwischen M und Irma im Wohncontainer. Er kocht, doch die Koteletts verbrennen ihm in der Pfanne. Sie lobt die Erbsen. Und so wie Kaurismäki das Servieren des Essens und den Dialog inszeniert, wirken die Koteletts wie eine Liebesgabe und ihre Antwort wie ein Dank an sein Bemühen. Dabei verziehen beide keine Miene. Diese Abwesenheit von Schauspiel im Sinne eines Ausdrucks von Gefühlen, verleiht Gegenständen und Handlungen einen besonderen Zauber. Das Essen, die Musikbox und später ein Auto - all das sind Verheißungen und Bilder der Liebe voller Kitsch und Emotion. Am Schluss der Szene sitzen beide auf einem einsam in Raum stehenden Sofa, sehen sich an wie Fremde und geben sich einen Kuss. Die Musikbox spielt, der Hund "Hannibal" verlässt den Container. Dieser Kuss ist ein kleines Wunder, aus dem plötzlich eine ganze Beziehung aufsteigt. Die Abwesenheit von Ausdruck in Mimik und Gestik der Darsteller verleiht alltäglichen Handlungen wie dem Küssen einen neuen Glanz.

Doch nicht nur Expressivität und Realismus werden ins Traumhafte verwandelt. Auch die Dramatik läuft bei Kaurismäki ins Leere. So beim schon erwähnten Bankraub. Sie ist ein Popanz, der vom lakonischen Dialog zwischen Räuber und Angestellter aus den Angeln gehoben wird. Das Gespräch dementiert den Ernst, die Bedeutung der Situation. Aus dieser die konventionellen Seh- und Hörgewohnheiten irritierenden Differenz entsteht die absurde Komik. Der Mann will sein Geld auf Heller und Pfennig, die Frau gibt es ihm gerne. Doch das ist nicht zu sehen, Kaurismäki lässt es nur hören. Der Dialog ist in Der Mann ohne Vergangenheit seine Waffe gegen ein Kino der vorgefertigten Illusionen. Mit seiner Hilfe dreht Kaurismäki den filmischen Konventionen eine komische Nase. Einem Clown gleich, der mit alltäglichen Gegenständen plötzlich sein magisches, artistisches Spiel treibt. Es bringt die Zuschauer zum Lachen und führt ihnen vor, was alles möglich ist, wenn die Regeln suspendiert sind.

Bei Kaurismäki verwandelt sich so ein Gespräch zwischen einem Sonderling von Anwalt und einem Polizisten in ein szenisches Ereignis. In beider Hände liegt das weitere Schicksal von M. Die Polizei will ihn einsperren, weil er keine Aussagen zu seiner Person machen kann. Sie hält den Gedächtnisverlust für ein Ammenmärchen und M für eine sehr verdächtige Person. Anwalt und Polizist werfen sich über dessen Schreibtisch hinweg Gesetzestexte an den Kopf. Sie deklamieren wie Schauspieler auf einer Bühne, und gerade diese Künstlichkeit des Dialogs steht in krassem Widerspruch zur klassischen Situation des Verhörs. Verfremdet und komische Funken schlagend zeigt dennoch die Szene sehr genau das mitunter Menschen zermalmende Räderwerk sozialer Prozesse.

Mit Der Mann ohne Vergangenheit hat Kaurismäki seine Stilmittel noch weiter in Richtung einer extremen Künstlichkeit getrieben, die Geschichte noch weiter in fragmentarische Szenen zerlegt. Doch gerade dieser Radikalität verdankt der Film seine große Intensität, seinen märchenhaften Zauber und seinen ästhetischen Realismus. Der Mann ohne Vergangenheit betreibt ein magisches Spiel mit den Elementen des Kinos und ist eine zärtliche Einladung zum Staunen, Lachen und Nachdenken.

00:00 15.11.2002

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