Nicht zu trennen

Essay Menschen mit türkischen Wurzeln in Deutschland sollen sich ständig entscheiden. Sind sie mehr deutsch? Mehr türkisch? Unsere Autorin will da nicht mitmachen
Idil Nuna Baydar | Ausgabe 13/2017 19

Ich bin hier geboren. Als Mensch in Deutschland, vor 42 Jahren in Celle, Niedersachsen. Ich bin weiblich, 164 Zentimeter groß, Einzelkind, Scheidungskind, Waldorfschülerin, Single und kinderlos, zur Zeit selbstständig tätig als Künstlerin und „Social Influencer“. Ich wohne und lebe in Deutschland, und ich spreche drei Sprachen fließend.

Wenn mich jemand nach den Kernbestandteilen meiner Identität fragen würde, wäre das wohl meine spontanste Antwort. Das sind alle wichtigen Fakten über meine Identität – also Alter, Geschlecht, Sozialisation, Bildung, Beruf, Wohnsitz, Familienstand, Kommunikationsfähigkeiten.

So weit, so gut. Das klingt ja erst mal auch nach einer ganz stinknormalen deutschen, westlichen, christlichen Identität. Nichts Besonderes, Fremdes oder charakteristisch Seltsames. Aber jetzt kommt eine Komponente meiner Identität, die eine unfassbar entscheidende Rolle in meinem Leben spielt. Ein Detail, das alles verändert, das alles andere erst mal hierarchisch unterordnet und mit allen meiner anderen Merkmale in einem gesellschaftlich relevanten Zusammenhang steht.

Ich bin Migrantin, oder auch: eine Person mit Migrationshintergrund. Früher hieß das Ausländerin und Gastarbeiterkind, jetzt ist es eine Bindestrich-Identität. Deutschtürkin, türkische Deutsche, Passdeutsche, Deutsche mit türkischen Wurzeln, transkulturell, bilingual, Muslimin und so weiter. Je nach Interpretation des Betrachters und dessen Beziehung zu meiner kulturellen Herkunft.

Meine kulturelle Herkunft wirft nämlich Fragen auf in unserer Gesellschaft. Und sie erzählt eine Geschichte von der Beziehung, in der sie mit dieser Gesellschaft steht. Einer Gesellschaft, die sie betrachtet und interpretiert. Meine kulturelle Herkunft erzählt vor allem von einer Gesellschaft, in der das Wort „Abgrenzung“ allzu gern mit dem Wort „fremd“ verbunden wird.

Und jetzt kommt zu diesen Fragen noch eine Frage hinzu: Was machen die Entwicklungen in der Türkei mit der deutsch-türkischen Identität? Das ist eine Frage, die so erst mal nicht zu beantworten ist. Dazu müssten wir zunächst feststellen, welches türkisch-migrantische Individuum sich selbst so bezeichnet. Und warum. Welche Fähigkeiten, Bedingungen und Erfahrungen braucht eine Person, um sich als Deutschtürke zu fühlen? Und um daraus eine transkulturelle Identität zu schaffen?

Es ist eine Entscheidung, die hier abgefragt wird: Ja oder nein? Bist du Deutschtürkin? Bist du das eine im anderen? Oder bist du das andere mehr? Es wird damit nach der emotionalen Beziehung zu dem türkischen Identitätsanteil gefragt. Der Teil, der mehr Raum und günstigere Bedingungen hatte – also mit positiven Erfahrungen und Erinnerungen verknüpft ist –, wird in der Wahrnehmung der eigenen Identität den emotional größeren Teil stellen.

Drang zum Bekenntnis

Und umgekehrt hängt daran auch die Frage: Hattest du denn jemals die Erfahrung, wie es ist, als Identität deutsch zu sein? Hast du eine positive Erfahrung, die du mit deiner „rein“ deutschen Identität erlebt hast? Hast du in dieser zugeschriebenen Konstruktion von Türke-Sein, Migrant-Sein jemals die Erfahrung gehabt, wie es sich anfühlt, wenn man zum Deutschsein ohne Wenn und Aber dazugehört? Ganz selbstverständlich, so dass deine Umwelt dich als deutsch erkennt und adressiert?

Dass der deutsche Anteil in uns Migrationshintergrundpersonen hinterfragt und abgefragt wird, kennen wir schon. „Na ja, sie ist halt nicht so richtig deutsch. Wird sie auch nie.“ Aber nun kommt noch etwas Anderes hinzu: Erdoğan stellt den türkischen Teil der deutsch-türkischen Identität in Frage. Und das ist in diesem Ausmaß neu. Abgefragt wird ein Bekenntnis. Ein Bekenntnis zur bedingungslosen Gefolgschaft. Entscheide dich – entweder, oder! Und wenn ja, dann nur so!

Erdoğans Frage konfrontiert. Sie ist autoritär, eindeutig, herausfordernd. Es gibt bei dieser Frage nur Schwarz oder Weiß, die Grautöne verschwinden, das Dazwischen. Nur wer sich eindeutig bekennt, kann darauf hoffen, akzeptiert zu werden.

Vielleicht war Erdogans Nazi-Vergleich – so absurd es klingt – aber ein Segen für die deutsche Seele. Und zwar als eine Chance, um sich daraus zu erheben zu einer neuen Identität. Zu einer nationalen deutschen Identität, die nicht ausgrenzt, die ihre Widersprüche akzeptiert und weiter an einer Vision von Menschlichkeit und einer grundsätzlich unantastbaren Würde für alle Menschen arbeitet.

Wir sind alle Gastarbeiter

Aus den Medien hört man nun, wie Deutschtürken sich innerhalb der türkisch-migrantischen Community hier spalten. In ein Pro-Erdoğan- und ein Contra-Erdoğan-Lager. Gespiegelt wird das in den medial ausgetragenen Konflikten: der Streit um den eingesperrten Deniz Yücel, die Nazivorwürfe gegen Deutschland und Holland, das Gerede Erdogans vom „unsauberen Blut“ Cem Özdemirs und anderer türkischstämmiger Bundestagsabgeordneter. Die Berichte darüber scheinen die Spaltung immer weiter voranzutreiben, die Stimmung nur zusätzlich anzuheizen.

Auf Facebook schrieb mich neulich einer an und fragte mich, warum ich denn gegen Erdoğan sei. Ich erklärte ihm, dass ich nicht gegen Erdoğan bin. Aber ich bin gegen seine Vision für die Türkei. Ich erzählte ihm, dass ich diese Vision für überaltert, oft erprobt und immer gescheitert halte. Dass mir autoritäre Strukturen Angst machen, weil ich in einem Elternhaus groß geworden bin, das liberal-demokratisch war und Menschenrechte sehr wichtig nahm.

Aber wie Erdoğans Politik jetzt ihre Wirkung auch hier entfaltet – das hätte ich, ehrlich gesagt, so nicht für möglich gehalten. Dieser Drang zum Entscheiden, Festlegen. Ich will nicht gezwungen sein, mich zu einer Seite zu bekennen. Ich frage mich stattdessen immer: Wie mache ich beide Seiten glücklich, meine deutsche und meine türkische? Was ist die Synthese dieser beiden Positionen? Was ist die Lösung? Die Antwort?

Der Schweizer Psychoanalytiker Carl Gustav Jung hat einmal gesagt: „Das Treffen zweier Persönlichkeiten ist wie der Kontakt zweier chemischer Substanzen: Wenn es eine Reaktion gibt, werden beide transformiert.“ Das beschreibt ziemlich gut, wie ich es empfinde – nur dass diese beiden Persönlichkeiten sich in mir treffen, dass diese Reaktion in mir abläuft. Und dass dabei dann etwas Transformiertes herauskommt, das sich nicht mehr in das eine oder andere auseinanderdividieren lässt.

Wenn man es einmal aus einer globalen Perspektive betrachtet, ist es ja auch so: Am Ende sind wir hier auf der Erde alle Gastarbeiter. Und wenn man irgendwo zu Gast ist, sollte man sich auch so benehmen. Seine Rechte und Pflichten seinem Gastgeber gegenüber kennen und pflegen. Lasst uns also eine globale Identität des Gastarbeiters entwickeln und uns der Gastfreundschaft dieser Erde würdig erweisen.

Idil Nuna Baydar, Jahrgang 1975, ist Schauspielerin und Kabarettistin. Bekannt geworden ist sie mit der deutsch-türkischen Kunstfigur Jilet Ayse. Sie lebt in Berlin-Kreuzberg und arbeitet dort auch mit Jugendlichen. Aktuelle Tourdaten finden sich auf: idilbaydar.de

06:00 12.04.2017

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