Nicht zur Witzfigur werden

SPD Der Kurzerfolg klebt „Sankt Martin“ wie eine Pappnase im Gesicht
Jürgen Busche | Ausgabe 21/2017 9
Nicht zur Witzfigur werden
Jetzt gilt es Fehler zu vermeiden

Foto: Steffi Loos/Getty Images

Es wirkt wie ein Déjà-vu, aber es beruht nicht auf Einbildung. Vor etwa vier Jahren stand es im Freitag: Seit Sigmar Gabriel Peer Steinbrück in die Rolle des Kanzlerkandidaten geschubst hat, ist Gabriel im öffentlichen Erscheinungsbild immer stärker geworden, Steinbrück hingegen immer schwächer. Seit Gabriel Martin Schulz in die Rolle des Kanzlerkandidaten geputscht hat – Zeitungsleute aus Hamburg hatte er früher unterrichtet als die SPD-Spitze –, ist er mit den Auftrittsmöglichkeiten des Außenministers immer stärker geworden. Schulz dagegen, mit der Last eines SPD-Vorsitzenden auf den Schultern, der in der Parteizentrale ein Fremder ist, wird nach anfänglichem Höhenflug immer schwächer.

Es hat nun freilich wenig Sinn, über die Fehler der vergangenen Monate zu reden. Sie werden dadurch nicht ungeschehen. Aber es ist notwendig, dass Schulz und seine Freunde unter den Sozialdemokraten, besonders aber unter den sozialdemokratisch gesinnten Journalisten, sich darüber klar werden, welche Fehler jetzt unbedingt vermieden werden müssen und wo die Gefahren liegen, die dem Wahlkämpfer unterlaufen können.

Da scheint es aktuell das Wichtigste zu sein, dass Schulz sich nicht lächerlich macht. Das 100-Prozent-Ergebnis bei seiner Wahl zum Parteivorsitzenden konnte er wohl nicht vermeiden. Und die Partei auch nicht. Aber es klebt ihm jetzt wie eine Pappnase im Gesicht und sorgt an jedem Stammtisch zuverlässig für Erheiterung, wenn es erwähnt wird. Vielleicht kann man einen ironischen Umgang mit dem Ergebnis schaffen. Auch wenn der „Sankt Martin“ von gestern nun plötzlich vor Fernsehkameras wild gegen Ursula von der Leyen und Thomas de Maizière lospolemisiert, dann mag das in der Sache richtig sein, passt aber nicht zu dem Stil, mit dem er angetreten ist. Man kann nicht erst der Obama vom Niederrhein sein und dann den Donald Trump vom Schalker Markt geben. Auf diese Weise wird man rasch zur Witzfigur.

Ernst ist auch, dass der Mann ohne Regierungserfahrung – in Würselen war der Stadtdirektor der Chef der Verwaltung – jetzt Partei und Parteizentrale führen muss. Der junge österreichische Außenminister Sebastian Kurz macht bei der ÖVP gerade vor, wie und in welchem Ausmaß das möglich ist. Aber Kurz hat eben Regierungserfahrung und leitet sein Ministerium schon einige Zeit. Schulz war Präsident des Europäischen Parlaments, von dem unser Bundesverfassungsgericht überzeugt ist, dass es nichts zu melden hat. Schulz kann immer noch viel erreichen. Aber er braucht die Hilfe der Partei und er muss aufpassen, höllisch aufpassen.

Der Autor und Journalist Jürgen Busche schreibt in seiner Kolumne Unter der Woche regelmäßig über Politik und Gesellschaft

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