Nichts als die Freiheit

Ein sprödes Schmuckstück "Wodka Lemon" handelt von den Wechselfällen des Überlebens im armenischen Kaukasus und zeigt die postsowjetische Depression mit melancholischem Frohsinn

In dem Schnee, in den die ganze Handlung von Wodka Lemon eingebettet ist, bei minus 25 Grad, bewegen sich Menschen auf sonderbaren Wegen: Der alte Hamo muss mit sechs Dollar monatlich über die Runden kommen und erwartet von seinem Sohn aus Paris Geld. Dilovan, sein zweiter, bereits angejahrter, oft angetrunkener Sprössling will sein Töchterlein gewinnbringend verheiraten, kann aber den Bräutigam nur mit Waffengewalt zur Einhaltung seiner Versprechen nötigen. Und während Hamo allmorgendlich mit dem Bus zum Grab seiner Frau fährt, knüpft er schüchtern aber unaufhaltsam zarte Bande zu Nina, der schönen, bitterarmen Witwe.

Hiner Saleem scheint mit seinen Geschichtchen armenische Befindlichkeiten genau auf den Punkt zu bringen. Dabei drehte der französische Exil-Kurde zunächst nur in den von Armeniern und Kurden bewohnten Landstrich der Kaukasusrepublik, weil es ihm im Irak zu unsicher schien. 2000 lieferte der Iraner Bahman Ghobadi mit Zeit der trunkenen Pferde eine Art Initialzündung für kurdisches Kino, nachdem die über viele Staaten zerstreuten Kurden jahrzehntelang nur vereinzelte Filme drehten. Ob man bei den neuen Produktionen schon von einer gemeinsamen Ästhetik, einem eigenen Kino sprechen kann, erscheint im konkreten Fall als müßige Frage: Wodka Lemon, eine französisch-armenische Koproduktion mit italienischer und schweizerischer Beteiligung ist ein kleines Schmuckstück geworden (was bei transnationalen Joint Ventures leider nicht zwangsläufig so ist).

Der Charme des Films liegt im Schrägen: Wenn die Kamera in irgendeinem Winkel der Holzhütte steht und Hamos gespannt auf ein Telefonklingeln wartende Sippe mit einer etwas schiefen Optik einfängt, hat das etwas von den skurrilen Tableaus aus Songs from the second floor. Solche Vignetten und Stimmungsbilder prägen den ganzen Film, häufig in der Totalen, aus der Distanz gefilmt: Einmal schleppt Hamo einen riesigen Schrank durch die Einöde, ein passierendes Paar kauft ihm das Möbel ab und kommt damit nicht mehr vom Fleck. Ein andermal verhökert er inmitten eines Spaliers von Straßenhändlern, die aberwitzigsten Hausrat anbieten - Fotoapparate, Schuhe, medizinisches Besteck - seine Uniform. Hinter diesen Miniaturen steckt die oft bittere Realität einer Region, in der kurdische und armenische, christliche, muslimische und animistische Einflüsse und Traditionen aufeinander stoßen. Überall regiert zudem die postsowjetische Depression: Landflucht, Unabhängigkeitskriege, Arbeitslosigkeit und Armut, Prostitution, Traditionalismus ... Einer bringt den ganzen Schnee von gestern auf den Punkt: "Unter den Russen hatten wir keine Freiheit, aber wir hatten alles andere."

Doch die Misere löst sich schnell im Fantastischen auf: Eingangs flitzt ein Greis im Gitterbett durch den Schnee - da wird der verschlafene Trompeter einer Begräbniskappelle zur Arbeit gekarrt. Am Ende fahren Hamo und Nina auf einem Piano aus der Handlung.

Dieses ganze spröde Inventar aus Möbeln, Schneelandschaft und komischen Käuzen fügt sich zu einer eigenwillig-widerständigen filmischen Einheit - fast gegen den Willen des Regisseurs. Die schöne erzählerische Klammer mit Bett und Piano, erzählt Saleem, war gar nicht geplant, sie hätte sich erst während des Drehs so gefunden. Wodka Lemon sei auch nur der übrig gebliebene Arbeitstitel des Projektes, sagt er. Und die zahlreichen Symbole, die Äpfel, das Pferd, das immer wieder unmotiviert durch die Handlung galoppiert? Natürlich mögen die etwas bedeuten, vor allem verstärken sie nur gerade die leicht konfuse Stimmung. Sagt Saleem, der nie melodramatisch wird, immer nur melancholisch - und manchmal magisch: wenn etwa während der Busfahrt plötzlich aus dem Nichts Musik einsetzt, und der Busfahrer die russische Coverversion eines französischen Adamo-Chansons anstimmt. Wodka-Lemon ist ein trübsinniges Feel-Good-Movie. Oder auch ein Kusturica-Film in Zeitlupe.

Diese aus Alltagstristesse und Armut erwachsende Absurdität erinnert aber nicht nur an den Regie-König des Balkans, sondern lässt an andere europäische Größen wie Aki Kaurismäki und Jacques Tati denken, natürlich auch an russische Meister wie Sergej Paradjanov, Jurij Ilienko oder Otar Iosselliani. Dass Saleem seinen Film jedoch klein hält und nur seinen eigenen Schneestapfen folgt, erinnert schließlich an jene zentralasiatischen Filme, deren sture Charaktere tagelang klaftertiefe Löcher in den Boden graben, und dafür Ehre, Freunde und Beruf aufs Spiel setzen, oder die furchtbar verliebt sind, mehrere Jahre und einen ganzen Film lang stumm herumsitzen, aber dann ganz am Ende mit einem knappem, schüchternen Satz - oder nicht einmal diesem - eine Romanze und das Happy End einleiten. Der letzte Vogel fängt den Wurm. Und wer keine Sentenz sucht, sondern Trost, dem erzählt Wodka Lemon zumindest, wie man in schlechten Zeiten am besten überwintert.


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00:00 11.03.2005

Ausgabe 39/2020

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