Nichts als Streit

Islamunterricht Religionskrieg in Münster: Islamische Verbände kritisieren das Theologie-Zentrum der Uni. Der Streit kommt nicht plötzlich, denn die Probleme häufen sich seit Jahren
Ausgabe 46/2013

Mittlerweile muss man sich bei der Islamischen Theologie an der Universität Münster fragen: „Was war zuerst da? Der Professor oder der Koordinationsrat der Muslime in Deutschland?“ Kaum ist ein Professor da, klagt er über den Beirat. Und kaum ist der Beirat da, klagt er über den Professor.

Es kehrt einfach keine Ruhe in Münster ein. Die Universität spielt für den Islam in Deutschland eine wichtige Rolle. Sie war bundesweit die erste, an der islamische Religionslehrer ausgebildet wurden. Und die werden dringend gebraucht, denn das Studium des Koran ist hierzulande so gefragt wie nie zuvor. Auf 200 Plätze kommen in Münster 1.000 Bewerbungen. Schon 2008 gab es einen heftigen Streit um den damaligen Inhaber des Lehrstuhls. Er hatte die Existenz Muhammads gänzlich bestritten und musste schließlich seinen Platz räumen. Nachfolger wurde Mouhanad Khorchide – mit dem Placet des Koordinationsrats der Muslime (KRM).

Ausprache vor laufenden Kameras

Doch auch mit ihm kehrte kein Frieden an der Uni ein. Auslöser für den neuesten Unmut des KRM war Khorchides Veröffentlichung zweier umstrittener Bücher. In einer Mischung aus biografischen Erzählungen und theologischen Reflexionen versuchte Khorchide, eine Theologie der Barmherzigkeit zu erarbeiten. Doch dieser Versuch gelang nur bedingt, weil ihm die theologische Substanz fehlt. Konservative Kreise forderten bereits im Frühjahr Khorchide öffentlich zur Reue auf. Er hatte argumentiert, dass alle Menschen, die glauben und gute Taten vollbringen, als Muslime zu verstehen seien. Das „Missverständnis“ ließ sich zunächst mithilfe medialer Unterstützung aus dem Weg räumen. Vor laufenden Kameras sprachen sich die Kontrahenten aus.

Zeitgleich gelang es dem Zentrum für Islamische Theologie in Münster nicht, den vakanten Platz im Beirat zu besetzen, um einen ordentlichen Lehrbetrieb zu gewährleisten und beispielsweise Professoren zu berufen. Die beiden Kandidaten, die der Koordinationsrat für den vakanten Posten vorschlug, wurden vom Innenministerium wegen politischer Vorbehalte abgelehnt. Ein weiteres Mitglied des Beirats sollte im vergangenen Monat geschasst werden, schmiss den Job aber vorher. So schaukelten sich die Probleme immer weiter hoch.

Allianz aus Altverbänden und Salafisten

Vergangene Woche kam es dann zum Eklat: Der Koordinationsrat bezweifelte öffentlich, ob Khorchide überhaupt noch bekenntnisgebunden unterrichten könne, und der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime, Aiman Mazyek, kritisierte, dass Khorchide die muslimischen Verbände bei der Besetzung des Beirats übergehen wolle. In der Tat hatte der umstrittene Islamtheologe in einem Interview zu verstehen gegeben, dass er von dem Beirat in dieser Form nicht viel hält.

Längst hat sich spontan und vermutlich ungewollt eine unheilige Allianz formiert, die aus den Altverbänden und den Salafisten besteht. Diese haben dem liberalen Islam mal wieder den Kampf angesagt. „Zu wenig Substanz, zu viel Orientalistik, zu wenig klassische Theologie“, lautet der Vorwurf. Dass Khorchide sich gar nicht als liberal bezeichnet, interessiert niemanden mehr. Es geht um Macht und um die Deutungshoheit über den Islam in Deutschland. Und erneut offenbart sich die große Schwäche der organisierten deutschen Muslime: Niemand will, was in der Frühzeit des Islams eine Selbstverständlichkeit darstellte: Kalām betreiben, sich also der Sache wegen streiten.

Lamya Kaddor ist Publizistin und islamische Religionspädagogin in Duisburg


AUSGABE

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