Nichts dazugelernt

Bevölkerungspolitik von rechts Ein Humangenetiker beklagt die Kinderlosigkeit der Deutschen und den Intelligenzverfall. Er sitzt für die sächsische NPD-Fraktion in einer Enquete-Kommission

Schon lange bevor die Volksparteien den demografischen Wandel in der Renten- und Sozialpolitik berücksichtigten, beschäftigten den Leiter der "Deutschen Zentralstelle für Genealogie" in Leipzig die Veränderungen in der Bevölkerungsstruktur. Allerdings in einer ganz besonderen Weise. Seit Jahrzehnten setzt sich Volkmar Weiss mit dem angeblichen Verschwinden des "deutschen Volkes" und der vermeintlichen Vererbung "intellektueller Eigenschaften" auseinander. Nun hat die Landtagsfraktion der Nationaldemokratischen Partei Deutschlands (NPD) in Sachsen den Populationsgenetiker als externen Berater in die Enquete-Kommission "Demografische Entwicklung und ihre Auswirkungen für die Lebensbereiche der Menschen im Freistaat Sachsen sowie ihrer Folgen für die politischen Handlungsfelder" berufen.

Seinen Ausführungen stellt Volkmar Weiss gern eine alte Warnung Oswalds Spenglers aus dessen Buch Der Untergang des Abendlandes von 1918 voran, in der dieser sich um den Nachwuchs einer "hochkultivierten Bevölkerung" sorgt und das Schreckgespenst der "entsetzlichen Entvölkerung" eines "kulturfähigen Menschentums" entwirft. Aber nicht bloß die "Kulturkritik" des Geschichtsphilosophen aus dem Spektrum der "Konservativen Revolution" dürfte den Humangenetiker Weiss zum regelmäßigen Zitieren bewegen, sondern auch dessen Vision der "Wiederauferstehung der Völker dieses Abendlandes". Allerdings bedarf es für Weiss einer radikalen Kehrtwende in der deutschen Bevölkerungspolitik, um der "Bevölkerungsimplosion" und dem "Intelligenzverfall" entgegen zu wirken.

In der NPD-Monatszeitung Deutsche Stimme hat Weiss, der auch mal bei der größten rechtsextremistischen Kulturvereinigung "Gesellschaft für Freie Publizistik" oder der CDU-Nachwuchsorganisation Junge Union Braunschweig referierte, im November 2004 dargelegt, dass erstens "die Belastung von den Familien auf die Kinderlosen umverteilt", zweitens "Arbeitgeber, die Frauen mit Kindern beschäftigen, vom Arbeitgeberanteil der Lohnebenkosten befreit" und drittens die "Rente dringend an die Zahl der eigenen Kinder gekoppelt" werden müsse. Viertens seien für "junge Frauen mit akademischen Abschlüssen Arbeitsstellen mit einer Laufzeit von sieben bis zehn Jahren" zu schaffen, wenn sie Kinder gebären.

"Weiss Positionen zeigen deutlich, dass eine formale Abgrenzung von der NPD wenig nützt, wenn es gleichzeitig inhaltliche Übereinstimmungen bei den anderen Parteien gibt", sagt Kerstin Koeditz, PDS-Landtagsabgeordnete und Kommissionsmitglied. Sie befürchtet, "solche Forderungen könnten auf Zustimmung durch CDU und FDP aber auch durch die SPD hoffen". Der sich selbst als "ausgesprochener Homo politicus" verstehende Weiss fordert in seinen Referaten und Publikationen ebenso, dass Eltern, bei denen "beide Partner nicht die deutsche Staatsbürgerschaft haben und beide aus EU-Nicht-Mitgliedsländern stammen ... keine deutsche Kindergeldunterstützung" gewährt werden sollte.

Mehr als 140 wissenschaftliche Arbeiten will Weiss verfasst haben. Doch alle Studien zur Intelligenz des Forschers verfolgen nur eine Intention: den Existenzbeweis der biochemischen Grundlage der Intelligenz. "Wo es Hauptgene gibt", argumentiert Weiss, "gibt es auch einen zugrunde liegenden biochemischen Code". Um seine soziobiologische Argumentation zu stützen, korreliert er in seinen Studien immer wieder ganz bestimmte zuvor erhobene Daten der Probanden und ihrer Familien - Intelligenzquotient, Genotyp, Berufsstand - um die Erblichkeit von Intelligenz zu belegen. Dabei macht er aus einer zunächst aufgestellten Hypothese über eine einfache statistisch-methodische Operation eine Tatsache.

"Dass eine Korrelation besteht", hebt der Kritiker der Soziobiologie, Stephen Jay Gould, hervor, "sagt aber nichts über die Ursache aus". Die Methode, mahnt der 2002 verstorbene Paläontologe grundsätzlich an, könne zu "monokausalen Annahmen" führen. Hätte Weiss also andere Daten, wie über die soziale Situation mit den IQ-Fakten korreliert, wären andere Interpretationen möglich. Trotz dieses methodischen Problems postuliert Weiss, ganz wie die soziobiologischen Intelligenzforscher Hans-Jürgen Eysenck und Arthur R. Jensen, dass die Intelligenz zu weit über 50 Prozent erblich sei. In dieser Logik diskutiert Weiss in seiner Publikation Die IQ-Falle, 2000 im rechtslastigen Leopold Stocker Verlag erschienen, auch die genetische Intelligenz bei "Negern", "Zigeunern" und "Türken". "Zweifellos sind die Unterschiede zwischen Einzelpersonen viel größer als die Unterschiede zwischen Gruppen", räumt Weiss ein. Aber in der "Masse" sei "der Neger", "Zigeuner" und "Türke" dümmer als "der Weiße". Von den etwa "20.000 Genpaaren sind nur sechs mit der Hautfarbe verknüpft", betonen indes die kritischen Intelligenzforscher Lisa Suzuki und Joshua Aronson.

Solche Kritiken, sagt Weiss, würden nur "Linke" anführen, die meinen "alle Menschen sind gleich". Längst hätten jedoch die "jungen Umwerter, die 1968 Studenten waren" durch die "egalitäre Geistes- und Sozialwissenschaft" die Diskussion um "Vererbung von Begabung" zum "Tabuthema gemacht". Mit der NPD möchte er nun dieses vermeintliche Tabu brechen.

00:00 27.05.2005

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