„Nichts deutete auf ein prekäres Leben hin“

Porträt Bettina Kenter-Götte hatte als Schauspielerin einen guten Start in die Karriere. Dann wurde sie Mutter. Jetzt legt sie ein Buch über ihr Leben mit Hartz IV vor
„Nichts deutete auf ein prekäres Leben hin“
Singlemamas hatten früher oft keine andere Wahl, als eine Berufspause einzulegen und Sozialhilfe zu beantragen

Foto: Toby Binder für der Freitag

Sommer 1970. Mit 19 stehe ich zum ersten Mal auf der Bühne, in Italien, am berühmten Piccolo Teatro di Milano. Nach diesem Start lassen Rollen auch hier nicht auf sich warten, und vier Jahre später fliege ich nach Australien, für eine Hauptrolle in der ersten australischen TV-Serie in Farbe; Regie führt der bald darauf weltbekannte Peter Weir. Ein knappes Jahr später, während Luke’s Kingdom/Firbecks neues Land auch im ZDF läuft, beziehe ich eine große Wohnung am Münchner Gärtnerplatz. Die Miete (350 Mark warm) teile ich mit einer Mitbewohnerin. 1975 war das; noch immer konnten Männer ihren Frauen die Berufstätigkeit verbieten. Ich war nicht verheiratet, konnte tun und lassen, was ich wollte. Doch das sollte sich noch ändern. Weil ich nicht verheiratet war.

1951 kam ich zur Welt, in einer Theaterfamilie, zwei Jahre nachdem die Gleichberechtigung von Mann und Frau im Grundgesetz gegen große Widerstände verankert worden war. Vor mir waren da: der Papà, ein angesehener Regisseur, die Mamà mit meiner älteren Halbschwester, und die Kriegerwitwe, die als Kindermädchen kam und Teil der Familie wurde. Mamà, klug, schön und selbstbestimmt, gab die Schauspielerei auf, um den Künstlerhaushalt zu managen. Für Führerschein und Bankgeschäfte brauchte sie noch die Unterschrift „des Ehemannes“. Theaterleute sind Reisende. Von Wiesbaden zogen wir nach Essen, von Essen nach Stuttgart.

Willy Birgel, Maximilian Schell und Inge Meysel gingen bei uns ein und aus; ich wuchs in den Beruf hinein – und früh hinaus aus dem Elternhaus. Nach dem Abitur – mein Vater war über 70 (die Rente unzulänglich, der „Ehrensold“ schmal, er arbeitete noch) – sollte und wollte ich schnell auf eigene Beine und (damals noch ungewöhnlich) auch ins Ausland. So stand ich schon ein Jahr später auf den Brettern, die die Welt bedeuten. Zehn gute Berufsjahre folgten; nichts deutete auf ein prekäres Leben hin. Doch dann, 1980, begann eine andere Geschichte, wie Tausende Frauen sie in tausend Varianten erleben.

Wie es dazu kam? Zu jener Zeit bekam eine ledige Frau, ein Fräulein also, noch nicht immer und überall problemlos ein Rezept für „die Pille“. Das war eine Hormonbombe mit üblen Nebenwirkungen, jedoch das Sicherste, denn Männer mischten sich überall ein, nur in Verhütungsfragen nicht. Eine Zeit lang glaubte ich, die Entscheidung zum Überraschungskind sei meine gewesen; später wusste ich: Das Leben hatte schon längst entschieden. Doch ich würde, wie viele andere Frauen, allein sein mit dem Baby. Bald musste ich Rollenangebote absagen: Der Bauch wuchs – und mit ihm die Ängste. Sechs Wochen „Mutterschutz“ würden mich schützen und dazu (neu!) vier Monate „Mutterschaftsurlaub“. Und dann?

Frühjahr 1981: Mit einem süßen Bündelchen Mensch im Arm wandelte ich durch blühende Isarauen – und bald auch durch die nach kaltem Rauch stinkenden Flure des Sozialamts. An Arbeit war nicht zu denken; Schauspielende sind Reisende. Immer im Einsatz. Krippen gab es kaum, und sie hätten mir auch nichts genützt. Singlemamas, sofern nicht vermögend, hatten damals kaum eine andere Wahl, als eine Berufspause einzulegen und Sozialhilfe zu beantragen. Ich war nicht vermögend. Immerhin, ich war sorgeberechtigt; elf Jahre zuvor hätte noch ein „Amtsvormund“ über mich und mein Kind bestimmt, doch jetzt, 1981, kam nur ab und zu die Amtspflegerin vom Jugendamt unangemeldet reingerauscht, um nachzusehen, ob das „uneheliche Kind“ auch ordentlich gewickelt war. Ja klar, als „ledige Mutter“ wurde ich täglich diskriminiert, aber ich hatte keine Zeit, mich zu ärgern; ich hatte genug damit zu tun, beim Amt Heizkosten und Waschmaschinenreparatur zu erstreiten und mein Kind in den Schlaf zu singen.

Auch heute sind 40 Prozent der Alleinerziehenden (zu 90 Prozent Frauen) auf ALG-II-Leistungen angewiesen. (Alimente und Kindergeld werden davon abgezogen.) Nicht Arbeitslose, sondern Singlemütter, „Aufstocker“, KünstlerInnen, Behinderte, Erwerbsgeminderte, pflegende Angehörige, Alte und Kinder bilden den Hauptteil der „Grundgesicherten“ oder „Hartzer“. Die Mütter von damals erhalten nun eine Durchschnittsrente von 600 Euro; Frauen sind noch immer die Deppen der Nation.

Während mein Kind im Kindergarten den Ententanz übte und ich mir beim Ausfüllen von Unterhaltstiteln und Beihilfen einen Tennisarm zuzog, stand die Welt am Rand des Atomkriegs und blieb nur verschont, weil ein Russe einen Befehl verweigerte. Ich begann zu schreiben, bekam einen Preis dafür, und wagte mich, als meine Tochter drei war, wieder auf die Bühne. Bei der Premiere lag das plötzlich erkrankte Kind fiebernd auf einem Kostümhaufen in der Garderobe, die Babysitterin war auf Reisen. Zwischen zwei Auftritten habe ich die kleine Stirn gekühlt, in der Pause Wadenwickel angelegt. Ich gab die Schauspielerei auf.

Ja, ich bin arm!

Nun war ich Mutter – eine andere, ebenso schöne Realität. Sie musste nur finanziert werden. Mit Unterstützung aus der Branche wurde ich Synchronschauspielerin (und sorgte nebenbei dafür, dass – nach Tschernobyl – der Sandkastensand in der Kita ausgewechselt wurde; dabei wurde mir klar, dass wir unsere Kinder vor den ärgsten Gefahren nicht schützen können). München war Synchronhochburg, Studiozeiten lassen sich mit Kita, Hort und Babysitterin abdecken. Ist das Kind krank, lässt Mama Termine und Geld sausen, und sie wird tunlichst nicht selbst krank. Im Lauf der Jahre habe ich vielen Stars meine Stimme geliehen. Joanna Johnson in der Serie Reich und Schön war die Erste in der Reihe.Also gerettet; so schien es. Doch infolge sinkender Honorare, lückenhafter Alimente und der Entmietung durch einen Immobilienhai waren die Lebenshaltungskosten Mitte der 90er Jahre kaum noch zu stemmen. Meine Arbeitszeit betrug oft 80 Wochenstunden. Nicht mitgerechnet das bisschen Haushalt, Muttersein, Organisation und Fortbildung. Inzwischen war ich auch als Synchronbuchautorin gefragt, verfasste deutsche Dialogbücher; die sind wichtig: Sprecher und Sprecherinnen brauchen im Studio eine lippensynchrone Übersetzung des Films, das „Synchronbuch“. Nachdem ich den entsprechenden Gerätepark (Monitor, PC, Fax und Kopierer) gekauft hatte, „checkte“ ich Filme und Serien familienfreundlich daheim im Kellerbüro. Also, mal wieder gerettet. 2002, die Tochter hatte ihr Abi schon in der Tasche und war als Studentin unterwegs, meist im fernen Ausland. Nach der Kirch-Media-Pleite brach die Branche ein. Um der schlechten Auftragslage zu begegnen, wurde ich Teil der Künstlergruppe auf einem Fünf-Sterne-Kreuzfahrtschiff und gelangte so ans Nordkap. Doch dann wurde ich krank. Nach zwei Jahren Kranksein waren meine Rücklagen weg und ich fand mich als „Aufstockerin“ bei Hartz IV und der Armentafel wieder.

Kein Einzelfall. Freie Bühnen- und Medienschaffende haben kaum je Anspruch auf „ALG I“. Und der Schauspielberuf ist teuer. Wiederholungs- und Castinghonorare, Zuschüsse für Fotos und Vorsprechreisen sind längst gestrichen. Kleintheater – wichtige Arbeitgeber für „Freie“ – können selten mehr als 50 Euro pro Vorstellung zahlen; für Probenzeiten, Sozialversicherung und im Krankheitsfall gibt’s da kein Geld. Die Gage für einen Drehtag muss weit mehr abdecken als Tage fürs Textlernen und Wochen oder Monate zwischen zwei Engagements.

Die Kosten für Agentur, doppelte Haushaltsführung, Altersvorsorge, für Porträtfotos, Outfit und Internetpräsenz sind nicht leicht zu stemmen. Frauen – wie immer – trifft es am härtesten. Sie werden – auch hier – schlechter bezahlt als Männer und haben noch weniger zu tun: In jungen Jahren kommen auf eine Frauen- zwei Männerrollen, jenseits der 50 ist das Verhältnis 1:8. Die alte „Arbeitslosenhilfe“ gibt es nicht mehr. Selbst bekannte Fernsehgesichter sind deshalb nun mitunter auf ALG II/Hartz IV angewiesen. Doch Armuts-Outing ist nicht auftragsfördernd, Armut selbst im Kollegenkreis tabu. Manche hungern und frieren, aus Stolz, aus Scham, aus Furcht vorm Amt. Ich ging hin; doch nach elf fehlerhaften Bescheiden, zehn Widersprüchen und einer Sanktion wurde mir klar: Hartz IV bekämpft nicht die Armut, sondern die Armen.

Schreckenskammer der Gesellschaft

Hartz IV, eigentlich Arbeitslosengeld II, wurde 2005 von der damaligen rot-grünen Bundesregierung unter Gerhard Schröder eingeführt. Die Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe war von einer Kommission unter Leitung des damaligen VW-Personalvorstands Peter Hartz erarbeitet worden, der seinen Namen für weitere Arbeitsgesetze der Agenda 2010 hergab: Mit Hartz I bis III wurden aus Arbeitsämtern Jobcenter, es entstanden Minijobs und Ich-AGs.

Das neue „soziokulturelle Existenzminimum“ wurde von der Bedingung abhängig gemacht, Bemühungen zur Jobsuche nachzuweisen. Welche das sind, entscheidet die nun „Fallmanagerin“ genannte Mitarbeiterin im Jobcenter. Werden Maßnahmen abgelehnt, wird gekürzt.

Inwiefern eine menschenwürdige Existenz mit rund 400 Euro im Monat möglich ist, ist seither heftig umstritten. 2010 befand das Bundesverfassungsgericht den damaligen Satz von 359 Euro für Alleinstehende und 323 Euro für Personen in „Bedarfsgemeinschaften“ für verfassungswidrig. Dabei rechnete zuvor noch Thilo Sarrazin als Berliner Finanzsenator den Hartz-IV-Empfängern vor, wie einfach es doch sei, sich von vier Euro am Tag ausgewogen zu ernähren.

Das Hartz-IV-Tagesmenü: Vollkornbrot mit Wurst, Käse, Butter, Kaffee und Mandarine! Wie viel Aufmerksamkeit man als Topverdiener noch immer mit Polemiken gegen Leistungsempfänger bekommen kann, zeigte jüngst der CDU-Politiker Jens Spahn, der erklärte, mit Hartz IV „habe jeder das, was er zum Leben braucht“.

Den jüngsten Zahlen der Bundesagentur für Arbeit zufolge bezogen im Dezember 2017 5,93 Millionen Personen in Deutschland Hartz IV. Elsa Koester

Darüber schrieb ich ein Theaterstück. Und ich nahm, nach 25 Jahren, die Theaterarbeit wieder auf, reiste mit dem Stuttgarter Theater tri-bühne nach Afrika, zu einem Gastspiel am Teatro Avenida in Maputo, Schauplatz eines Romans von Henning Mankell, dem Leiter des Theaters. Das Hartz-Grusical wurde 2011 mit dem Stuttgarter Autorenpreis prämiert. Seither setze ich mich für die Enttabuisierung der Armut ein. Indem ich mich als arm geoutet habe, wollte ich andere ermutigen, das auch zu tun. Wir brauchen (auch!) ein #me-too der Armutsgeschändeten, damit sichtbar wird, wie viele betroffen sind und wie schwer. Was sich ändern muss? Schluss mit Paradise Papers, Cum-Ex, Vorstandsmilliarden, Schluss mit Zwangsverarmung und Armenbashing! Löhne, Renten, Regelsätze rauf, Herz statt Hartz, gut entlohnen statt Sanktionen, Kinder- und Elterngeld auch für die Armen, Anstandsgebot statt Abstandsgebot! Wann begreifen wir endlich, dass jede neue Idee der Hartz-Architekten wieder nur das ist, was der verurteilte Straftäter Peter Hartz über sein eigenes Werk sagte: „Ein Fehler, ein Betrug.“ Kein Schwuler, keine andere Minderheit dürfte mehr so diskriminiert werden wie die Armen. Spahn und Scholz und Co.: Ab zum Hartz-IV- und Tafelpraktikum! Danach hält der Gesundheitsminister ein Kinderfuttergeld von 2,99 pro Tag hoffentlich nicht mehr für ausreichend und gesund.

Der Martermühle entronnen

Selbst für JournalistInnen ist es schwierig, Einblicke in die Realität von Hartz IV zu erhalten. Wer nicht betroffen ist, hat keinen Zutritt zu dieser Schreckenskammer der Gesellschaft – und wer dort ist, verliert die Sprache: Schockstarr kämpfen Betroffene ums tägliche Überleben, wohl wissend, dass kaum jemand ihren Geschichten Glauben schenken würde, denn sie sind fürwahr unglaublich. „Hier hast du auch was zu trinken!“, sagte ein Politiker, als er bei einem Weinfest einem Obdachlosen Sekt über den Kopf goss. Fußfesseln für Arbeitslose wurden diskutiert, ein Professor schlug vor, Arbeitslose sollten ihre Organe verkaufen (dürfen). Selbst schwangere Frauen werden „sanktioniert“. Sie können wegen Stromsperren nach Leistungskürzungen ihren Babys kein Fläschchen mehr warm machen. Ich wollte die unglaublichen Geschichten erzählen und schrieb ein Buch, wie das Alltagsleben mit Heart’s Fear wirklich ist: erniedrigend, bedrohlich, bedrückend, aussichtslos, existenzgefährdend, absurd – und mitunter auch komisch. Während einer „Aufstock“-Phase, nach einer auswärtigen Autorenlesung, musste ich mir das Geld für die Heimfahrt leihen, von einer Zuschauerin.

Das habe ich nicht mehr zu befürchten. Ich bin der Martermühle entronnen, bin wieder gesund, habe gut zu tun und viele Ideen, bekomme inzwischen auch Rente – und vor drei Jahren habe ich geheiratet. Meine kleine Enkelin (damals zwei) hat Blumen gestreut; ihr dabei zuzusehen, an diesem Tag, war für mich ein Triumph der Liebe über eine skrupellose Gesellschaft.

Von Bettina Kenter-Götte erschien 2018 im Verlag Neuer Weg Heart’s Fear – Geschichten von Armut und Ausgrenzung

06:00 15.05.2018

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