Nichts für Bescheidwisser

Berliner Zeitung Die Stasi-Unterlagen Holger Friedrichs zeichnen ein differenziertes Bild des ehemaligen IM. Focus und Springer wussten es natürlich schon vor der Lektüre besser
Ausgabe 51/2019
Feierlichkeiten zum 30. Jahrestag der DDR: der Raub der Individualität im Wehrdienst der NVA
Feierlichkeiten zum 30. Jahrestag der DDR: der Raub der Individualität im Wehrdienst der NVA

Foto: Imago Images/Sven Simon

In dem Moment, als bekannt wurde, dass Holger Friedrich, der neue Verleger der Berliner Zeitung, während seiner NVA-Zeit von der Stasi als IM „Peter Bernstein“ geführt wurde, gab es kaum taugliche, aber viele schlechte Bilder. Hubertus Knabe, Focus und die Springer-Zeitungen wussten Bescheid: Friedrich sei ein Denunziant und Opportunist, der sich auf alle Zeit diskreditiert habe. Zum Glück lasen die frühere BStU-Beauftragte Marianne Birthler und der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk Friedrichs dünne Akte genau. Es ist lohnend, ihre im Auftrag der Chefredaktion der Berliner Zeitung erstellte Expertise ebenfalls genau zu lesen. Zum einen wird hier ein differenziertes Porträt von einem jungen Mann in unguter Lage gezeichnet, das sich vom platten Bild unterscheidet, das auf die IM-Nachricht hin gern gemalt wurde. Mich verblüfft diese Selbstgerechtigkeit immer wieder neu. Friedrichs terroristischer und bohemienhafter Gestus als Soldat (frustrierte Ironie, Waffenkammerfantasien) erinnert mich an den Sascha Andersons. Doch anders als Anderson hat Friedrich die Grenze zum Verrat nicht überschritten und als Informant keinen genuinen Schaden zugefügt, das steht nach Birthlers und Kowalczuks Bericht fest.

Gleichwohl wird ein Stück damaliger Lebensrealität noch einmal illustriert, und das tut not. So wird die Ohnmachtserfahrung vor ’89 anhand des jungen Holger Friedrich nachvollziehbar. Der Raub der Individualität, im Wehrdienst wie in der Gesellschaft, ruft eine Demonstrativhaltung wach. Der konturlose Mensch sucht seine Grenzen auf, damit sie ihn wieder umreißen können: Flucht, Waffen, Flugzeuge, Nicaragua und sogar die „Stasie“ versprechen etwas. Dass im Kopf des jungen Mannes so viel typisch männliche Verneinung wächst und wenig Platz für Ideales vorhanden zu sein scheint, stimmt traurig, ist aber auch kein Wunder. „Anarchismus ist umgestülpter bürgerlicher Individualismus“, meint Lenin. Wie wahr. Man könnte Friedrichs heutiges Engagement bei der Berliner Zeitung auch als Reifeprozess lesen, als mündigen bürgerlichen Akt. Jedenfalls wäre es der Zeitung, ihren Lesern und dem Eigentümer zu wünschen. Und weil differenzierte Bilder so toll und weiterführend sind, muss jetzt auch der Westen besser begriffen werden, ja, ich fordere seine konsequente archivgestützte Aufarbeitung.

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