Nichts ist an seinem Platz

Ortlos In Angela Krauß´ neuer Erzählung "Weggeküßt" hat sich über Nacht die Welt verwandelt

Eine Frau erwacht eines Morgens in eigentlich gewohnter Umgebung, aber Entscheidendes ist anders. Die Welt um sie herum hat sich grundlegend gewandelt, so dass es ihr schwer fällt, sich zu orientieren: Im Bekannten ist nichts mehr vertraut. Am Anfang von Angela Krauß´ neuer Erzählung Weggeküßt wird auf die Verunsicherung einer Figur verwiesen, die Ähnlichkeiten zu der bereits in den achtziger Jahren entstandenen Erzählung Ströme (1987) aufweist. Doch während die für Sekunden "orientierungslos in den Raum" geworfene Ich-Erzählerin in der frühen Erzählung sich wieder zu verorten vermag, es ihr gelingt, sich zurechtzufinden, weil die Dinge an ihrem Platz sind, haben sie in Weggeküßt ihren genauen Platz und damit auch ihre Bedeutung verloren. Etwas stimmt nicht mehr. Die Erzählerin, die sich lange diesem neuen, ungewohnten Zustand aussetzt, bleibt, auch dies ein Unterschied zu der frühen Erzählung, rat- und orientierungslos. Denn was sie an Dinghaftem umgibt, löst keinen Reiz mehr aus, ist bedeutungslos geworden und hat an Beweiskraft eingebüßt. Aus der Tatsache, dass die Dinge existieren, ist nichts mehr abzuleiten. Nichts wäre anders, wenn sie auf dem Kopf stünden.

Eine verkehrte Welt, in der wir einer Ich-Erzählerin begegnen, die das Gefühl Lenzens aus Büchners Erzählung kennt, der es manchmal bedauerte, nicht auf dem Kopf gehen zu können, und "sich selbst ein Traum" war, die aber auch um die Entfremdungserscheinungen weiß, von denen Kafkas Texte handeln. Die Ich-Erzählerin in Weggeküßt versucht, sich in fremden Räumen zu verorten, und muss doch die Erfahrung machen, dass ihr das in einer grenzenlos gewordenen Welt unmöglich ist - sie bleibt ortlos.

Immer wieder versuchen die Figuren von Angela Krauß sich zu orientieren, was ihnen nicht gelingen will, weil die in den Räumen herrschenden Bedingungen sich permanent verändern. Bemüht, die Bedingungsgefüge zu erkunden, erweisen sich die Figuren als nicht kompatibel, büßen an Sicherheit im eigenen Auftreten ein und geraten ins Schlingern und Schwanken. Es sind die vielfältig von Angela Krauß verwendeten Bewegungsmetaphern, die ihren oft nicht sehr langen, aber ungeheuer dichten Erzählungen eine vielschichtige Bedeutungsdimension verleihen. In Sommer auf dem Eis (1998) ist es das Eiskunstlaufen, dem metaphorische Bedeutung zukommt. Als Sinnbild harmonischer Bewegung wird es von Angela Krauß verwendet, um sinnfällig zu machen, wie es unter bestimmten Voraussetzungen gelingen kann, den Widrigkeiten des Grundes zu trotzen, ja ihn auszunutzen, um sich kunstvoll darauf zu bewegen. Die Figuren von Angela Krauß träumen von Harmonie, aber unbeschwert und auf schönen Bögen gleitend gelingt es ihnen nicht, im Leben ihre Bahnen zu ziehen - vielmehr werden sie ganz unerwartet aus selbigen geworfen.

Doch nicht nur vom Verlust an Vertrautheit handeln die Texte der Autorin, sondern erzählerisch festgehalten werden auch die Bemühungen der Figuren, wieder Anschluss zu finden, sich neu zu orientieren, wobei sich diese Näherungen auf glattem, unbekannten Grund ereignen. Leichtigkeit könnte sich da als Vorteil erweisen, ein gewisses Schweben, wie es die Erzählerin in Milliarden neuer Sterne (1999) auszeichnet, könnte beim Vorwärtskommen behilflich sein, aber es ist eine Schwerelosigkeit, die ihren Preis hat. Erfasst vom allgemeinen "Jagdfieber auf die Zukunft", bewegen sich die Protagonisten in dem großen Rennen nicht im harmonischen Gleichlauf der Bewegung aufeinander zu, sondern sie fliehen einander.

In der neuen Erzählung steht nicht wie in Milliarden neuer Sterne ein Milleniumsereignis bevor, sondern das unerhörte Ereignis liegt bereits zwölf Jahre zurück. Vordergründig ereignet sich in Weggeküßt nichts Außergewöhnliches, vielmehr ist die Rede von Alltäglichem. Aber dieser Alltag ist so nachhaltig vom Vergangenen geprägt, dass im scheinbar Normalen das herrschende Chaos deutlich wird. Wenn auch offen bleibt, auf welches Ereignis angespielt wird, so lässt sich doch mutmaßen, dass die Epochenwende 1989 gemeint ist. Überhaupt wird in der Geschichte, die aus einzelnen Textbausteinen gefügt ist, auf alles Eindimensionale zu Gunsten eines fassettenreichen Erzählkosmos verzichtet.

Dass sich die Ich-Erzählerin hauptsächlich in einer Konditorei aufhält, scheint auf den ersten Blick unwesentlich, wird aber bedeutend, weil sie in dem bizarren Kuchentempel dauernden Versuchungen ausgesetzt ist und ihr die ungehemmte Lustbefriedigung mit süßem Zuckerwerk nicht bekommt. Der Genuss wird zur Falle, die Versuchung hat ihren Preis. Im Grenzenlosen ist zwar alles möglich, aber es gibt keine Sehnsucht mehr, die das Warten kennt. Dominant ist das Jetzt, der erfüllte Augenblick. Nichts ist in diesem Alltag in auffälliger Unordnung, aber eben auch nichts an seinem Platz. So wird die Konditorei zum Spiegelbild der Verhältnisse, zum klassischen Spiegelkabinett, das dem Raum Größe verleiht, die ihm in Wirklichkeit fehlt und dem Einzelnen das Gefühl von Überpräsenz vermittelt, die er lange eingebüßt hat. Früher gelang es der Ich-Erzählerin, die Dinge um sie herum anzunehmen, sie mit einem Netz zu umfassen. Doch im virtuellen Raum hat das Netz eine andere Funktion bekommen - es verliert sich im grenzenlosen Raum, wer darauf wartet, empfangen zu werden. Angesichts der virtuell möglichen Kommunikation wird das unmittelbare Gespräch mit dem Nachbarn immer schwieriger und Verstehen zu einem Fremdwort.

Die Ich-Erzählerin bewegt sich in einer Fremde, in der sie von Liebe verzehrt, in der sie mit Aufmerksamkeit zugeschüttet wird. Aber diese gesteigerte Wahrnehmung, die an Zudringlichkeit grenzt, verdankt sie nicht der Einmaligkeit ihrer Person, sondern sie ist unspezifisch allgemein, gerichtet an jede und jeden - die Gemeinten sind austauschbar. Die von so viel Zuneigung Getroffenen drohen sich aufzulösen, sie laufen Gefahr, weggeküsst zu werden, sich zu verlieren, wenn es ihnen nicht gelingt, sich anbiedernder Umarmung zu verweigern.

Weggeküßt ist sehr präzise gearbeitet, geradezu filigran durchkonstruiert, doch liegt der Erzählung ein Bauplan zugrunde, der sich erst nach und nach erschließt. In die erzählte Geschichte hat die Autorin mehrdeutige Signalworte eingelagert (grenzenlos, Netz, Vernetzung, fließende Zeit), die nicht allein eine Aura entfalten, sondern durch diese schillernden Begriffe wird es möglich, auf Verwerfungen seit dem unerhörten Ereignis zu verweisen, Umbrüche zu markieren. Angela Krauß ist mit dieser Erzählung ein kleines Meisterstück gelungen. Dieser kunstvoll entworfene Text ist eine Einladung zum intellektuellen Zwiegespräch, das angenehm unaufdringlich, in keiner Weise eifernd daherkommt. Allmählich fügen sich die von der Autorin durchaus mit Hintersinn aufgerufenen Themen zu einem Bild, in dem die Gegenwart ganz überdeutlich klar in all ihren Verwerfungen erscheint. Mit ihren modrigen Worten wird die Jetztzeit in Weggeküßt nicht aus der Verantwortung entlassen, es wird nicht vergessen, was an Versprechungen in aller Munde war. Angela Krauß ist bekannt dafür, dass ihre Texte von äußerster Strenge sind, von einem Lakonismus, bei dem jedes überflüssige Wort, jeder nebensächliche Satz getilgt worden ist. Im Vertrauen auf einen mündigen, wissenden Leser arbeitet sie bewusst mit Aussparungen. Ein erkenntnisfördernder Minimalismus, der Denkräume öffnet und bewusst darauf verzichtet, sie auszudeuten.

Angela Krauß: Weggeküßt. Suhrkamp Verlag. Frankfurt am Main 2002. 105 S., 12,90 EUR

00:00 08.11.2002

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