Nichts ist mehr okay

Porträt Okjökull ist der erste Gletscher Islands, der zu Toteis erklärt wurde. 400 weitere könnten folgen. Ein Nachruf
Nichts ist mehr okay
Auf einer Karte von 1901 umfasst der isländische Gletscher Okjüll 38 km2. 1978 waren es noch drei. Die beiden Luftaufnahmen entstanden 1986 (oben) und 2019 (unten)

Foto: Nasa

Wie eine Grabrede auf einen Gletscher schreiben, wenn man mit Gletschern, als geologische Tatsache und als Symbol für die Ewigkeit aufgewachsen ist? Wie Lebwohl sagen? Als mich Wissenschaftler von der Rice University im texanischen Houston anriefen, um mich zu bitten, den Text für eine Tafel zum Gedenken an den ersten toten Gletscher Islands zu schreiben, musste ich an eine meiner Lieblingsstellen aus Kurt Vonneguts Roman Schlachthof 5 denken:

„Wissen Sie, was ich zu den Leuten sage, wenn ich höre, daß sie Antikriegsbücher schreiben?“

„Nein. Was sagen Sie, Harrison Starr?“

„Ich sage: ‚Warum schreibt ihr statt dessen nicht ein Anti-Gletscher-Buch?‘„

Vonneguts Held meint damit natürlich, dass es immer Kriege geben wird. Er glaubt, dass es genauso einfach wäre, den Krieg für immer aus der Welt zu schaffen, wie einen Gletscher daran zu hindern, sich immer weiter auszudehnen. Aber weißt Du was, Harrison Starr? Das mit den Gletschern haben wir Menschen schon erledigt. Fast jeder Gletscher auf unserem Planeten hat aufgehört, sich auszudehnen. Die meisten schrumpfen mit alarmierender Geschwindigkeit. Der Ok ist der erste Gletscher Islands, der offiziell zu Todeis erklärt wurde.

Der Name unseres toten Gletschers hat mehrere Schichten. Auf Isländisch ist Ok das Wort für die Stange, die traditionell zum Tragen von Wassereimern verwendet wird: Joch. Aber Joch kann auch Last bedeuten, etwas, was dich niederdrückt. Ok trug Wasser in Form von Eis. Und jetzt, da aus dem Wasser ein Ozean geworden ist, bedeutet OK auch die Last, die zukünftige Generationen zu tragen haben. Eine Last, die langsam immer größer wird.

Folgt man Prognosen, dann werden alle 400 Gletscher auf Island in den nächsten 200 Jahren verschwinden. Snæfellsjökull, wo Jules Verne seine Reise zum Mittelpunkt der Erde begann, wird wahrscheinlich in den nächsten 30 Jahren verschwunden sein. Snæfellsjökull ist für Island, was der Fuji für Japan ist. Das Abschmelzen aller isländischen Gletscher wird den Meeresspiegel um etwa 1 cm steigen lassen. Das klingt nach wenig, aber wenn es sich weltweit wiederholt, werden die Überschwemmungen Hunderte von Millionen Menschen betreffen. Die beunruhigendste Aussicht ist aber, dass die Gletscher im Himalaya schmelzen. Sie sind das Joch, das das Wasser für eine Milliarde Menschen trägt.

Meine Familie hat eine persönliche Beziehung zu den Gletschern. Meine Großeltern waren Gründungsmitglieder der isländischen Gletscherforschungsgesellschaft. Als mein Großvater 1955 meine Großmutter auf eine dreiwöchige Forschungsreise mitnahm, dachten einige, er sei verrückt geworden. Eine Frau auf einem Gletscher? Meine Großeltern und das Forschungsteam kartierten den Gletscher. Sie saßen drei Tage lang in einem kleinen Zelt fest. „War dir nicht kalt?“ fragte ich sie. „Kalt? Wir waren gerade erst verheiratet“, antworteten sie. Der Teil des Gletschers, auf dem sie ihr Zelt aufschlugen, hatte damals noch keinen Namen. Heute heißt es Brúðarbunga: Die Wölbung der Braut.

Derzeit sind etwa zehn Prozent Islands mit Gletschern bedeckt. Das Eis in Vatnajökull ist bis zu 1.000 Meter dick. Man muss sich das wie drei Empire State Buildings übereinander gestappelt vorstellen – eine gewaltige Masse, die sich über den Horizont hinaus erstreckt.

Dass etwas so Großes in Wirklichkeit sehr zerbrechlich ist, können wir kaum begreifen. Nicht, dass wir nicht an Veränderungen in der Natur gewöhnt wären: Wir haben Berge, die jünger sind als ich und riesige Krater, die später entstanden sind als die Brooklyn Bridge in New York. Es gibt hier Vulkanausbrüche, die so heftig sind, dass sie alles Menschliche winzig klein erscheinen lassen. Was macht es schon aus, was Menschen tun, fragen die Leute, wenn bei einem solchen Ausbruch Millionen Tonnen CO2 ausgestoßen werden?

2010 legte der Vulkan Eyjafjallajökull alle Flughäfen in Europa lahm. Die CO2-Emissionen lagen bei etwa 150.000 Tonnen pro Tag. Wenig, verglichen mit den fast 100 Millionen Tonnen pro Tag, für die wir Menschen verantwortlich sind. Das entspricht mehr als 600 Vulkanausbrüchen. Man muss sich Ausbrüche auf allen Kontinenten vorstellen, Tag und Nacht, das ganze Jahr über, um sich dann zu fragen: Haben wir wirklich keinen Einfluss auf das Klima?

Manchmal bitte ich Schüler, eine einfache Rechenaufgabe zu lösen: Wer im Jahr 2000 geboren wurde, hat gute Aussichten, 90 Jahre alt zu werden. Vielleicht gibt es dann einen 20-Jährigen im Leben dieses 90-Jährigen. Ein Enkelkind vielleicht, jemand, den er seit 20 Jahren kennt und liebt. Wann wird diese Person 90 Jahre alt sein? Die Schüler rechnen: Etwa im Jahr 2160. Das ist kein abstraktes Datum. Von heute bis 2160, das ist eine Zeitspanne, die wir uns gut vorstellen können Doch wenn wir eine Vorstellung vom Jahr 2160 haben können, was sagen wir dann Wissenschaftlern, die vor einer Katastrophe im Jahr 2070 oder 2090 warnen? Wie kann das jenseits unserer Vorstellungskraft liegen, als wäre es Science Fiction?

Auf die Kupferplatte zum Gedenken an den Ok habe ich an unsere Lieben in der Zukunft geschrieben: „Wir wissen, was passiert und was getan werden muss. Nur du weißt, ob wir es getan haben.“

Andri Snær Magnason wurde 1973 in Reykjavik geboren. 2011 erschien von ihm Traumland – Was bleibt, wenn alles verkauft ist? bei orange press . 2016 war er Präsidentschaftskandidat in Island Auf einer Karte von 1901 umfasst der isländische Gletscher Okjüll 38 km². 1978 waren es noch drei. Die beiden Luftaufnahmen entstanden 1986 (oben) und 2019 (unten)

06:00 23.08.2019
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