Nichts ist wertvoller

Vietnam Mit ihrem XI. Kongress in Hanoi hat sich die Kommunistische Partei erneut als Grals­hüter des Sozialismus und als Schutzpatron der Marktwirtschaft empfohlen

Großheld Le Loi stritt im 15. Jahrhundert gegen die chinesische Ming-Dynastie und wollte Vietnam von deren Willkür befreien. Was ihm erst gelang, als eines Tages die riesige Schildkröte aus einem See mitten in Hanoi auftauchte und Le Loi ein Schwert übergab, das ihm den Sieg erfechten half. Seither heißt das Gewässer See des wiedergegebenen Schwertes und bedient den Mythos, wonach Vietnam unbesiegbar ist. Eine Vorstellung, die Delegierte eines Parteitages in Hanoi zum Hoan-Kiem-See pilgern lässt, um der Legende Tribut zu zollen, die Le Loi als einen Apostel der nationalen Identität hofiert. Vor einem Kongress der Kommunistischen Partei nicht ins Ho-Chi-Minh-Mausoleum zu gehen oder in Tuchfühlung mit der Riesenschildkröte zu flanieren, käme einem Sakrileg gleich. Rituale als Bekenntnis – das hat viel mit dem Selbstverständnis einer Staatspartei zu tun, die mehr patriotische Avantgarde denn ideologischer Vortrupp sein will.

Es ist bis heute in den Nordprovinzen des Viet-Bac-Gebirges undenkbar, dass eine Gemeinde an ihrem Verwaltungssitz ohne die berühmte Inschrift auskommt: „Nichts ist wertvoller als Unabhängigkeit und Freiheit“. Das Vermächtnis von Staatsgründer Ho Chi Minh hat es zur Staatsdoktrin gebracht, die den Sozialismus als brauchbares Vehikel betrachtet, die Unabhängigkeit zu wahren. Überzeugt von diesem Tandem aus Sozialismus und Souveränität hat der XI. Parteitag Mitte Januar Vietnams „sozialistisch orientierte Marktwirtschaft“ erneut als alternativlos reklamiert.

Eine Kopie Chinas?

Auch wenn die Nationalwährung Dong schwächelt und seit 2008 ein Fünftel ihres Wertes eingebüßt hat, eine Inflation die Zehn-Prozent-Marke touchiert, begüterte Vietnamesen ins Gold fliehen und die Korruption ausländische Investoren mehr schreckt als lockt – nonchalant und stoisch sagt der neue Generalsekretär Phu Trong: Es gibt keinen Ausweg, sondern nur diesen Weg im Sozialismus (was dem auch immer an kapitalistischem Aussatz anhaftet).

Vietnamesische Politiker empfinden es als Zumutung, wird ihnen bescheinigt, ihre seit gut 30 Jahren betriebene Reformpolitik des Doi Moi (vietnamesisch: Erneuerung ), sei nichts weiter als ein Plagiat des chinesischen Originals. Tatsächlich sind Parallelen kaum zu übersehen, doch hat die Inventur eines in beiden Ländern erstarrten Staatssozialismus fast zeitgleich begonnen, so dass der Eine kaum den Anderen kopiert haben kann. In China war es Ende 1978 das III.Plenum des XI.Parteitages, auf dem Deng Xiaoping seine Reformen durchsetzte – in Vietnam eine Parteikonferenz vom Frühjahr 1980 in Ho-Chi-Minh-City, die es als fatal geißelte, das Potenzial der südvietnamesischen Metropolen verkümmern zu lassen, anstatt es – auch mit seinen Eigentumsstrukturen – zu nutzen.

Vietnams Nachkriegsökonomie war bis dahin jeden Leistungsnachweis schuldig geblieben, wofür es im wesentlichen drei Gründe gab: Die USA zahlten keinen Cent Wiedergutmachung – die Vietnamesen konnten zusehen, wie sie mit verbrannten Wäldern, verminten Zonen und einer verheerten Infrastruktur zurecht kamen. Zum zweiten fand sich das Land von der Militärpräsenz in Kambodscha überfordert, wo Ende 1978 die Khmer Rouge wohl entmachtet, aber noch nicht geschlagen waren und dem vietnamesischen Besatzungskorps einen zermürbenden Dschungelkrieg aufdrängten. Schließlich trübte die Euphorie nach dem Sieg über die USA und deren südvietnamesische Gefolgschaft im April 1975 den Blick dafür, dass Kriegsökonomien selten Friedensdividenden zeugen. Es drohte gar Hungersnot in Mittelvietnam, als sich die KP Anfang der achtziger Jahre dazu durchringen musste, auf Augenhöhe mit den Defiziten einer versehrten Nation zu leben und sich auf einen sozialistisch-kapitalistischen Zwitterstaat einzulassen. Der galt bald als „kleiner Tiger auf dem großen Sprung“, dem die Investoren nicht mehr ausgingen.

Auf Ausgleich bedacht

Die Staatspartei hat seither das Wirtschaftswunder beaufsichtigt und ihren Führungsanspruch einbalsamiert, wie sie es einst mit Ho Chi Minh (er starb 1969) gegen dessen letzten Willen hielt. So schlug auf dem jetzigen XI. Kongress wie üblich die Stunde der Nomenklatura, die sich nicht in allem einig, aber auf internen Ausgleich bedacht ist.

Der neue Generalsekretär Phu Trong ist erklärter Marxist und Sympathisant Chinas. Truong Tan Sang, die künftige Nr. 2 im Politbüro, will als Präsident der Nationalversammlung die „sozialistische Moral“ gegen Korruption in Stellung bringen und verkörpert damit die nationalkommunistische Ethik. Schließlich bleibt mit Tan Dong ein Reformer Premierminister, der Vietnam eine pragmatische Außenpolitik und mehr Nähe zu den USA empfiehlt.

Ein austarierter Proporz hat dem Führungskartell in Hanoi schon immer geholfen, Machtkämpfe zu vermeiden und handlungsfähig zu sein. Insofern erinnert die jetzige Troika an jenes Dreigestirn, das nach Kriegsende 1975 die schnelle Wiedervereinigung mit dem Süden riskierte. Seinerzeit verbürgte Le Duan als noch von Ho Chi Minh ausgesuchter Erbe die Treue zu den Ideen des Staatsgründers. Ministerpräsident Pham van Dong wahrte die Internationalität des vietnamesischen KP, die nie sektenhafter Radikalität verfiel wie die KP Kambodschas, während der damalige Staatschef Troung Chinh der nationalkommunistischen Orthodoxie verhaftet blieb. Es war Le Duan, der 1980 die erwähnte Parteikonferenz in Ho-Chi-Minh-City besuchte, und Pham van Dong vorbehalten, die Reformen zu fördern, bis die Politik des Doi Moi – auf dem VI. Parteitag 1986 zur Programmatik erhoben – sozialistische Kontinuität und marktwirtschaftliche Innovation zu versöhnen suchte.

Bisher blieb dieses Vademekum Erfolge nicht schuldig und sah dem Aufstieg des Nachbarn im Norden auch bei den Wachstumsraten zum Verwechseln ähnlich. Während China sein Inlandsprodukt zwischen 1980 und 2000 verdoppelte, hat sich Vietnams Wirtschaftsertrag von 2000 bis 2010 verdreifacht ebenso wie das jährliche Pro-Kopf-Einkommen – es liegt heute bei 1.250 Dollar. Längst wird auch Reis exportiert, an dem es vor 30 Jahren so sehr fehlte, dass Vietnams Grundnahrungsmittel rationiert werden musste.

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15:00 31.01.2011

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